Ein Forensiker in Rotterdam kann erstmals das Zusammenwirken mehrerer Gene prognostizieren.
Seit 1993 beging eine Gewalttäterin quer durch Europa dutzende Verbrechen, darunter sechs Morde, der bekannteste war der an einer Polizistin in Heilbronn 2007. Die Täterin war so brutal wie weitsichtig, sie hinterließ keine Spuren, außer denen, die unvermeidlich waren, weil jeder immer ein paar Haare und viele Hautzellen verliert: Gene. Die der Täterin wurden erstmals 1993 gesichtet, seitdem zeigte sich ihr Genprofil auch in den anderen Fällen – und es zeigte, dass die Taten von einer Frau verübt wurden, das lässt sich aus den Genen lesen.
Demnächst vielleicht noch viel mehr: An der Universität Rotterdam betreibt Manfred Kayser forensische Molekularbiologie – Genetik im Dienste der Gerichtsmedizin –, er kann nun aus den Genen schließen, welche Augenfarbe der Träger dieser Gene hat, bei Blau und Braun funktioniert das mit einer Trefferquote von 90Prozent. Das ist hoch, Augenfarben werden nicht durch ein Gen bestimmt, sondern durch ein Zusammenspiel vieler: Kayser hat acht Gene auf winzige Besonderheiten analysiert, er fand sechs, die im Konzert die Augenfarbe bestimmen (Current Biology, 9.3.).
Ob das Kriminalisten viel hilft, bleibt abzuwarten: Zum einen sind 90Prozent keine 100 – das könnte Fahnder auf falsche Fährten locken –, zum anderen haben etwa von den Bürgern Rotterdams 67,6Prozent blaue Augen und 22,8Prozent braune. Aber bald wird die Haarfarbe dazukommen, die Form des Kinns etc. Dann werden auch gesellschaftliche Entscheidungen fällig, solche Genanalysen zu Fahndungszwecken sind in vielen Ländern verboten, etwa in Österreich.
Aber die Perspektiven reichen viel weiter – von den Anthropologen, die erkunden könnten, welche Augenfarbe der Neandertaler hatte, bis zu den Ärzten, die multigenetische Krankheitsrisken ihrer Patienten kennen wollen. Nicht zu vergessen die Reproduktionsmediziner: Zumindest eine US-Klinik – The Fertility Institutes – hatte auch schon den Service mit der Augenfarbe im Angebot, und zwar für Retortenbabys.
„Kosmetische“ Tests für „Designerbabys“
Die werden in der Präimplantationsdiagnostik ohnehin getestet, bisher auf einzelne Gene, die zu Krankheiten führen. Dann wurde das Angebot ausgedehnt, auf „Kosmetisches – Augen- und Hautfarbe. Aber diese „Designerbabys“ stießen auf so harte Kritik, dass die Firma das „kosmetische“ Offert zurückzog und nur noch Tests für „Krankheiten“ anbietet: „Albinismus, Farbenblindheit“ etc. Wer doch etwas über die Augen seines künftigen Kindes wissen wolle, möge sich gedulden: „Wir kontaktieren sie später.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.03.2009)