Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Krise: Spanier pflücken sich ihre Orangen wieder selbst

Das mühsame Pflücken von Oliven und Orangen besorgten in Spanien jahrelang Einwanderer.
(c) EPA (Gary Kazanjian)
  • Drucken

15 Prozent sind ohne Job, das Defizit explodiert. Jetzt machen sich die Spanier wieder selbst die Hände schmutzig und strömen als Erntehelfer auf die Felder.

Madrid. Das mühsame Pflücken von Oliven und Orangen besorgten in Spanien jahrelang Einwanderer, die aus Afrika oder Osteuropa auf der Suche nach einem besseren Leben unter die spanische Sonne kamen. Das war zu Zeiten, als Spaniens Wirtschaft mit überdurchschnittlichen Wachstumsraten blühte und das boomende Land so viele neue Arbeitsplätze wie sonst kein anderer EU-Staat schaffte. Doch mit der Wirtschaftskrise und einer Arbeitslosenrate von 15 Prozent hat sich das geändert: Jetzt machen sich die Spanier wieder selbst die Hände schmutzig und strömen als Erntehelfer auf die Felder.

Seit Anfang des Vorjahres verloren 1,5 Millionen Menschen ihren Job. Die Arbeitslosenrate ist fast doppelt so hoch wie im EU-Schnitt. Bei jungen Menschen bis 25 Jahre sind knapp 30 Prozent ohne Arbeit. Und heuer dürfte es für die 46 Millionen Spanier noch deutlich schlimmer kommen: „Wir sind noch nicht am Ende angekommen“, warnte Spaniens sonst so optimistischer Regierungschef, der Sozialdemokrat José Luis Zapatero.

 

20 Prozent Arbeitslose?

Immer längere Schlangen vor den Arbeitsämtern zeugen von dem Job-Desaster, dem die Regierung nicht mehr Herr wird. „Schon nachts müssen wir uns vor den Ämtern anstellen, damit wir tags überhaupt eine Chance haben, bis zum Schalter vorzurücken“, beklagt Carlos Gutierrez, ein Maurer aus der Hauptstadt Madrid.

Jede Minute verlieren in Spanien vier Menschen ihre Arbeit, allein rund 500.000 Menschen in den ersten Monaten des Jahres 2009. Das schwindelerregende Tempo bei der Beschäftigungsvernichtung beschert Spanien bereits mehr als 3,5 Millionen Menschen ohne Job. Etwa genauso viel wie im sehr viel größeren Deutschland mit 82 Millionen Einwohnern.

Die Prognosen regierungsunabhängiger Analysten lassen für Spanien Schlimmes befürchten: Eine Quote von 18 bis 20 Prozent Arbeitslosen wird bis Jahresende für möglich gehalten. Dann wären mehr als 4,5 Millionen Spanier ohne Job. Das Haushaltsdefizit, das Ende 2008 schon bei knapp vier Prozent des BIP lag, könnte den Schätzungen zufolge mit acht bis zehn Prozent – ähnlich wie bei Irland – völlig außer Kontrolle geraten. Die Wirtschaft dürfte demzufolge nach einem leichten Plus von 1,2 Prozent im vergangenen Jahr heuer um bis zu drei Prozent schrumpfen.

 

Illegale ohne Jobs

Spaniens Absturz begann mit dem Kollaps der Bau- und Immobilienwirtschaft. Grund ist nur zum kleineren Teil die globale Finanzkrise, vielmehr gibt es in Spanien eine Marktübersättigung nach einem exzessivem Bauboom in den vergangenen Jahren.

Jetzt kommt auch noch der schmerzhafte Einbruch der Tourismusindustrie dazu, die zweistellige Rückgänge beklagt. Den Sturm perfekt machen die Probleme in der Autoindustrie. Fast alle großen Fahrzeughersteller unterhalten Fabriken in Spanien, und die fahren die Produktion massiv zurück. Damit stottern die drei wichtigsten Motoren der spanischen Wirtschaft, woran bisher auch die milliardenschweren Konjunkturprogramme der Regierung wenig ändern konnten.

Deswegen droht Spanien neben der Wirtschafts- und Arbeitslosenkrise nun auch eine Regierungskrise. Wirtschaftsminister und Vizepremier Pedro Solbes gilt als amtsmüde, hört man. Sein Chef Zapatero, dessen Ansehen sich den Umfragen zufolge im freien Fall befindet, könnte laut Gerüchten versuchen, demnächst aus einer Regierungsumbildung neue Kraft zu schöpfen.

Für die Spanier bleibt inzwischen nur der Job auf dem Feld. Tausende drängen hinaus aufs Land und nehmen damit illegalen Einwanderern die Arbeit weg. Die strömten wie immer zur Ernte ins Land und stehen nun ohne Job auf der Straße. Mittlerweile müssen sich Hilfsorganisationen um sie kümmern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2009)