Kenias Klein-Unternehmer hatten es schwer. Jetzt werden Hürden abgebaut. „One-Stop-Shops“ werden eingerichtet, die Dutzende Behörden-Wege auf einen einzigen reduzieren.
Wien. Die Pflanze ist klein, man muss sie noch kräftig gießen. Erst vor ein paar Monaten hat Ruth Kiraka in Kenia eine Beratungsagentur für angehende Unternehmer aufgemacht. Aber kuriose Geschichten kann sie schon genug erzählen.
Etwa die vom fleißigen Mietchauffeur. Er führt jeden Tag Manager multinationaler Konzerne durch die Verkehrshölle Nairobis und betuchte Touristen zu Safaris in die Nationalparks. Jetzt will er expandieren, aber dazu hat er, was ihn selbst ziemlich wundert, nicht genügend Geld am Konto. Ruth findet schnell heraus, warum: Er hat jahrelang keine Rechnungen geschickt und darauf vertraut, dass seine honorigen Kunden zahlen – was sie oft genug nicht getan haben.
Der Händler für Computerzubehör hat hingegen zu viele Rechnungen. Er ist von einem Lieferanten betrogen worden, der kassiert hat, ohne zu liefern. Ganz hilflos fühlt sich der Reggae-Sänger, der Musik im Blut, aber keinen Businessplan im Kopf hat. Doch in Ruths Trainingsklasse merkt er: Es geht ihnen allen gleich.
Wer so naiv und ahnungslos ist, der hat eben keine Chance in einer harten globalisierten Wirtschaftswelt, oder? Doch, Ruths Schützlinge haben eine – allein schon wegen ihres Mutes und der Geduld, die sie beweisen.
Ein Jahr braucht es, bis man alle Bewilligungen für eine Firmengründung beisammen hat. Die Steuerlast drückt schwer. Die meisten Kenianer bleiben deshalb Bauern, die sich selbst erhalten, oder richten sich in der Schattenwirtschaft ein. Doch wer sich damit abfindet, hat nie die Chance zu wachsen – Kredite von Banken bleiben ihm verwehrt.
Der Staat soll draußen bleiben
Dabei gelten kleine und mittlere Unternehmen als die große Hoffnung für Afrika. Es gibt sie überall, sie schaffen viele Jobs und verkleinern die Einkommensunterschiede. Sie ziehen ausländische Firmen an, die ihre Nichtkernaktivitäten an sie auslagern. Vor allem aber brauchen sie wenig Kapital, und das bedeutet: Einheimische können sie gründen und führen – ein erster Schritt für die leidgeplagten Afrikaner, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.
Also lernen die mutigen Ahnungslosen in Beratungsagenturen, wie man einen Finanzplan erstellt, einen Kredit beantragt oder sein Geschäft durch Werbung bekannt macht. Allerdings sind selbst viele Berater, die wie Pilze aus dem Boden schießen, Betrüger. Sie kassieren für einen fragwürdigen Crashkurs und sind dann schnell über alle Berge.
Seriöses Training wie das von Ruth Kiraka ist selten. Sie ist eigentlich Ökonomin, lehrt an der Universität. Ihr Fachgebiet sind alle Instrumente, die das Mikrobusiness stärken sollen. Sie berichtet von ersten Erfolgen: In Kenia konnte die Frist zur Anmeldung zum Firmenbuch von einem halben Jahr auf 15 Tage gedrückt werden.
„One-Stop-Shops“ werden eingerichtet, die Dutzende Behördenwege auf einen einzigen reduzieren. Doch bei allen Initiativen zeigt sich: Je mehr der Staat seine Hände im Spiel hat, desto wahrscheinlicher ist das Scheitern. Das zeigt sich gut an den Produktions-Clustern, die in Kenia gebildet worden sind: Die staatlich gesteuerten Kaffee- und Leder-Cluster versinken in Misswirtschaft, der unabhängige Schnittblumen-Cluster feiert Erfolge.
Ruanda als Vorbild
Auch zwischen den Ländern gibt es große Unterschiede. In Nord- und Südafrika ist das private Unternehmertum stärker verankert als in den Ländern um den Äquator. Aber auch hier gibt es Licht und Schatten: Als „hoffnungslose Fälle“ nennt Kiraka im Gespräch mit der „Presse“ Uganda, Simbabwe und Tansania. Im ölreichen Nigeria hingegen können es Unternehmer schaffen – sie brauchen nur eine Kriegskassa für Bestechungsgelder und eine Leibgarde: „In diesem Land gibt es kein Gesetz, nur sehr raue Regeln.“
Besser sieht es in Kenia aus: Nach dem Fastbürgerkrieg im Vorjahr ist zumindest Ruhe eingekehrt. Schwärmen darf Kiraka von Ghana und vor allem von Ruanda: „Dort ist es so leicht, ein Geschäft aufzumachen. Der Präsident hat die Chancen erkannt, ist sehr offen und drängt auf Wandel.“
Neben politischem Willen brauchen die Initiativen freilich auch Geld. Auf einer Konferenz des Wiener Instituts zur Cooperation bei Entwicklungsprojekten (Icep) warb Kiraka um Starthilfe – damit Afrikas Wirtschaftsmotor in nicht allzu ferner Zukunft von allein zu brummen vermag.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.03.2009)