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Ein starker Lyriker am Pult der Holländer

(c) Wiener Konzerthaus
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Der sensible junge Robin Ticciati leitete im Großen Konzerthaussaal das Concertgebouw-Orchester.

Auch das ist Feingefühl: Der Applaus war herzlich, das Orchester schlug schon die Noten einer möglichen Zugabe auf – aber der Dirigent bedankte sich nur immer wieder artig und verzichtete auf ein Encore. Trotz der Bravorufe schien Robin Ticciati die Stimmung im Konzerthaus wohl doch nicht zwingend für ein populäres Häppchen nach „La mer“.

Wobei eine zarte Rarität hier ohnehin besser gepasst hätte. Denn der 31-jährige Londoner, der bereits etliche Rekorde als jüngster Dirigent aufgestellt hat (etwa an der Scala), ist so ziemlich das Gegenteil eines jugendlichen Heißsporns. Freilich hat er das nötige Temperament, um etwa die finalen Wogen von Debussys symphonischen Ozeanszenen dramatisch aufzupeitschen. Aber sein Talent, geschult an Mentoren wie Colin Davis und Simon Rattle, entfaltet sich im Lyrischen, Empfindsamen noch intensiver. Zumindest hatte man den Eindruck bei diesem Gastspiel des Amsterdamer Orchesters, das im Februar noch einmal nach Wien kommt, mit Mariss Jansons in den Musikverein.

 

Liebe zum Französischen

Bei der aktuellen Tournee konnte Ticciati ganz seiner Liebe zum französischen Repertoire nachgeben. Nicht alle Tage winden sich die melodischen Ranken so anmutig, duftig und luzide durch die Tonarten wie diesmal etwa in der Sicilienne der Bühnenmusik zu Maeterlincks „Pelléas et Melisande“: Gabriel Fauré hat darin amourösen Drang, Melancholie und subtile Klage in ein diffiziles Gleichgewicht gebracht, das Ticciati mit dem voller Flair agierenden Orchester stilsicher traf. Auch in den „Valses nobles et sentimentales“ beeindruckte seine Fähigkeit zur subtilen Organisation von Mixturklängen und filigranen Gestalten, obwohl spätestens im Epilogue doch noch Wünsche an Ausdruckstiefe offenblieben – dort nämlich, wo Ravel immer noch einen Schleier über die verschwimmenden, verschwindenden Tanzgesten zu werfen scheint.

Danach konnte es nicht mehr überraschen, dass in „La mer“ gleichfalls vor allem schön aufgeschlüsselte Details in Erinnerung blieben. Von Erinnerungen musste man auch bei Vesselina Kasarova zehren, die als Einspringerin für Elīna Garanča in Hector Berlioz' „Cléopâtre“ versuchte, selbst stimmlichen Verschleißerscheinungen noch theatralische Expressivität abzugewinnen. Ticciatis im Programmheft zitierte Charakterisierung des Stücks als „Gluck auf Speed“ passte freilich exakt: ein Werk von ungebrochen widerborstiger Modernität. (wawe)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2014)