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"Syrisches Regime provoziert Krieg - Kurden gegen Araber"

Kurdenpolitiker Abdulhakim Bashar
Kurdenpolitiker Abdulhakim BasharStanislav Jenis
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Der Vizechef der Opposition, der Kurde Abdulhakim Bashar, will Kampf gegen IS unter Flagge der Freien Syrischen Armee führen, um Araber nicht vor den Kopf zu stoßen.

Die Presse: In Syrien gewinnt das Assad-Regime wieder an Stärke. Und zugleich sind die Extremisten des sogenannten Islamischen Staates (IS) auf dem Vormarsch. Wie kann dieser verworrene Konflikt noch gelöst werden?

Abdulhakim Bashar: In den Syrien-Konflikt spielen auch die großen internationalen Fragen hinein – etwa das Verhältnis der USA zu Russland. Um ihn zu lösen, müssen sich die Großmächte einigen. Bei Fieber hilft es nicht, nur etwas gegen Fieber einzunehmen. Man muss die Ursachen bekämpfen, sonst kommt das Fieber immer wieder. Das Assad-Regime ist Ursache dafür, dass der IS in Syrien vorrückt. Will man den IS ausschalten, braucht man eine Lösung für ganz Syrien: Assad muss weg, wir brauchen demokratische Verhältnisse. Man kann den IS in einigen Orten bombardieren. Aber solange Assad an der Macht ist, wird der IS bei vielen Arabern willkommen sein. Die einfachen Leute denken: Wenn die USA gegen den IS kämpfen, aber Assad verschonen, dann ist der IS unsere Verteidigungstruppe, denn Assad ist unser Problem.

 

Wie kann in der jetzigen Situation Assad von der Macht verdrängt werden?

Die Freie Syrische Armee (FSA) muss Waffen und massive Unterstützung erhalten. Wenn die FSA stärker wird, zwingt das das Regime an den Verhandlungstisch. Wie genau ein Kompromiss aussehen wird, ist schwer zu sagen. Eines ist klar: Assad muss gehen, aber er braucht dafür auch Garantien.

 

Sollen Syriens Kurden im Zuge einer Lösung eine Autonomie erhalten?

Wir verlangen keine spezielle Autonomie für die Kurden, sondern Föderalismus für ganz Syrien. Wegen des Krieges ist das Vertrauen innerhalb des syrischen Volkes verloren gegangen. Es wird schwierig werden, dass in Zukunft etwa eine alawitische Frau dort arbeiten kann, wo vor allem Sunniten leben. Das wäre wohl zu gefährlich, weil so viel Blut vergossen worden ist.

 

Aber es gibt ja bereits eine Art von Autonomie in Syriens Kurdengebieten (Rojava). Die Kantone Afrin, Kobane und Cizîrê kontrollieren Kurden unter der Führung der PKK-Schwesterpartei PYD.

Das ist keine Autonomie. Im Kanton Cizîrê arbeiten weiterhin Beamte des syrischen Regimes, und der syrische Geheimdienst ist dort aktiv. In der Stadt Qamishli sind nach wie vor Truppen des Regimes stationiert.

 

Wollen Sie behaupten, dass Qamishli nicht von der Kurdenpartei PYD kontrolliert wird, sondern von Syriens Regime?

Ja, und nicht nur die Stadt Qamishli, sondern der gesamte Kanton Cizîrê.

 

Ihr Parteienbündnis Kurdischer Nationalrat steht in Konkurrenz zur PYD. Haben Sie derzeit Kontakte zur PYD?

Wir haben vor etwa zwei Wochen in Dohuk ein Abkommen mit der PYD unterschrieben. Aber bisher ist es nicht umgesetzt worden. Der Kurdische Nationalrat will seine eigenen Peshmerga-Einheiten in die umkämpfte Stadt Kobane schicken, aber die PYD lässt das nicht zu. Die PYD verlangt, dass sich unsere Kämpfer der PYD-Parteimiliz, den YPG-Volksverteidigungseinheiten, unterordnen und auch die Ideologie von PKK-Chef Abdullah Öcalan übernehmen.

 

Die PYD sagt aber, dass die YPG mittlerweile die Armee von ganz Rojava ist, und nicht nur eine Parteimiliz.

Die YPG gehört natürlich zur PYD und nicht zu Rojava als Ganzes.

Aber die YPG erzielte große militärische Erfolge: Sie verteidigt Kobane gegen den IS und rettete viele Yeziden vor dem IS. Ist die YPG deshalb nicht wichtig für Rojava?

Vor den Kämpfern der YPG haben wir großen Respekt. Sie stellen sich mutig dem IS entgegen. Aber bei den Führern der YPG und der PYD sind wir uns nicht sicher, woher sie wirklich ihre Befehle bekommen. Viele unserer Leute wurden von der PYD verhaftet. Sie hat mit Demokratie nichts zu tun.

 

Mittlerweile unterstützen aber sogar die USA die YPG-Kämpfer in Kobane.

Ich sehe darin eine Gefahr. Denn die Araber denken: Warum unterstützen die USA die kurdische YPG und nicht unseren Kampf gegen Assad? Syriens Regime hat Alawiten und Sunniten gegeneinander aufgehetzt. Jetzt provoziert es einen Kampf Araber gegen Kurden. Ein solcher Krieg wäre katastrophal.

 

Aber gab es eine Alternative zur Hilfe durch die USA? Ohne US-Luftangriffe hätte der IS wohl Kobane längst erobert.

Die Alternative wäre, dass die USA nicht nur die YPG unterstützt, sondern auch unsere Peschmerga und die Freie Syrische Armee. Wenn wir unsere Städte verteidigen, muss das unter dem Dach der FSA passieren, damit die Araber die US-Unterstützung nicht als einseitige Hilfe für die Kurden sehen.

 

Die PYD wirft Ihrer Partei vor, der verlängerte Arm des irakischen Kurdenpräsidenten Barzani und der Türkei zu sein.

Vor dem Beitritt unserer Partei zur Nationalen Koalition Syriens hatten wir keine Kontakte zur Türkei. Jedenfalls ist es im Interesse der syrischen Kurden, gute Beziehungen zur Türkei zu haben. Wir sollten uns nicht in ihren Konflikt mit der PKK einmischen.

ZUR PERSON

Der Kurde Abdulhakim Bashar ist Vizepräsident der Nationalen Koalition Syriens, einer Dachorganisation syrischer Oppositionsgruppen, die von mehr als 100 Staaten als legitime Vertretung des syrischen Volks anerkannt wird. Zugleich führt er diesogenannte Demokratische Partei Kurdistan – Syrien,die wichtigste Kraft im Bündnis Kurdischer Nationalrat. Der Nationalrat steht in Konkurrenz zur Partei PYD, die in Syriens Kurdengebieten regiert und die Ideologie von PKK-Chef Öcalan vertritt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2014)