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„Hilde“: Hinter falschen Wimpern

(c) AP (Bernd Spauke)
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„Hilde“ erzählt das Leben von Hildegard Knef stark verkürzt und ohne Tiefe nach. Spürbar ist nur Heike Makatschs Anstrengung, ihrem Vorbild gerecht zu werden.

Ein schwieriges Unterfangen. So kann man das durchaus nennen, wenn das Leben eines berühmten Menschen verfilmt werden soll, der vor noch nicht einmal zehn Jahren seinen letzten Atemzug gemacht hat – wenn die Erinnerung an die Person bei ihren Fans und Mitmenschen noch frisch ist, die Verklärung noch nicht zu weit fortgeschritten ist. Das vorausgeschickt, pendelt sich eine Verfilmung über Hildegard Knef in Deutschland auf einer nach oben offenen Filmschwierigkeitsskala ungefähr da ein, wo sich in Österreich Falco befindet: ganz weit oben.

„Falco“ war gestern, jetzt kommt „Hilde“. Und sie kommt in der Gestalt von Heike Makatsch, mit viel Rouge und Lippenstift und natürlich mit vielen falschen Wimpern. Was der Knef, die im Februar 2002 gestorben ist, optisch tatsächlich sehr nahekommt. Eine gute Kostüm- und Maskenbildnerin macht aber noch keinen guten Film. Auch die Stimme, die Makatsch einmal stärker, einmal gar nicht kratzig anlegt, um der typischen Knef-Stimme gerecht zu werden, irritiert doch eher, als dass sie einem auf die Sprünge hilft.

Näher als bei einem flüchtigen Blick in den Spiegel kommt man Hildegard Knef in dem 136 Minuten langen Film nicht. Was auch damit zu tun hat, dass Regisseur Kai Wessel nur einen Ausschnitt aus dem 77 Jahre langen Leben zeigt. Den Anfang nimmt der Film in Knefs vom Zweiten Weltkrieg überschatteter Jugend in Berlin, bei ihrer naiven Liebe zum Reichsfilmdramaturg Ewald von Demandowsky und der engen Beziehung zu ihrem Großvater, dem die Knef später in ihrer Biografie „Der geschenkte Gaul“ eine Liebeserklärung gemacht hat. Schon bis dorthin haben sich zwischen die lauten Bombenanschläge und die dunklen Szenen in staubigen Luftschutzkellern einige Fehler eingeschlichen. Etwa als die junge Hildegard gegenüber dem Ufa-Filmproduzenten Erich Pommer (Hanns Zischler) erwähnt, sie sei sieben Jahre alt gewesen, als der Krieg begonnen habe. In Wahrheit war sie schon 13. Der Großvater nimmt sich im Film viel zu spät das Leben, er darf davor noch bei Hildes erster Theateraufführung im Publikum sitzen. In Wahrheit starb der Großvater schon früher, er hat seine Enkelin nie auf der Bühne gesehen.

Das sind biografische Details, über die sich streiten lässt, vielleicht haben der Regisseur und Hauptdarstellerin Heike Makatsch diese Einzelheiten bewusst verfälscht und verdreht, um die Geschichte auf ihre Weise zu erzählen. Die Geschichte einer starken Frau, die „alles wollte oder nichts“, wie es in ihrem berühmtesten Lied „Für mich soll's rote Rosen regnen“ heißt, dessen Zeilen im ganzen Film immer wieder unvermittelt eingeblendet werden. Als hätte Knef nur dieses eine Lied gesungen.

 

„Ich will alles – oder nichts“

Von der Jugend bis zur ihrer Rückkehr nach Deutschland Ende der Sechzigerjahre spult der Film die wenigen Höhen und die vielen Tiefen in Knefs jungen Jahren brav hintereinander ab. Die Jahre in Hollywood, wo sie an keine guten Rollen gelangt und sich von ihrem ersten Mann, Kurt Hirsch, entfremdet, der sie mit seiner Beschützerart einengt. Die Szenen rund um den Skandal, den ihre Rolle in Willi Forsts „Die Sünderin“ ausgelöst hat, bleiben an der Oberfläche, obwohl man hier zum ersten Mal erahnen kann, wie sehr die Knef darunter gelitten haben muss, nicht von allen bedingungslos geliebt zu werden, wie schwer sie mit Kritik umgehen konnte.

Knefs zweite Ehe mit dem britischen Schauspieler David Cameron, der seit einigen Jahren in Wien lebt und immer noch regelmäßig im English Theatre auftritt, wird der meiste Platz eingeräumt. Wodurch letztlich nur diese Beziehung lebendig wird, anders als die kurz angerissene, kühle Verbindung zu ihrer Mutter oder die nur angedeutete enge Vertrautheit zur mütterlichen Freundin und Beraterin Else Bongers (Monica Bleibtreu).

Der Film überspringt trotz seiner beachtlichen Länge wichtige Ereignisse in Knefs Leben, etwa die Geburt von Tochter Christina, die der Knef im selben Jahr „passiert“ ist wie der Durchbruch mit den „Roten Rosen“. Das Lied kommt nicht nur mehrmals vor, es zieht sich wie ein roter Faden durch den Film. Die Tochter wird verschwiegen.

Am Ende, wenn Hildegard Knef endlich das Lied singt, das den Zuseher schon stumm (mit den eingeblendeten Textzeilen) durch den Film begleitet hat, kommt Heike Makatsch ihrem Vorbild am nächsten. Die Knef triumphiert, die Makatsch ist sichtlich erleichtert. Die Kraft und die Überzeugung, mit der Makatsch die Zeilen „Ich will groß sein, will siegen... Ich will alles oder nichts“ singt, kommt der Knef'schen Interpretation nahe. Trotzdem bleibt der Eindruck, dass da mehr die Schauspielerin Makatsch und weniger die Sängerin Knef singt. Eine Makatsch, die sich so gewünscht hat, ihrem Vorbild gerecht zu werden. Dicke, falsche Wimpern reichen aber nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2009)