Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl

Türkei: Was hinter der kruden Amerika-These Erdoğans steckt

Präsident Recep Tayyip Erdoğan(c) REUTERS (INTS KALNINS)
  • Drucken

Laut dem türkischen Präsidenten Erdoğan sind Muslime vor Kolumbus nach Amerika gesegelt. Die Aussage passt in Ankaras zunehmend antiwestliche Rhetorik.

Istanbul. Erst Christoph Kolumbus und jetzt Hazen. Der Name des kleinen Ortes im US-Bundesstaat North Dakota tauchte am Montag in regierungsnahen Medien der Türkei als angeblicher Beweis für die These von Präsident Recep Tayyip Erdoğan auf, der Islam sei schon lange vor Kolumbus in Amerika angekommen. „Hazen“ bedeutet „traurig“ im Arabischen – doch die Stadt in North Dakota wurde laut ihrer Website nach einem gewissen A. D. Hazen benannt, einem Postangestellten des 19. Jahrhunderts. Mit solch absurden Beispielen bemühen sich regierungsnahe türkische Medien wie die Zeitung „Akşam“, Erdoğans Aussage über die angebliche Entdeckung Amerikas durch Muslime zu stützen. Der Rest der Türkei und der internationalen Gemeinschaft schüttelt darüber den Kopf. Doch das kümmert den Präsidenten nicht. Für ihn geht es darum, sich selbst und die Türkei als Beschützer des Islam zu etablieren.

Ankara füllt diese Rolle systematisch aus. So bauen die Türken in Albanien die größte Moschee des Balkans. Erdoğans Ankündigung, er wolle auch in Kuba eine Moschee bauen lassen, weil Kolumbus dort angeblich ein islamisches Gotteshaus sah, passt zu dieser Politik.

 

Außenpolitische Ambitionen

Für den Moscheebau im Ausland ist das staatliche Religionsamt zuständig, das seit Kurzem direkt dem Ministerpräsidenten, Ahmet Davutoğlu, unterstellt ist. Dieser will die Behörde als außenpolitischen Arm nutzen. Nicht zuletzt deswegen verkündete Erdoğan seine These beim ersten Treffen muslimischer Geistlicher aus Lateinamerika in Istanbul. Die bloße Tatsache, dass die Türkei ein solches Treffen organisiert, deutet auf die Ambitionen des Landes hin.

Über Jahrhunderte seien die Türken die Bannerträger des Islam gewesen, sagte der Präsident in Anspielung auf das Osmanenreich. Die moderne Türkei sei sich daher ihrer Verantwortung bewusst. Der Kurs geht mit einer zunehmend antiwestlichen Rhetorik einher. In seiner Rede griff Erdoğan auch den Westen wegen kolonialer Eroberungen scharf an: diesen Ländern sei es um die Bodenschätze gegangen, doch „die Muslime und die islamischen Staaten wollten nur die Kunde (des Islam, Anm.) verbreiten, die Herzen erobern und den Namen Allahs preisen“.

Der Islam sei nie als Instrument von Kolonialismus und Ausbeutung benutzt worden. Der islamistische Extremismus wird in dieser Weltsicht wegdefiniert: Terror wie der des Islamischen Staates sei unislamisch. „Die Wörter Islam und Terror können nicht miteinander in Verbindung gebracht werden“, sagte Erdoğan kürzlich. (güs)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.11.2014)