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Teufelskreis aus Gewalt und Verfolgung

Wiederentdeckung: József Holdosis großer Roman über eine ungarische Romafamilie.

Der Tiroler Komparatistin Beate Eder-Jordan ist es zu verdanken, dass József Holdosis packender Roman über das Schicksal einer ungarischen Romafamilie, 30 Jahre nach der Veröffentlichung im Verlag Neues Leben, wieder auf Deutsch vorliegt, in der alten Übersetzung von Peter Scharfe, aber unter einem anderen Titel. Der frühere, „Die Straße der Zigeuner”, wurde offenbar für politisch anstößig gehalten und der Originaltitel „Kányák” für zu wenig aussagekräftig. Der Roman erschien ursprünglich Ende der 1970er-Jahre, als sein Verfasser Gymnasiallehrer in Szombathely war. Holdosi starb vor neun Jahren. Er wurde nur 54 Jahre alt.

Anhand seines Werks, das einen Höhepunkt der Romaliteratur darstellt, ließe sich Joseph Roths These diskutieren, derzufolge Schriftsteller alles durch das Mittel der Sprache erleben. „Sie haben kein Erlebnis ohne Formulierung”, schrieb Joseph Roth in seinem Roman „Die Flucht ohne Ende“ und räumte zugleich ein, dass es auch Autoren gibt, die über keine literarischen Muster verfügen, die es ihnen ermöglichten, ihre Erfahrungen niederzuschreiben.

„Um nicht im Erlebnis unterzugehen“, suchen Debütanten nach bestehenden, oft erprobten und zuverlässigen Formulierungen. So entstehen Romane oder Lebensbeschreibungen, die zwar Unerhörtes zur Sprache bringen, dabei aber konventionelle Erzählstrukturen

übernehmen. Es ist, als ob die Kraft ihrer Verfasser sich darin erschöpfte, einen neuen Stoff in die Literatur einzubringen, also nicht ausreichte, ihn auch angemessen zu gestalten.


Alles durch das Mittel der Sprache?

Auf Holdosis Roman trifft Roths Diktum nur insofern zu, als sich in ihm eine Welt offenbart, dis bis dahin nur von außen – von Ethnologen, Soziologen, natürlich auch romantisch gesinnten Dichtern – beschrieben worden war.

Neu war auch, dass diese Geschichte einer Gemeinschaft am Rande eines Dorfes auf eine Art erzählt wurde, die mit ihren magischen und surrealen Stilmitteln den herkömmlichen Realismus weit überstieg. So schonungslos er auch das Elend der Zigeuner schilderte – Holdosi ging es nicht darum, sie als Opfer oder willige Werkzeuge in den Händen der Herrschenden hinzustellen, sondern als Menschen, die bemüht sind, die ihnen aufgezwungenen oder selbstverschuldeten Verhältnisse abzuschütteln.

Sie befehden einander, lassen sich hinters Licht führen, verstricken sich in Illusionen, erleben gefährliche Abenteuer, suchen aber auch nach Möglichkeiten, den Teufelskreis aus Gewalt, Verfolgung und Abhängigkeit zu durchbrechen. Sie wollen nicht mehr, als mit Würde zu leben und in Frieden zu sterben.

Dass es ihnen nicht gelingt, keinem von ihnen, ist kein Grund, die Hoffnung fallenzulassen. Das jedenfalls ist das Empfinden, das sich den Lesern mitteilt. Es verdankt sich dem Vermögen dieses zu Unrecht vergessenen Schriftstellers, die Sehnsucht der Romanfiguren so vehement darzustellen, dass sie als das eigentliche Thema erscheint, mehr aber noch seiner großen Empathie.

Es wäre, glaube ich, nicht vermessen, Holdosis Herzensprosa aus Ungarn in die weite Welt zu verpflanzen. Die Straße, die er beschreibt, könnte auch unter der Sonne der Karibik bestehen und sein Bruder im Geist García Márquez heißen. ■

József Holdosi

Die gekrönten Schlangen

Aus dem Ungarischen von Peter Scharfe. Mit einem Nachwort von Beate Eder-Jordan. 306 S., brosch, €9,90 (University Press, Innsbruck)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2014)