Am 24. Oktober 1994 präsentierte die altehrwürdige Manufaktur, wie ein Phönix aus der Asche auferstanden, nach der Wende in Dresden ihre erste Uhrenkollektion.
Der Dresdner Uhrmacher Ferdinand Adolph Lange legte mit der Gründung seiner Uhrenmanufaktur 1845 den Grundstein für die sächsische Feinuhrmacherei in Glashütte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Unternehmen enteignet und der Name A. Lange & Söhne geriet so gut wie in Vergessenheit. Im Jahr 1990 wagten Walter Lange, der Urenkel von Ferdinand Adolph Lange, und Günter Blümlein († 1. Oktober 2001), Geschäftsführer der Lange Uhren GmbH und Präsident und Delegierter der IWC Schaffhausen und Manufacture Jaeger-LeCoultre, den Neubeginn. Blicken wir zurück und lassen wir Walter Lange dazu ausgiebig zu Wort kommen.
Was ging Ihnen durch den Kopf am Morgen des Erstauftritts am 24. Oktober 1994? Haben Sie in der Nacht zuvor geschlafen?
Ja, geschlafen habe ich wohl. Was mir durch den Kopf ging, kann ich heute nicht mehr sagen. Schon die Tage zuvor waren sehr aufregend und hektisch gewesen, denn unser Erstauftritt bestand eigentlich aus zwei Veranstaltungen. Bereits am 19. und 20. Oktober 1994 hatten wir einige namhafte Juweliere nach Glashütte eingeladen und ihnen die erste Kollektion vorgelegt. Die Pressekonferenz fand dann am 24. Oktober 1994 im Dresdner Schloss statt.
Können Sie uns mehr über die Pressekonferenz erzählen? Warum im Dresdner Schloss?
Das Dresdner Schloss war damals noch eine Baustelle, es war im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. Für diesen Ort hatten wir uns ganz bewusst entschieden. Denn die Präsentation sollte in einem Rahmen stattfinden, der einerseits der Lange-Tradition gerecht wird und andererseits den Aufbruch in eine neue Zeit dokumentiert. Im Dresdner Schloss hatte Johann Christian Friedrich Gutkaes gelebt und gearbeitet. Der Lehrherr und Schwiegervater meines Urgroßvaters war hier als königlich-sächsischer Hofuhrmacher angestellt und für die Turmuhr verantwortlich. Leider war es nicht möglich, die Veranstaltung in seiner früheren Wohnung im Schlossturm durchzuführen, denn das Refugium im Turm war im Februar 1945 völlig ausgebrannt und seitdem noch nicht renoviert worden. Also mussten wir improvisieren. Wir fanden in der ersten Etage einen Raum, der schon halbwegs restauriert, aber noch im Rohbau war. Ich erinnere mich noch genau an die rußgeschwärzten Fensterhöhlen. Ein nicht gerade festliches Ambiente, aber in gewisser Weise doch passend zu der Pionierzeit, in der wir uns befanden. Der Teppich, eigens für uns ausgelegt, verbarg immerhin den staubigen Betonboden der Baustelle. Heute strahlt das Dresdner Schloss ja wieder in seiner alten Pracht, man kann sich kaum noch vorstellen, wie es damals in den Räumen aussah.
Herr Lange, erinnern Sie sich noch an das Programm dieses Tages? Was passierte? Und wer war eingeladen?
Wir hatten etwa 50 Journalisten eingeladen – Uhrenexperten, Wirtschaftsjournalisten, die nationale Tagespresse und Vertreter der lokalen Medien. Auch lokale Prominenz war anwesend, unter anderem der sächsische Ministerpräsident. Die Pressekonferenz begann um 11 Uhr. Unser Hausmeister hat die Gäste eingewiesen. Begrüßt wurden sie durch August den Starken und die Gräfin Cosel, zwei Schauspieler, die einen Hauch sächsischer Geschichte in den Raum bringen sollten. Mein Partner Günter Blümlein sprach zuerst, dann hielt ich eine Rede und anschließend Martin Huber, ein Münchner Uhrenfachhändler, mit dem mich seit Mitte der 1970er-Jahre eine freundschaftliche Beziehung verband. Er hatte damals durch eine Ausstellung historischer Lange-Taschenuhren dazu beigetragen, dass das Interesse an der Marke in Fachkreisen bestehen blieb.
An der Wand hingen vier riesige Plakate, die wir nacheinander enthüllten. Jedes Plakat zeigte eines der vier Modelle, die wir vorstellten: die Lange 1, die Saxonia, die Arkade und das Tourbillon „Pour le Mérite“. Anschließend konnten die Journalisten die Uhren im Original auf einem Tisch ansehen, die Uhrwerke wurden zusätzlich in Schaukästen gezeigt. Blümlein und ich mussten viele Fragen beantworten.
Und was geschah nach der Pressekonferenz?
Nach der Pressekonferenz gingen wir zum Mittagessen in das Italienische Dörfchen, ein nahe gelegenes Restaurant direkt an der Elbe. Von dort aus fuhren wir mit den Journalisten nach Glashütte, um unsere Werkstätten zu besichtigen.
Wie ging es Ihnen im Lauf des Tages, nachdem Sie so lang an der Wiederbelebung von A. Lange & Söhne gearbeitet hatten?
Ich war natürlich aufgeregt, euphorisch. Beim Mittagessen nach der Präsentation habe ich dann tatsächlich meine Aktentasche im Restaurant stehen lassen. Zum Glück hat jemand aufgepasst und sie mitgenommen.
Hatten Sie während der Veranstaltung Sorge, dass etwas schiefgehen könnte? Oder dass die neue Kollektion bei den Journalisten keinen Anklang findet?
Natürlich gehen einem in so einem Moment viele Gedanken durch den Kopf, und man erlebt auch kurze Momente des Zweifels. Meinen Partnern ging es sicher nicht anders. Aber wir haben niemals offen Bedenken geäußert, sondern sind immer optimistisch gewesen. Schließlich hatten wir vier Jahre lang unsere ganze Kraft und viel Geld in die Neugründung des Unternehmens gesteckt.
Können Sie sich an Gespräche oder Momente mit Günter Blümlein an diesem Tag erinnern?
An den Tag selbst habe ich nur verschwommene Erinnerungen, das liegt sicher an der Aufregung. Aber ich erinnere mich noch sehr gut an die Tage davor. Damals teilte ich mir mit Günter Blümlein ein Büro in unserem Gebäude Lange I. Dort saßen wir vor unseren Schreibmaschinen und arbeiteten an unseren Reden, deren Inhalte wir miteinander diskutierten und aufeinander abstimmten.
Beschreiben Sie uns die Atmosphäre der Veranstaltung. Was erwarteten die Journalisten? Wie haben Sie sich vorbereitet?
In den Wochen und Monaten, in denen wir in Glashütte an den neuen Modellen gearbeitet hatten, hatten wir keinerlei Vorabinformationen gegeben, weder an die Presse noch an den Fachhandel. Abgesehen vom Preissegment an der Spitze des Luxusuhrenmarkts, das wir anstrebten. Natürlich waren vereinzelte Informationen durchgesickert und auch an die Presse gelangt – Anlass genug, darüber zu spekulieren, dass in Glashütte bei Lange wieder einzigartige Uhren entstehen würden. Die Spannung war also offensichtlich nicht nur auf unserer Seite, sondern auch bei den Journalisten riesengroß. Die Medienpräsenz war enorm. Letztendlich ging es nicht nur um unsere Uhren. Am Beispiel des Wiederaufbaus unseres Unternehmens sollte auch deutlich werden, dass der Freistaat Sachsen und seine Wirtschaft dabei waren, zu alter Stärke zurückzufinden. Gerade kleine und mittelständische Unternehmen waren von Beginn des 19. Jahrhunderts bis ins 20. Jahrhundert hinein das Rückgrat der sächsischen Wirtschaft, die in Deutschland führend war. Daran erinnerte ich in meiner Rede. Ich erwähnte auch, dass wir nicht nur wieder die besten Uhren der Welt bauen wollten, sondern auch der größte Investor in Glashütte waren. Mir war besonders wichtig, darauf hinzuweisen, dass wir dabei ganz enorm von den handwerklichen Fertigkeiten und der großen Einsatzbereitschaft unserer Mitarbeiter profitierten.
Können Sie sich noch an Reaktionen der Gäste erinnern? Wie ging es Ihnen dabei?
Die Enthüllung der vier Uhren war ein echter Knaller, von den anwesenden Journalisten und Ehrengästen mit lebhaftem Beifall bedacht. Die Resonanz in der Öffentlichkeit war großartig, wir hätten uns nichts dergleichen träumen lassen. Die Weltfachpresse berichtete über unsere Uhren, besonders über den „Exoten aus Sachsen“, die „Lange 1“.
Die Fachhändler hatten die Uhren bereits ein paar Tage zuvor gesehen. Wie war deren Reaktion?
Wie schon erwähnt, bestand der Erstauftritt aus mehreren Veranstaltungen. Bereits am 19. und 20. Oktober hatten wir zwölf namhafte Juweliere aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zu Gast in Glashütte. Wir haben ihnen unser Unternehmenskonzept vorgestellt, die Manufaktur gezeigt und natürlich die bereits fertiggestellten Uhren.
Fast vier Jahre lang hatten wir hart gearbeitet. Wir hatten die Produktionsanlagen aufgebaut, ein Gebäude saniert, Technologien entwickelt, neue Fachkräfte angeworben und sie weiter ausgebildet. Und vor allem hatten wir unter enormem Zeitdruck vier neue Uhren entwickelt. Der ehrgeizige Maßstab dabei war die große Tradition des Unternehmens, die uns zu höchster Präzision und Qualität verpflichtete.
Da lagen sie nun auf dem Präsentiertisch unter den kritischen Augen der eingeladenen Juweliere. Darunter die „Lange 1“, gewissermaßen unser Gesellenstück. Was die Qualität und ihre mechanischen Elemente betrifft, sollte die „Lange 1“ tatsächlich den hohen Standard unserer Uhren dokumentieren – eine bis dahin noch nie gebaute Herren-Armbanduhr in Gold oder Platin, mit dezentraler Stundenanzeige, kleiner Sekunde, Gangreserveanzeige und mit der weltweit einzigartigen, inzwischen vielfach kopierten Großdatumsanzeige.
Können Sie uns auch über die anderen Uhrenmodelle etwas erzählen?
Das zweite Modell, die „Arkade“, eine Armbanduhr für Damen, war ebenfalls mit dem Lange-Großdatum ausgestattet. Bei der „Saxonia“, dem dritten Modell, handelte es sich um eine schlichte Golduhr mittlerer Größe mit Stunden- und Minutenanzeige, kleiner Sekunde und Großdatum. Wir wählten für dieses Modell bewusst den stolzen Namen Sachsens und damit des Landes, das schon bei allen früheren Uhren von A. Lange & Söhne auf dem Zifferblatt mit der bekannten Abkürzung „i/SA“ – in Sachsen – ausgewiesen war. Und schließlich präsentierten wir den Juwelieren das Tourbillon „Pour le Mérite“, den Superlativ der Kollektion: ein Meisterstück, das über einen Kette-Schnecke-Mechanismus verfügte, der bis dahin noch in keiner Armbanduhr realisiert worden war.
Wie reagierten die Gäste? Waren Sie sich nach dieser Veranstaltung sicher, dass die Wiederbelebung der Marke gelungen war?
Natürlich waren wir von unseren Uhren überzeugt, schließlich hatten hoch qualifizierte Fachleute mit großer Leidenschaft und Hingabe daran gearbeitet. Aber dennoch, mir fiel der sprichwörtliche Felsbrocken vom Herzen, als ich begriff, wie die Experten auf unsere Uhren reagierten. Ich bin überzeugt, ich werde Ähnliches nicht wieder erleben. Normalerweise ordern Konzessionäre verdeckt, wie Kaufleute, die sich von ihren Wettbewerbern nicht gern in die Karten schauen lassen. Doch angesichts der „nur“ 123 Uhren, die wir ihnen zu diesem Zeitpunkt anbieten konnten, gaben die Herren ihre sonst übliche Zurückhaltung auf. Ihr Urteil über die „Lange 1“, die „Arkade“, die „Saxonia“ und das Tourbillon „Pour le Mérite“ fiel geradezu euphorisch aus, und sie orderten entgegen jeder Gewohnheit offen. Und zwar so viele Stücke, wie sie nur bekommen und wir ihnen zuteilen konnten. Gerecht sollte es dabei zugehen. Da sich 123 nun beim besten Willen nicht durch zwölf teilen lässt, mussten die letzten Stücke per Losentscheid zugeteilt werden – das kürzere Ende eines Streichholzes gab schließlich den Ausschlag für den weiteren Weg eines Tourbillons.
Alle Uhren wurden also verkauft?
Ja, wir konnten auf einen Schlag alle bis dahin produzierten Uhren in den Handel geben. Damit hatten wir nicht gerechnet – es hätte nicht besser laufen können. Und natürlich war das Urteil der Juweliere mehr als ermutigend für den 24. Oktober, an dem wir unsere Kollektion der Presse vorstellen wollten.
Was geschah unmittelbar nach den beiden Veranstaltungen? Haben Sie gefeiert?
Viel Zeit zum Feiern hatten wir nicht. Wir haben uns gleich wieder an die Arbeit gemacht.