Täglich gehen 23 Firmen pleite

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Im Gefolge der Konjunkturflaute rollt auf Europa und Österreich eine Pleitewelle zu. Kleine Firmen sind besonders gefährdet.

Wien. Eine Megapleite wie die des Baukonzerns Alpine, die im Vorjahr die Insolvenzstatistik gehörig durcheinanderwirbelte, ist Österreich heuer bisher erspart geblieben. Allerdings erwischt es sehr viele Klein- und Mittelbetriebe – Ditech, Holland Blumen-Mark und der Reiseanbieter Gulliver sind nur einige prominente Beispiele. Pro Werktag sterben derzeit 23 Firmen.

„Wir stehen vor einer Trendwende – zum Negativen“, sagt der Insolvenzexperte des Kreditschutzverbands von 1870 (KSV), Hans-Georg Kantner, zur „Presse“. Das beweise auch die aktuelle internationale Statistik. Während in ganz Westeuropa die Zahl der Firmenpleiten im ersten Halbjahr um 4,3Prozent gesunken ist, stieg sie hierzulande um 0,4 Prozent an.

 

Musterschüler Dänemark

Damit gehört Österreich – mit Frankreich, Italien, Norwegen und Portugal – zu den wenigen westeuropäischen Ländern, in denen es im Jahresverlauf wieder mehr Firmenpleiten gab (für Griechenland und alle osteuropäischen Länder liegen keine Halbjahreswerte vor). Mit deutlichen Rückgängen können hingegen Dänemark, Luxemburg, Schweden, die Schweiz und Deutschland, aber auch Spanien und Irland aufwarten. Wobei die letzteren beiden Länder den großen Aderlass schon in den Jahren davor erlebt haben.

 

Restriktive Kreditvergabe

Für Kantner ist das freilich kein Indikator für eine generelle Entspannung. Im Gegenteil: „Ich sehe zwar keinen Tsunami mit einem Anstieg der Insolvenzen um 20 bis 30 Prozent auf uns zurollen, aber es gibt auch keinen Grund für Optimismus.“ Die Ursache dafür liegt auf der Hand: Seit jeher spiegeln Insolvenzen die Wirtschaftslage wider, mit einem Nachlauf von einem halben bis einem Jahr. Und diese sieht alles andere denn rosig aus: Die EU hat kürzlich die Prognose für heuer und 2015 drastisch gestutzt. In der Eurozone wird nur mehr ein Wachstum von 0,8 bzw. 1,1 Prozent erwartet. Für Österreich liegen die Zahlen bei 0,7 und 1,2 Prozent.

Dazu kommt, dass vor allem die KMU unter der restriktiven Kreditvergabe der Banken leiden. Die Finanzinstitute müssen aufgrund der Basel-III-Regeln und der EU-Vorgaben ihr Eigenkapital auffetten. Was Kantner prinzipiell ebenso positiv findet wie die Tatsache, dass die Banken mit Geld nicht mehr um sich werfen, vor allem, wenn es nur zur Schuldenabdeckung und nicht für Investitionen eingesetzt wird. Allerdings fehle es inzwischen häufig an Betriebsmitteln, womit die Firmen mit dem Rücken an der Wand stünden.

Parallel zur wirtschaftlichen Entwicklung zeichnet sich laut Kantner daher auch an der Pleitenfront eine Double-Dip-Entwicklung (nach einer kurzen Erholung stürzt die Konjunktur wieder ab, ehe sie sich endgültig erfängt) ab. Nicht nur in Österreich, in ganz Westeuropa dürften heuer und erst recht im nächsten Jahr wieder mehr Unternehmen vor dem Insolvenzrichter landen. Auf genaue Prozentsätze will sich der Experte allerdings noch nicht festlegen. Nur zum Vergleich: 2005, in einem der Pleiten-Rekordjahre, schlitterten pro Werktag 30 Firmen ins Out.

 

USA koppeln sich ab

In das internationale Bild passt nicht nur, dass sich Nordeuropa, Deutschland und die Schweiz im konjunkturellen Abwärtssog besser halten als die Krisenländer des Südens, deren leichte Erholung vor allem auch den milliardenschweren Hilfspaketen geschuldet ist. Die USA haben in den letzten zwei Jahren und in den ersten sechs Monaten 2014 jeweils einen zweistelligen Rückgang der Unternehmensinsolvenzen geschafft. „Nicht überraschend schafften es die USA rascher aus der Krise und dürften sich nun als Welt-Konjunkturlokomotive erweisen“, so Kantner.

Dort hätten sich schmerzhafte Einschnitte wie die Schließung hunderter Banken im Gefolge der Finanzkrise und eine beherzte Investitionspolitik als fruchtbar erwiesen, meint Kantner. Daraus sollte Österreich lernen: „Nicht die Unterstützung schwacher Unternehmen sollte Priorität haben, sondern endlich die Schaffung einer schlanken, effizienten Verwaltung.“ Zudem wirkten Investitionen in die Infrastruktur wachstumsfördernd. Gefährlich sei indes, dass die USA auch der größte Schuldner der Welt sei.

AUF EINEN BLICK

Die Zahl der Firmeninsolvenzen ist im ersten Halbjahr in Österreich entgegen dem allgemeinen Trend in Westeuropa wieder gestiegen. KSV-Experte Hans-Georg Kantner glaubt, dass es im Gefolge der Wirtschaftsflaute schon heuer, aber vor allem 2015 wieder mehr Pleiten geben wird. Dazu trage auch die restriktive Kreditvergabe der Banken bei.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.11.2014)