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Wissenschaft zum Mitmachen: Weißbuch für die Wissenschaft mit Laien

„Citizen Scienze-Projekte“ binden Bürger in die Forschung ein. Damit das möglichst gut funktioniert, legten europäische Wissenschaftler kürzlich ein Weißbuch mit Empfehlungen vor.

Zum 115. Mal zählen heuer in den USA Menschen Vögel in ihrer Umgebung. Der „Christmas Bird Count“ findet seit 1900 statt. Über 70.000 Menschen an mehr als 2000 Orten nahmen zuletzt teil. So entsteht über die Jahre eine einmalige Datensammlung für die Wissenschaft und zugleich eine wichtige Basis für den Artenschutz.

Auch in Österreich gibt es bereits ähnliche Initiativen: Beobachtet werden aber nicht nur Tiere oder die Natur. Die „Laien-Wissenschaftler“ bearbeiten längst auch medizinische oder geisteswissenschaftliche Fragen. Denn: Das Feld ist weit. „Citizen Science bedeutet, dass Nichtwissenschaftler in wissenschaftliche Prozesse einbezogen werden“, sagt Teresa Holocher-Ertl vom Wiener Zentrum für Soziale Innovation (ZSI).

Die Wirtschaftswissenschaftlerin koordinierte zwei Jahre lang den österreichischen Teil des europäischen Forschungsprojekts „Socientize“, das sich mit neuen Plattformen für Nichtwissenschaftler in der Wissenschaft befasste. Dabei forschen interessierte Laien von zu Hause aus oder auch unterwegs.

Denn durch die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien erlebt die Citizen Science aktuell einen deutlichen Aufschwung: „Mobiltelefone und Tablets sind immer mit dabei und neuen Medien bieten völlig neue Möglichkeiten, wie Freiwillige wissenschaftlich aktiv werden können“, so die Forscherin. Thematisch ist alles möglich, wo eine Beteiligung sinnvoll ist.

 

Krebszellen analysieren

In einem europaweiten Experiment im Rahmen von „Sozientize“ analysieren Interessierte – nach kurzer Einschulung – über 4000 Bilder von Krebszellen. „Ein Wissenschaftler allein kann die enorme Datenmenge nicht bewältigen. Bei vielen Menschen sind es für jeden einzelnen nur wenige Minuten“, so Holocher-Ertl. Und wie profitieren die Laienforscher von ihrem Engagement? „Sie lernen Neues, arbeiten bei wichtigen gesellschaftsrelevanten Fragen mit und bekommen Einblicke in die Wissenschaft“, sagt Holocher-Ertl. Zugleich wolle man aber „die Wissenschaft so weiter aus dem Elfenbeinturm holen“. Das sei eine enorme Chance, von der alle Seiten profitieren.

Die Aufgaben sind dabei klar abgegrenzt. Laien sind etwa häufig bei der Sammlung von Daten involviert; die Auswertung liegt dann wiederum bei den Wissenschaftlern. Immer öfter ist es aber auch umgekehrt: „Bürger sind Treiber gesellschaftlicher Interventionen und Wissenschaftler unterstützen die Anliegen, liefern Beweise oder übernehmen Kontrollaufgaben.

Um Leitlinien für die weitere Entwicklung zu bieten, haben Wissenschaftler in ganz Europa daher ein Weißbuch für die Wissenschaft mit Nichtwissenschaftlern erarbeitet. Holocher-Ertl koordinierte die Arbeiten, die in Kooperation mit der Europäischen Kommission entstanden. Die Herausforderung liege darin, einem neuen Ansatz eine Struktur zu geben und zugleich Raum für Innovationen zu lassen.

Das Ergebnis wurde kürzlich präsentiert: Die Empfehlungen reichen von der Zusammenarbeit von Wissenschaftlern und interessierten Laien bis dahin, wie man Wissenschaftsprojekte mit Bürger-Beteiligung gut aufsetzt. „Der Citizen Science-hat auch in Österreich großes Potenzial. Wir wollen möglichst viele Menschen an Bord holen“, so Holocher-Ertl.

LEXIKON

Citizen Science ist ein Forschungsansatz, bei dem Laien wissenschaftlich aktiv werden. Sie sammeln etwa Daten oder machen Messungen. Umgekehrt tragen auch interessierte Laien neue Themen an die Wissenschaft heran.

Socientize ist ein Forschungprojekt der Europäischen Union. Die Wissenschaftler wollen darin ein Forum für Citizen- Science-Experimente aufbauen. Für Österreich koordiniert das Zentrum für Soziale Innovation (ZSI) die Aktivitäten.

Mehr auf:www.socientize.eu

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.11.2014)