Romane statt Strickmuster

Gespräche über Heimat: Fünf österreichische Autoren fremder Zunge berichten.

Was haben Dimitré Dinev, Anna Kim, Radek Knapp, Julya Rabinowich, und Michael Stavarič gemeinsam? Sie alle sind Schriftsteller und verfassen ihre Texte in deutscher Sprache, obwohl dies nicht ihre Erstsprache ist. Sie betrachten sich als Österreicher, obwohl sie nicht hier geboren wurden. Brigitte Schwens-Harrant, Feuilletonchefin der „Furche“, hat diese Gemeinsamkeiten zum Anlass genommen, um die Besonderheiten ihrer Literatur, ihrer Biografie sowie ihrer Migrationserfahrungen in ausführlichen Einzelgesprächen herauszuarbeiten.

Damit hat sie ein dringendes Desiderat erfüllt: Die in den vergangenen Jahren am deutschsprachigen Buchmarkt in Mode gekommene Rede von Migrationsliteratur verlangt danach, hinterfragt zu werden. Was macht literarische Texte zu Migrationsliteratur? Das Thema? Die Biografie der Autoren? Das Schreiben in Deutsch als Fremdsprache? Die fünf Autoren sind sich darin einig, dass diese Etikettierung eine versteckte Ausschließungsstrategie darstellt, dass damit die Erwartungshaltung des Lesepublikums auf Themen der Migration eingeschränkt wird und damit vielleicht eine Literatur gemeint ist, die nicht auf der Höhe der Sprache ist. Die Kritik am Literaturbetrieb klingt dabei ebenso regelmäßig an wie die Dankbarkeit dafür, durch die Zuerkennung eines Preises oder das persönliche Engagement einzelner Menschen in der österreichischen Literaturlandschaft Fuß gefasst haben zu können.

Auffällig ist die große Skepsis, mit der sich die Befragten selbst begegnen: Anna Kim etwa weist auf die Notwendigkeit hin, das eigene Anderssein wahrzunehmen und Begriffe wie Assimilation, die natürliche Prozesse beschreiben, nicht von der Politik instrumentalisieren zu lassen. Der in Warschau geborene Radek Knapp warnt in Kenntnis seines Werdegangs davor, sich von der Bücherbranche auf eine Marke reduzieren zu lassen. Wer diese dann um des Geldes und des Ruhmes willen nur noch wie ein „Schaufenster“ betreue, tue nichts anderes, als sich selbst zu reproduzieren: „So entstehen Strickmuster und keine Romane.“


Veränderte Haltung der Migranten

Dass die Begriffe Ankommen und Heimat abstrakt aufgefasst werden, war zu erwarten. Hierin ist dem Band eine gewisse Redundanz nicht abzusprechen. Dass die Fremdheit von Sprache und Kultur primär als Möglichkeit zur wechselseitigen Erweiterung betrachtet werden soll, anstatt sie als Bedrohung zu empfinden, wie der aus Brünn gebürtige Michael Stavarič meint, lässt aber aufhorchen: Die grundsätzliche Neugier auf fremde Länder und Menschen weisen auf eine veränderte Haltung der Migranten hin, die Radek Knapp auf das neue Europa zurückführt.

Der kritische Blick auf die sogenannte Ausländerpolitik Österreichs rückt vor allem bei zwei Autoren in den Fokus: Dimitré Dinev weist auf die existenzbedrohende Situation der Flüchtlinge hin, wie er sie am eigenen Leibe erfahren musste, als er aus Bulgarien nach Österreich kam. Und Julya Rabinowich, mit sieben Jahren aus dem damaligen Leningrad nach Wien gekommen, thematisiert jene Traumatisierung von Flüchtlingen, deren Zeugin sie als Simultandolmetscherin im Rahmen von Psychiatriesitzungen wurde.

Wer sich auf die Ausführungen der Autoren einlässt, bekommt nicht nur ein differenziertes Bild vom Fremdsein und Ankommen in Österreich, sondern erkennt den Zusammenhang von Sprache und Identität als dynamische Größen. ■

Brigitte Schwens-Harrant (Hrsg.)

Ankommen

Gespräche mit Dimitré Dinev, Anna Kim, Radek Knapp, Julya Rabinowich, Michael Stavarič. 206 S., geb., €19,99 (Styria Verlag, Graz)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.11.2014)