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Indien: Straßenschlachten um einen Guru

(c) REUTERS (ANINDITO MUKHERJEE)

Ein selbst ernannter Prediger hat sich mit tausenden Anhängern verschanzt. Sie verhindern, dass ihn die Polizei festnimmt. Gegen den Sektenführer wird wegen Mordes ermittelt.

Bangkok. Nach tagelangen Straßenschlachten mit den Anhängern eines selbst ernannten Predigers hat die Polizei im indischen Bundesstaat Haryana am Mittwoch vier tote Frauen und ein totes Kind gefunden. Woran sie gestorben sind, soll nun durch Obduktionen geklärt werden. Eine weitere Frau, die sich vor den Zusammenstößen in Sicherheit gebracht hatte, starb offenbar an Herzversagen.

Unterdessen hält sich der umstrittene Guru Rampal Dass weiter verschanzt. Bereits seit zwei Wochen versuchen Sicherheitskräfte, Dass festzunehmen – bisher wurden jedenfalls mehr als 400 Menschen verhaftet, viele von ihnen sollen Mitglieder der Privatarmee der Sekte sein. Jedes Mal, wenn die Polizei vordrang, kam es zu schweren Zusammenstößen mit Sektenanhängern, bei denen insgesamt 200 Menschen verletzt wurden. Mit geschätzten 5000 Anhängern hält sich Rampal Dass auf dem Gelände seiner Sekte auf. Gegen ihn wird wegen des Mordes eines Unterstützers einer konkurrierenden religiösen Gruppe ermittelt, den Dass Anhänger 2006 getötet haben sollen. Seitdem ist er mehr als 40-mal nicht zu Gerichtsterminen erschienen. Er ist derzeit auf Kaution in Freiheit.

 

Drei Ringe um das Areal

Ein Gericht hat daher Haftbefehl erlassen. Am Mittwoch erhoben die Behörden gegen den Prediger und seine Anhänger zusätzlich Anklage unter anderem wegen Aufwiegelung. Verhandlungen schlossen sie aus.

Die Umgebung des Satlok Aschrams in Barwala, wo sich das Gelände der Sekte befindet, sah am Mittwoch aus wie ein Schlachtfeld. Die Anhänger des Gurus haben Molotowcocktails auf die Beamten geworfen, einige hätten auch geschossen, erklärte die Polizei. Purshottam Dass, der Bruder des Sektenführers, wurde festgenommen, als er am Mittwoch zu fliehen versuchte. Auch tausende Besucher haben das Gelände mittlerweile verlassen. Einige erklärten, die Anhänger der Sekte hätten versucht, sie auf dem Gelände festzuhalten.

Die Polizei hat für den Einsatz drei Ringe um das Areal der Sekte gezogen und sei Behördenangaben zufolge bemüht, noch mehr Blutvergießen zu vermeiden. Kurzzeitig sei der Einsatz ausgesetzt worden, um weiteren Menschen die Flucht zu ermöglichen; von den insgesamt 15.000 Menschen hätten sich bislang rund 10.000 in Sicherheit gebracht. Unter den Verbliebenen seien viele Frauen und Kinder.

Ein Ultimatum hat die Polizei den Sektenanhängern nicht gestellt. In Indien kommt es immer wieder zu Skandalen um Gurus. Einige von ihnen haben millionenschwere Firmenimperien aufgebaut, mit eigenen Fernsehsendern und Meditationszentren. Asaram Bapu etwa unterhält 425 Glaubenszentren und mehr als 50 religiöse Schulen im gesamten Land. Gegen ihn wird unter anderem wegen sexuellen Missbrauchs und Landraubes ermittelt. Nach der Gruppenvergewaltigung und Ermordung einer jungen Frau in einem Bus in Delhi Ende 2012, die weltweit Entsetzen ausgelöst hat, sorgt der Guru für Empörung, als er erklärte, das Opfer habe das Verbrechen verhindern können, indem es die Hände der Täter gehalten und sie als „Brüder“ bezeichnet hätte.

Der berühmte Yoga-Guru Baba Ramdev hat mit der Behauptung, er könne mit seinen Meditationstechniken Krebs heilen, für Empörung gesorgt. Krebskranke, die seinen Anweisungen gefolgt seien, seinen binnen sechs bis neun Monate geheilt worden. Zudem behauptete er, Yoga könne vor HIV-Infektionen schützen und Aids heilen.

AUF EINEN BLICK

Guru. Seit rund zwei Wochen versucht die Polizei, den selbst ernannten Prediger Rampal Dass festzunehmen. Gegen ihn wird wegen Mordes ermittelt. Seine Anhänger haben bisher – gewaltsam – verhindert, dass die Polizei in das Gelände der Sekte eindringt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2014)