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Wiener Festwochen: "Mit keiner Partei ins Bett legen"

(c) APA/HELMUT FOHRINGER
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Tomas Zierhofer-Kin, Intendant ab 2017, will die türkische Community herausfordern, Stadtteil-Theater zeigen und neue Projekte bei klassischer Oper.

Leonard Cohen ist für ihn einer „der großen Poeten“, die Talente verheizende Musikindustrie hat er oft kritisiert, er selbst hat Gesang am Mozarteum studiert: 2017 übernimmt der Salzburger Tomas Zierhofer-Kin die Wiener Festwochen – als Nachfolger von Markus Hinterhäuser, der Intendant der Salzburger Festspiele wird. Die Stadt Wien wächst rasch, es sei nötig, Brücken zwischen Tradition und neuem Publikum zu schlagen, erklärte Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny am Mittwoch bei der Vorstellung Zierhofer-Kins, der seit zehn Jahren das NÖ-Donaufestival leitet und zuletzt als Motto „Redefining Arts“ wählte.

 

Die Presse: Bei der Pressekonferenz wurde stark betont, wie toll die Festwochen sind. Şermin Langhoff kam gar nicht erst nach Wien, Frie Leysen ging nach einem Jahr und kritisierte verkrustete Strukturen bei den Festwochen, Markus Hinterhäuser wechselt bald nach Salzburg. Mit Ihnen hat man sicherheitshalber gleich einen Fünf-Jahres-Vertrag abgeschlossen, der bereits unterzeichnet ist. Sie fühlen sich dennoch nicht als Notnagel?

Tomas Zierhofer-Kin: Überhaupt nicht, ganz im Gegenteil. Ich freue mich!

 

Können Sie sich jetzt Scott Walker leisten?

Leisten vielleicht, aber nachdem er nie auftritt, wird ein Engagement unmöglich sein.

 

Klassik-Kritiker sind skeptisch, Sie könnten das Opernprogramm umgestalten.

Ich möchte mich mit Künstlern und Künstlerinnen, die ich schätze, auch an das Thema Oper wagen, ich denke intensiv darüber nach, was kann Oper heute wirklich bedeuten – ein staatstragendes Kunstmittel im postkolonialen Diskurs? Wenn man z.B. „Aida“ anschaut, das Material hernimmt, um sich in positiver Art und Weise daran zu reiben. Aber wir werden auch die vorhandenen Stränge fortführen. Es gibt Gespräche mit dem Schauspielchef Stefan Schmidtke, der bleiben soll. Er kennt sich sehr gut mit Stadttheater, Sprechtheater, Performance, Theaterentwicklungen aus. Ich will aber auch neue Formate entwickeln, neues Publikum soll zu den etablierten Orten kommen und das sogenannte etablierte Publikum an neue Strukturen, Formate herangebracht werden. Ich will im Burgtheater oder in der Halle E im MQ große Aufführungen zeigen, aber wir könnten auch Höfe und Bezirke bespielen. Ich möchte verschiedene Elemente und Publikums-Gruppen zusammenbringen.

Was gefällt Ihnen, was haben Sie gesehen?

Man sagt, die Erzählung geht weg von der klassischen Narration, einer Geschichte mit Handlung und Wörtern, zur Erschaffung eines Gesamtzustandes. Psycho-Aktivismus nennen sie das in der Off-Plattform Hamburger Kampnagel-Fabrik. Das Publikum wird in ein Erlebnis mitgenommen.

 

Die Gruppe Signa hat in Salzburg 2011 mit einer Performance u.a. über Mädchenhandel für Aufregung gesorgt.

Signa, ja! Leider sind die sehr teuer. Man müsste eine Geschichte aus einem Grätzel entwickeln, z.B. die Quellenstraße, man baut ein Rollenspiel über historische und aktuelle Realitäten des Lebens der Menschen, es gibt dort eine Theater-Zone, da fallen die Besucher hinein und wissen nicht, ob der Kellner, der ihnen den Kaffee serviert, ein Performer ist oder ein echter Kellner. Beim Donaufestival hatten wir Showcase Beat Le Mot, viele Intellektuelle haben gesagt, endlich ein Theater, wo wir reingehen können, eine Generation, die popkulturell sozialisiert wurde als neue Linke.

 

Sind Sie ein neuer Linker? Mehr Sozialdemokrat oder mehr Grüner?

Ich stehe keiner Partei nahe und möchte auch nicht den Fehler von Kollegen machen, sich mit einer Partei ins Bett zu legen.

 

2015 sind Wahlen in Wien. Die Rechten werden stärker, insgesamt in Europa. Kann Kultur integrativ wirken?

Sicher. Ich könnte mir vorstellen, die türkische Community mal zu fordern, herauszufordern. Oder man bringt die persische Community mit einem Projekt in den Musikverein, dass man mal sieht, wie Terrains aufbrechen. Der Diskurs ist oft ausgrenzend, immer dieselben Leute kommen zusammen, sind einer Meinung, lassen sich befeiern und bereden, wie dramatisch das mit den Rechten ist. Wir wollen Grenzen überschreiten, und zwar sehr intensiv, und das Modell des Diskurses auf verschiedenen Ebenen öffnen.

ZUR PERSON

Tomas Zierhofer-Kin, geboren 1968 in Salzburg, ist ein Fan der Mahü, wo er in Wien auch lebt. Er studierte Komposition, Philosophie, Musikwissenschaft, Gesang und Kulturmanagement. 1993 bis 2001 führte Zierhofer-Kin mit Markus Hinterhäuser das Festival Zeitfluss bei den Salzburger Festspielen. 2002 bis 2004 entwickelte er mit Hinterhäuser die ZeitZone bei Wiens Festwochen. Seit 2005 leitet Zierhofer das Donaufestival in Krems.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2014)