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Welches Menschenbild hat unsere Gesellschaft?

Mehr als das neue Fortpflanzungsgesetz beunruhigt mich das Ausbleiben der Diskussion um die Frage dahinter: Welches Menschenbild hat unsere Gesellschaft?

Im Werk des Philosophen Nicolás Gómez Dávila findet sich der Satz: „Der Mensch ist Geschöpf oder Gott. Die Alternative ist ohne Zwischenstufen und die Wahl unumgänglich. Alles was wir denken fällt unter eine der zwei Kategorien.“ Der Entwurf für ein neues Fortpflanzungsmedizingesetz wäre der richtige Anlass, darüber nachzudenken.

Denn es macht einen Unterschied, ob das Welt- und Menschenbild, aus dem eine Gesellschaft ihre ethischen Grundsätze ableitet, den Menschen als Geschöpf begreift oder als Gott unter Göttern. Die Erkenntnis, Geschöpf zu sein, verweist den Menschen darauf, eine Offenbarung oder die Natur oder beides auszudeuten, um das Leben im Einklang mit dem Schöpfer zu finden – das legt ihm Schranken auf, verführt ihn aber auch dazu, den vermeintlichen Schöpferwillen anderen aufzuzwingen. Die Gesellschaft, die den Menschen hingegen nicht als Geschöpf begreift, läuft Gefahr, dem „Ich darf, weil ich kann!“ zu unterliegen. Was sie zivilisiert sind Empathie und Angst vor Vergeltung: in normalen Zeiten sehr wirksame Emotionen. Für die Freiheit einer Gesellschaft ist es ideal, wenn beide Sichtweisen miteinander ringen und einander so zur ständigen Überprüfung und Reinigung zwingen.

Das neue Fortpflanzungsmedizingesetz setzt sich von der Ehrfurcht vor der Schöpfung ab. Es sieht die Möglichkeiten der Fortpflanzungsindustrie nicht mehr als Unterstützung der Natur dort, wo ein körperlicher Defekt vorliegt. Sondern als Kontrapunkt zur Natur: auch dort, wo in der Natur prinzipiell nicht die Fortpflanzung angesiedelt ist. Im Gesetz sind das zunächst nur Frauenpaare. Aber dem neuen Prinzip gemäß ist es nicht mehr einsichtig, dass das Gesetz die Erfüllung des Kinderwunschs von Einzelpersonen (auch Alleinstehende können wunderbare Väter oder Mütter sein) oder männlichen Paaren vereiteln darf.

Menschen, die sich Kinder wünschen, aber auf natürlichem Weg keine bekommen können, verdienen Respekt. Aber ist es gut, ihre Verneigung vor dem Leben zu unterstützen, indem sich die Gesellschaft über die Schöpfungsordnung hinwegsetzt und über ihre Begründung der Menschenwürde – auch mit Embryonenselektion und bewusster Herbeiführung von Identitätsproblemen der Kinder? Kommen wir da gefährlich nah an die Grundlagen unserer Zivilisation oder sind wir noch im sicheren Bereich? Diese Debatte sollte intensiv geführt werden. Wie aber, wo sie doch von den Regierungsparteien auf zehn Werktage verkürzt wurde? Und wenn unter den im Nationalrat vertretenen Parteien keine mehr das Bild vom Menschen als Geschöpf vertritt?


Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.11.2014)