Nach einer kompletten Neuaufstellung blickt der Verband optimistisch in die Zukunft. Das große Ziel sind die Olympischen Winterspiele 2018. Bittner gibt nicht erst seit diesem Wochenende Anlass zur Hoffnung.
Wien. Exakt 1180 Tage fehlen auf die Eröffnung der Olympischen Spiele in Pyeongchang, doch beim Österreichischen Eisschnelllaufverband sind die nächsten Winterspiele 2018 in Südkorea schon jetzt das große Ziel. „Auf die Kufen, fertig ... Gold!“ lautet das Motto der Austrian Ice Racers (AIR), die in vier Jahren zum großen Sprung ansetzen wollen. Angeführt wird das junge Nationalteam von der zweifachen Juniorenweltmeisterin Vanessa Bittner, 19, hinzu kommen mit Armin Hager, 20, und Linus Heidegger, 19, zwei weitere Nachwuchshoffnungen sowie „Senior“ Bram Smallenbroek, 27.
Der Glanz der letzten olympischen Goldmedaille, die Emese Hunyady 1994 in Lillehammer gewann, ist längst verblichen, aktuell hat der Verband mit zahlreichen Baustellen zu kämpfen. Die neue Außendarstellung ist ein Teil der Neuaufstellung, die Anfang Mai ihren Anfang nahm. Damals endete nach über zwei Jahrzehnten die Ära von Manfred Zojer, der ein finanzielles Desaster hinterließ. Jahrelang war die Einsicht in die Bücher verwehrt worden, von einstigen Rücklagen ist nichts mehr übrig. Auf 30.000 bis 40.000 Euro beläuft sich laut Neo-Präsident Ernst Falger der derzeitige Schuldenstand, der bis Jahresende getilgt sein soll. Mit Michael Hadschieff wurde ein prominenter Ex-Athlet als Sportdirektor gewonnen. „Ich weiß, wie man gewinnt. Gemeinsam wollen wir an frühere Zeiten anknüpfen“, sagte der zweifache Weltcupsieger und olympische Silbermedaillengewinner von 1988. Nicht nur finanziell, auch sportlich fiel der Eisschnelllauf in Österreich in den vergangenen Jahren in ein Tief. Für Hadschieff zum Teil auch eine natürliche Entwicklung. „Randsportarten durchleben immer Zyklen, ein solcher Absturz ist nichts Ungewöhnliches.“
Die Hoffnung auf den nächsten Aufschwung trägt vor allem Bittner, die vergangenen Winter mit ihrer ersten A-Weltcup-Teilnahme sowie der Olympia-Qualifikation aufzeigte. Auch der Traum künftiger Olympia-Sternstunden ruht auf den Schultern des Toptalents. Einen solchen Rucksack will Trainer Hannes Wolf seinem jungen Schützling eigentlich nicht aufbürden, vom großen Potenzial der Innsbruckerin ist allerdings auch er überzeugt. „Vanessa ist ein absoluter Wettkampftyp und bringt die motorischen und körperlichen Voraussetzungen mit“, schwärmt er gegenüber der „Presse“.
Noch wäre Bittner bei den Junioren startberechtigt, doch der Fokus liegt ganz klar im Seniorenbereich. „Im Massenstart ist ein Top-Ten-Platz absolut realistisch, in den metrischen Distanzen wird es noch etwas dauern, dazu fehlt ihr noch die Konstanz.“ Im Massenstart, der 2018 erstmals olympisch ist, kommt Bittner ihre große Erfahrung im Inlineskaten zugute, erst diesen Sommer holte sie bei der EM sechs Medaillen, davon zweimal Gold. Heuer erwartet die 19-Jährige aber nicht nur sportlich eine Reifeprüfung, sondern auch die Matura.
Bittner zeigt bei Weltcup-Auftakt auf
Beim Weltcup-Auftakt im japanischen Obihiro wusste Bittner die hohen Erwartungen zu erfüllen. Nach ihren Gruppe-B-Siegen über 500 und 1000 Meter belegte sie am Sonntag im A-Rennen über 500 Meter Rang drei. Mit der Verbesserung ihres österreichischen Rekords um zwei Hundertstelsekunden auf 38,33 Sekunden erreichte sie den ersten heimischen Weltcup-Podestplatz abseits von Massenstartbewerben seit fast 15 Jahren. Derartige Erfolge zeigen, dass die sportliche Richtung stimmt, die Rahmenbedingungen für die Athleten sind allerdings noch zu optimieren – sowohl was die finanzielle Unterstützung als auch die Professionalität der Betreuung betrifft. „Die Fortschritte sind noch nicht so weit wie erhofft“, bekennt Hadschieff. „Aber wir mussten uns zunächst vorrangig um die Budget- und Saisonplanung kümmern.“ Verbesserungen im medizinischen, therapeutischen wie psychologischen Umfeld soll langfristig auch die Aufteilung der Trainingsgruppe nach Spezialdisziplinen bringen. Im Zuge der Neugestaltung hofft der Verband auch auf das Know-how von Emese Hunyady. Die 48-Jährige lebt mit ihrer Familie in der Schweiz, Gespräche über ein Engagement laufen.
Im Gegensatz zu früher sollen auch im Nachwuchs nachhaltige Strukturen geschaffen werden. „Eigene Projekte im großen Rahmen sind nur schwer umsetzbar“, gesteht Hadschieff, der deshalb von einem disziplinenübergreifenden Förderprogramm träumt. Eishockey, Eisschnell- und Eiskunstlauf sowie Shorttrack sollen die Kinder gemeinsam aufs Eis holen, die Zuteilung erst später erfolgen. Ein Olympiasieg in vier Jahren wäre freilich nicht nur bei der Jugend die beste Werbung für den eigenen Sport. Dass das Ziel sehr hoch gesteckt ist, weiß Hadschieff und ist doch überzeugt: „Wir haben ein Team, mit dem wir es schaffen können.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2014)