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„Voodoo-Medizin“ auf dem Vormarsch

(c) EPA (Antonio Bat)
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Alternative Heilmethoden gewinnen in Österreich an Bedeutung. Patienten müssen die Kosten meist selbst tragen – und das trotz teuren Gesundheits-Systems.

WIEN (chs). Wenn über Alternativ- und Schulmedizin diskutiert wird, prallen Welten aufeinander. Vor allem dann, wenn es um die Frage geht, was die Gebietskrankenkasse zahlen soll. Das zeigte sich Montagabend auch bei einer Podiumsdebatte von „Presse“ und „Pharmig“ (dem Dachverband pharmazeutischer Unternehmen) vor dem Hintergrund aktueller Zahlen des Wirtschaftsministeriums zum österreichischen Gesundheitsmarkt.

Denn die weisen den Bereich der Prävention als größten Wachstumsmarkt aus. Im Jahr 2008 hat er mit 13 Milliarden Euro Umsatz rund 60 Prozent des ersten Marktes (der klassischen Reparaturmedizin) erreicht. Und gerade in der Prävention spielt Alternativmedizin eine bedeutende Rolle: 2008 zahlten die Österreicher 4,6 Milliarden Euro für derartige Heilmittel und freiwillige ärztliche Leistungen – und zwar großteils aus der eigenen Tasche. Im Health Consumer Index, der Europas Gesundheitssysteme vergleicht, fiel Österreich zeitgleich vom ersten auf den dritten Platz zurück.

Den Vorwurf, das österreichische Gesundheitssystem setze zu wenig auf ganzheitliche Medizin und Prävention, will Gesundheitsminister Alois Stöger (SPÖ) trotzdem nicht gelten lassen: „Die Reparaturmedizin leistet viel. Dennoch versuchen wir, den Menschen ganzheitlich zu sehen.“ Jeder Euro für Prävention sei „daher eine gute Investition in die Gesellschaft“.

Auf eine Debatte über die Wirksamkeit alternativer Heilmittel will sich Stöger nicht einlassen: Wichtig sei für ihn vor allem, dass die Menschen die Sicherheit haben: Das bringt mir etwas.“ Gerade bei Ganzheitsmedizin sei die „Abgrenzung zu Unseriösem“ aber schwierig.

Deutlicher formuliert es Michael Freissmuth, Pharmakologe der Med-Uni Wien und Mitglied der Heilmittelevaluierungskommission: Für ihn sind alternative Heilmethoden schlicht „Voodoo-Medizin“, die nur mittels Placeboeffektes wirken. Daher gebe es auch keine ernsthaften klinischen Studien, die die Effektivität etwa von Homöopathie nachweisen.

 

„Mündiger Patient soll wählen“

Wirksamkeit und finanzielle Angemessenheit seien aber unbedingt erforderlich, „wenn die Solidargemeinschaft für etwas zahlen soll“, so Freissmuth. „Sonst könnten wir 60 Prozent der Herren im mittleren Alter mit leicht depressiver Verstimmung auch mit einem Maserati auf Krankenschein heilen.“ Aus dem Publikum, durchwegs Damen und Herren im gesetzten Alter, erntet er dafür Pfiffe und Buhrufe – aber auch Zustimmung. Der Graben zwischen Alternativ- und Schulmedizin ist tief.

Genau da liege auch das Problem, sagt Wolfgang Marktl, Präsident der Akademie für Ganzheitsmedizin. Er fordert eine Symbiose beider Richtungen. Und wenn Alternativmedizin ihre Wirksamkeit naturwissenschaftlich beweise, müsste sie von der Krankenkasse bezahlt werden: „Der mündige Patient kann sich dann aussuchen, was er möchte.“ Marktl spricht damit vielen aus der Seele. Dass Kunden beim Apothekenbesuch öfter „etwas Natürliches“ wünschen, bestätigt auch Betina Halmschlager von der Apothekerkammer.

Pharmig-Präsident Hubert Dreßler betrachtet die unterschiedlichen Zugänge nüchtern: „Wir müssen uns überlegen, was wir zahlen wollen. Wenn die Kasse alles übernehmen soll, muss das Beitragssystem entsprechend aussehen.“ Immer neue Heilmittel in den Kodex aufzunehmen, ohne das System zu ändern, sei auf Dauer nicht möglich.

Aus der Sicht Freissmuths wäre das ohnehin keine sinnvolle Lösung: Dass Patienten für alternative Behandlungen selbst aufkommen müssen, sieht er sogar als Vorteil. Denn Studien zeigten: Der Placeboeffekt wirke „besser bei Zuwendungen, für die man teuer bezahlt“. Zuwendung und heilende Rituale seien übrigens generell eine Hauptaufgabe von Ärzten: „Dafür werden sie bezahlt.“ Nachsatz: „Nicht für teure, wirkungslose Trankln.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.03.2009)

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