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Verbündete al-Qaidas rücken bei Aleppo vor

(c) REUTERS (STRINGER)
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Moderate Rebellen haben die strategisch wichtige Stadt Aleppo verlassen. Hauptgrund dafür sind nicht Regime-Angriffe, sondern ist der Siegeszug der extremistischen al-Nusra-Front.

Seit einem Jahr haben sie sich die Regimetruppen in Aleppo langsam vorgearbeitet. Die ehemalige Industriemetropole ist heute von der syrischen Armee fast ganz umzingelt. Der letzte freie Zugang für die Rebellen, ein nur wenige Kilometer breiter Streifen, ist heftig umkämpft. Das Gespenst der Einkesselung geht seit Monaten um. Die Belagerung ist eine Praxis, die das Regime unter Bashar al-Assad in Homs oder in Damaskus angewandt hat: Man hungert die Rebellen und verbliebene Zivilisten aus. Die Folge: eine humanitäre Katastrophe.

„Die Freie Syrische Armee (FSA) hat Aleppo aufgegeben, ihr Führer ist in die Türkei geflüchtet. Zudem hat die FSA den Grenzübergang Bab al-Hawa verloren“ – diese Meldung kursiert nun in internationalen Medien. Diese Berichte sind aber alles andere als akkurat. Die FSA besteht aus vielen Gruppen, und die meisten davon haben Aleppo nicht verlassen. Der angesprochene Führer, Jamal Marouf, war nie FSA-Chef, sondern nur der Kopf der Syrischen Revolutionsfront (SRF). Sie war Anfang November aus ihren Gebieten von den Extremisten der Jabhat al-Nusra vertrieben worden. Und Bab al-Hawa, der syrische Grenzübergang in die Türkei, war nicht in der Hand der FSA. Die Islamische Front kontrollierte die Grenze. In den vergangenen beiden Tagen hatte es dort innerhalb der islamistischen Miliz Gefechte gegeben. Die FSA hat damit nichts zu tun.

 

Jihadisten erbeuten US-Waffen

Was als Scharmützel um übergelaufene SRF-Mitglieder zu den radikalen Islamisten begann, weitete sich schnell zu einer Großoffensive der Nusra-Front aus. Innerhalb von nur einer Woche waren die als moderate Rebellengruppe eingestufte SRF und die mit ihr verbündete Hasem-Bewegung besiegt worden. Al-Nusra eroberte große Teile im Nordosten des Landes. Von Idlib bis nach Hama vertrieb die al-Qaida-Gruppe die moderaten Aufständischen. 70 Prozent der Region Jebel al-Zauwia sollen nun unter der Kontrolle der Nusra-Front stehen. Zum Teil hatten die beiden moderaten FSA-Milizen kampflos Stellungen, Checkpoints und Basen aufgegeben.

Jamal Maarouf, der Führer des SRF, flüchtete damals sofort in die Türkei, und nicht erst dieser Tage. Dort soll er sich an einem geheimen Ort in der Grenzstadt Antakya aufhalten. In einer Videobotschaft rechtfertigte Maarouf den Rückzug seiner Milizionäre. „Wir kommen zurück“, versicherte er. Aber selbst sein Heimatdorf, in dem das Hauptquartier lag, war ohne jeden Schusswechsel verlassen worden. Etwas außerhalb des Dorfs Subdul, das nur eine knappe Fahrtstunde von der türkischen Grenze entfernt liegt, hat die Nusra-Front mehrere Waffenlager entdeckt. Die Jihadisten sollen dort zehn Panzer, 130 Geschütze, Dutzende von Wagen, Lkw sowie 80 Panzerabwehrraketen vom Typ TOW erbeutet haben. Einige der Waffen, wie die TOW-Raketen, stammen aus Lieferungen des US-Militärs. Damit wollte man die Moderaten im Kampf gegen die Terrormiliz des Islamischen Staats (IS) stärken.

 

Geheimprogramm der CIA

Aber auch generell sollten die Moderaten der FSA eine Führungsrolle im syrischen Bürgerkrieg übernehmen. Schließlich gehören sie zu den wenigen, die eine Demokratie, mit Wahlen und Parlament, in Syrien errichten wollen. Alle anderen Rebellengruppen sehen nur den Islam mit dem Rechtssystem Scharia als Fundament eines zukünftigen syrischen Staats. „Offen kann man für einen säkularen Staat nicht eintreten, sonst steht man auf der Abschussliste“, sagte Abu Assam, ein SRF-Kommandant bei einem Interview mit der „Presse“. „Dreimal haben mich Nusra-Front und die Extremisten des IS versucht zu ermorden.“ Zum Beweis hob er sein Hemd hoch und zeigte zahlreiche Schusswunden. Im September genehmigte der US-Kongress einen Plan, um die moderaten FSA-Brigaden zu bewaffnen. Inoffiziell waren die SFR und Hasem-Bewegung jedoch bereits seit vergangenem Jahr aufgerüstet worden. Der CIA hatte dazu ein Geheimprogramm laufen. Kämpfer waren in Trainingslagern in Jordanien ausgebildet worden. „Sie haben uns große Waffenlieferungen versprochen, aber wenig ist eingetroffen“, erzählte SRF-Chef Maarouf Ende vergangenen Jahres der „Presse“. Nach dem Vormarsch der IS-Terrormiliz hat sich das geändert.

 

Enttäuschte Hoffnungen

Die USA sind auf der Suche nach Truppen, die in Ergänzung zu ihren Bombenangriffen gegen die Jihadisten am Boden kämpfen. SRF und Hasem-Bewegung waren dabei eine große Hoffnung. Doch daraus wird nichts.

„Als Bewegung ist es mit dem SRF zu Ende. Al-Nusra hat die SRF-Hochburgen in Idlib und Hama eingenommen“, analysiert Aiman al-Tamimi vom US-Forum Middle East. Für al-Tamimi ist die Offensive der Nusra-front keine große Überraschung gewesen. „Die Aufrüstung der anderen Gruppen durch den Westen war für die Jihadisten eine Bedrohung.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.11.2014)