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Verbund-Chef: „Ich muss zu Vorgängern gnädig sein“

Anzengruber
Anzengruber(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Es sei Sache der Historiker, die Gründe für die aktuellen Probleme zu suchen, sagt Verbund-Chef Anzengruber.

Die Presse: Die FMA hat Sie jüngst zu einer Strafe von 77.000 Euro wegen Marktmanipulation verurteilt, weil Sie kurz vor dem Ausstieg aus der Türkei dies in einem Interview noch in Abrede gestellt haben. Haben Sie den Markt manipuliert?

Wolfgang Anzengruber: Sicher nicht. Dieser Türkei-Ausstieg war eine hochkomplexe Transaktion, die auch vorbildlich dokumentiert ist. Und wir stehen nach wie vor auf dem Standpunkt, alles richtig gemacht zu haben. Wir haben immer dem Transaktionsablauf konform berichtet. Das ist nun aber die Entscheidung der nächsten Instanz.

 

Aber warum haben Sie den Ausstieg in Abrede gestellt – zeitlich relativ knapp vor dem Deal?

Das war zeitlich schon weit auseinander. Und es gab während dieser Transaktion unterschiedliche Phasen. Auch Phasen, in denen alles gestanden ist und ein Abbruch der Gespräche am realistischsten erschienen ist.

Die FMA-Strafe ist ja nicht Ihr einziges Problem. Wichtiger ist das jüngst bekannt gegebene zweite Sparprogramm, wonach in Summe 500 Jobs wegfallen sollen. Warum wurde aus der Cashcow Verbund eine Problemfirma?

Das möchte ich gleich in Abrede stellen – wir sind sicher keine Problemfirma und haben bisher noch keine Verluste gemacht und werden auch heuer keine Verluste machen. Bei Konkurrenten steht mitunter ein dickes Minus in der Bilanz, manche davon würden eine Messe lesen lassen, wenn es ihnen so ginge wie uns. Es gibt allerdings Maßnahmen, die aufgrund der derzeitigen Marktentwicklung notwendig sind und die wir auch machen. Und wir wollen dies auch möglichst frühzeitig machen, damit wir nicht zu Getriebenen werden.

 

Ist es mit diesem zweiten Sparprogramm nun gegessen, oder wird noch eine weitere Runde kommen?

Wir gehen davon aus, dass die Großhandelspreise auf diesem niedrigen Niveau bleiben. Wenn es nicht zu massiven Katastrophen kommt, sollte der Verbund mit den bisherigen Maßnahmen die richtige Position gefunden haben.

Eine Ihrer Reaktionen auf das Marktumfeld war der Rückzug aus der thermischen Erzeugung. Betroffen war auch das Kraftwerk Mellach, das für die Fernwärme von Graz als Back-up gebraucht wird. Schlussendlich hat Ihnen ein Gericht die Schließung per einstweiliger Verfügung untersagt. War es politisch klug, hier so forsch vorzugehen?

Wir haben uns entschieden, aus der thermischen Erzeugung auszusteigen. Wir haben aber auch einen alten Vertrag über die Lieferung von Fernwärme für die Stadt Graz. Das ist zwar für uns ein schlechter Vertrag, aber wir halten Verträge ein. Die Back-up-Kapazität war nie Teil dieses Vertrages. Wenn man sie nun haben will, ist das kein Problem. Man muss aber dafür zahlen. Und das soll ein Schiedsverfahren nun klären.

Wie viel hätten Sie gerne?

Das sage ich jetzt nicht. Es geht aber um den Ersatz der variablen Kosten für das Offenhalten des Kraftwerks.

Eine weitere Reaktion von Ihnen war der Rückzug aus den Auslandsmärkten Italien, Frankreich und Türkei. War es ein Fehler Ihrer Vorgänger, einst in diese Märkte gegangen zu sein?

Ich könnte es mir jetzt leicht machen. Das wäre aber unfair. Ich muss auch zu Vorgängern gnädig sein. Diese Expansionen wurden im Umfeld eines boomenden Strommarktes in den Jahren 2005 oder 2006 gestartet. Seither hatten wir jedoch eine Finanzkrise, und die Märkte haben sich nicht so entwickelt, wie man es einst gedacht hat. Und der Rückzug ist nun halt die logische Korrekturmaßnahme.

Sie sind gnädiger als der Rechnungshof. Der hat jüngst in einem Bericht über die Verbund-Auslandsexpansion empfohlen, eine Organhaftung zu prüfen.

Diese Organhaftung wurde vom Aufsichtsrat geprüft. Es gibt hier ein Gutachten, wonach alles korrekt gelaufen ist. Retrospektive Beurteilungen über Entscheidungen, die vor zehn Jahren getroffen wurden, sind halt immer etwas anderes, als im aktuellen Umfeld Entscheidungen zu treffen. Historiker können sich gerne damit befassen. Ich befasse mich lieber mit der Zukunft.

Es gibt aber auch eine Entscheidung, die nicht ganz so lange zurückliegt und die bereits Sie getroffen haben. Im Dezember 2010 haben Sie die ausständigen 60 Prozent am französischen Kraftwerkspark für 120 Mio. Euro gekauft. Heuer haben Sie 100 Prozent um 150 Mio. Euro verkauft. Sie haben damals also überteuert gekauft. War das richtig?

Ich würde das sofort wieder so machen. Die Grundlage dieses Beschlusses war nämlich, dass wir an diesen Kraftwerken nur 40 Prozent Anteil hatten, aber für 100 Prozent der Investition garantiert haben. Um etwas gestalten zu können und Sanierungsmaßnahmen einzuleiten, war es notwendig, diesen Schritt nach vorne zu machen. Sonst hätten wir etwa den jetzt getätigten Verkauf gar nicht machen können. Wir hätten nur zuschauen können, was passiert, und hätten trotzdem für alles gehaftet. Wir mussten das machen.

Diese Haftung wurde unter Ihren Vorgängern eingegangen?

Ja.

Das klingt jetzt aber schon danach, dass Ihre Vorgänger grobe Schnitzer gemacht haben.

Ich will jetzt keine Schuldzuweisung machen. Das war eine Tatsache. Die haben wir so vorgefunden und eben korrigiert.

Einsparungen könnte es beim Verbund ja auch im Vorstand geben. Laut „Presse“-Informationen überlegt Ihr Finanzvorstand Peter Kollmann den Hut zu nehmen. Ist es möglich, dass der Verbund demnächst nur drei aktive Vorstände hat?

Das kann ich erstens nicht kommentieren. Und zweitens: Die Vorstandsbestellung macht der Aufsichtsrat.

Aber Vorstände können zurücktreten.

Da sehe ich momentan keine Veranlassung. Aber ich kann jetzt auch nicht für andere sprechen. Grundsätzlich möchte ich aber sagen: In einer Zeit, in der es große Anforderungen gibt, da gibt es auch viele Diskussionen. Und das ist auch gut so. Wenn es keine Diskussionen gäbe, dann brauchten wir nur einen Vorstand.

 

Ein Thema soll aber Ihr Dirimierungsrecht sein, laut dem Sie Ihre Kollegen überstimmen können. Ist das gut für die Zusammenarbeit in einem Kollektivorgan?

In einem mehrköpfigen Organ braucht der Vorsitzende ein Dirimierungsrecht. Nur so kann bei einem Gleichstand der Stimmen ein Ergebnis erzielt werden. Das liegt in der Natur der Sache. Ich habe es aber noch nie angewandt. Alle Beschlüsse in meiner Zeit als Verbund-Vorstandsvorsitzender waren einstimmig.

ZUR PERSON

Wolfgang Anzengruber, Jahrgang 1956, ist seit 2009 Chef des größten heimischen Energiekonzerns Verbund. Zuvor leitete der Oberösterreicher den Salzburger Kranhersteller Palfinger. Begonnen hat Anzengruber seine Karriere nach dem Studium an der TU Wien bei Simmering Graz Pauker. Von dort holte ihn der langjährige ABB-Chef Klaus Woltron zu dem Anlagenbauer, wo er auch erste Kontakte zur E-Wirtschaft schloss. Der erfolgsverwöhnte Verbund-Konzern leidet in den vergangenen Monaten an sinkenden Gewinnen. Grund dafür sind die stark gefallenen Preise am Strom-Großhandelsmarkt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.11.2014)