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Hat Iran die Atombombe schon in Griffweite?

(c) EPA (Abedin Taherkenareh)
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Laut Israels oberstem Militärspion haben die Iraner die „nukleare Schwelle“ schon überschritten. US-Geheimdienstler wiegeln ab: Teheran hat sich noch nicht für den Kernwaffenbau entschieden.

Wien. Hat er oder hat er nicht? Hat der Iran endgültig die „technologische Schwelle“ überschritten, um an Nuklearwaffen heranzukommen, wie der Chef des israelischen militärischen Geheimdienstes, Amos Yadlin, meint. Oder ist das Land noch Jahre davon entfernt, ehe seine Techniker eine Bombe zusammenbauen können?

Yadlin sagte am Sonntag bei einer Kabinettssitzung: „Iran hat hunderte Kilogramm von niedrig angereichertem Uran angehäuft und hofft, den Dialog mit dem Westen dazu nutzen zu können, um Zeit zu schinden, die notwendig ist, um die Bombe zu bauen.“

Dagegen klingt die Einschätzung der iranischen Kernwaffenambitionen durch den obersten US-Geheimdienstler, Admiral Dennis Blair, und den Chef des amerikanischen militärischen Geheimdienstes, Generalleutnant Michael Maples, bei Weitem nicht so alarmistisch: „Wir gehen davon aus, dass der Iran kein hoch angereichertes Uran (das man zum Bau der Atombombe braucht, Anm.) hat. Wir gehen davon aus, dass Iran die Entscheidung noch nicht getroffen hat, ob es gering angereichertes Uran zu waffenfähigem Material konvertiert“, erklärten die beiden diese Woche vor dem Streitkräfteausschuss des Senats.

Unterschiedliche Bewertungen darüber, wie weit der Iran bei seinen nuklearen Ambitionen bereits ist, gibt es aber nicht nur zwischen Israelis und Amerikanern, sondern auch innerhalb des US-Sicherheitsapparates.

 

Teheran schürt Nervosität

Während Generalstabschef Admiral Mike McMullen vor Kurzem in einem TV-Interview erklärte, Teheran habe bereits genügend nukleares Material, um eine Kernwaffe zu bauen, korrigierte ihn sein Verteidigungsminister Robert Gates nur Stunden später: „Sie haben das benötigte Material noch nicht; sie sind noch nicht nahe an einer Bombe dran.“ Deshalb bleibe dem Westen noch Zeit, um Teheran zu überzeugen, sein Nuklearwaffenprogramm aufzugeben.

Trotz der Alarmstimmung vor allem in Israel bleiben die US-Geheimdienste bei ihrer Einschätzung, dass Iran frühestens 2010 eine Nuklearwaffe bauen könne; eher wahrscheinlich sei aber 2015, meinen manche Experten.

Wie auch immer: Die iranische Führung ist eifrig bemüht, die Nervosität in Israel zusätzlich zu schüren. Vergangene Woche verkündete der Kommandant der iranischen Revolutionsgarden, Mohammed Ali Jafari, in Zusammenhang mit einer neuen, 2000 Kilometer weit fliegenden Rakete großspurig: „Alle nuklearen Einrichtungen in den verschiedenen Teilen des Landes, das vom zionistischen Regime besetzt gehalten wird, sind in Reichweite der iranischen Raketenverteidigung.“

Die USA und Israel behalten sich Angriffe auf iranische Ziele vor, sollte Teheran nicht dazu gebracht werden können, auf seine Nuklearwaffenambitionen zu verzichten. Iran behauptet unermüdlich, sein Atomprogramm diene ausschließlich zivilen Zwecken und droht Israel und den USA mit massiven Gegenangriffen, sollte es attackiert werden.

Zugleich testet der Iran permanent neue Raketen, am vergangenen Wochenende etwa eine Luft-Boden-Rakete mit einer Reichweite von 110 Kilometern; sie soll speziell zur Bekämpfung von Zielen auf See geeignet sein. Die US-Geheimdienstler Blair und Maples meinten bei ihrer Anhörung vor dem Senat zwar, die Raketentests und der Start eines iranischen Satelliten im Februar zeigten die technischen Fortschritte an, die die Iraner bei ihren Anstrengungen machten, auch Langstreckenraketen zu entwickeln. Doch das iranische Atomprogramm und das Raketenprogramm seien zwei verschiedene Paar Schuhe.

 

Auch Irans Marine rüstet auf

Unterdessen hat der iranische Konteradmiral Habibollah Sayyari angekündigt, sein Land wolle nicht nur im Persischen Golf, sondern künftig auch verstärkt im Indischen Ozean Flagge zeigen. US-Analytiker gehen aufgrund der jüngsten Anschaffungen der iranischen Marine davon aus, dass sie sich auf eine „asymmetrische Kriegsführung zur See“ vorbereite: leicht gepanzerte Torpedoboote, Raketenschnellboote, leichte Minenleger sowie „kreuzende Bomben“ – kleine, ferngesteuerte, mit Sprengstoff gefüllte Boote.

Alles Waffen also, die im Ernstfall zur Sperre der 39 Kilometer breiten Straße von Hormuz eingesetzt werden könnten, durch die 40 Prozent des weltweit auf See transportierten Öls durch muss.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2009)