Latex, Lippenstift und Röhrenfernseher

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Kunstwerke, die zerbröseln, und Technik, die es nicht mehr gibt: Restauratoren moderner Kunst arbeiten mit Material, das nur begrenzt haltbar ist. Sie versuchen, den Verfall zu verzögern, lagern Geräte ein.

Kathrine Ruppen sitzt an ihrem Arbeitstisch, in der Hand einen Eislutscher aus Latex. „Diese Materialien sind halt nicht für die Ewigkeit gedacht“, sagt sie. „Die altern schnell, vor allem durch Licht und Sauerstoff.“ Der Eislutscher ist Teil eines Kunstwerks, er ist eines von 385 Objekten, die der schwedische Popart-Künstler Claes Oldenburg in seinem „Mouse Museum“, einem begehbaren Raum in der Form eines Mickey-Mouse-Kopfes, untergebracht hat. Zwischen 1965 und 1977 hat er es fertiggestellt. Kunsthistorisch gesprochen ist das nicht lange her. Aber Latex ist eben kein sehr langlebiges Material: Der Eislutscher ist heute spröde und rissig, an der „Schokoladenseite“ sind ganze Teile herausgebröselt.

Diese versucht Ruppen, Restauratorin am Mumok, nun wieder sauber zusammenzufügen. Sie hat Japanpapier eingefärbt, nun bestreicht sie es mit Tylose, einem Kleber, und legt es vorsichtig auf die Rückseite des Eislutschers, um die brüchigen Stellen zu stützen. Pinsel, Pinzetten und Abbildungen des Latexobjektes, als es noch intakt war, sind in Griffweite, ebenso die herausgebrochenen Teile. Jetzt kommt die Puzzlearbeit.

Die Arbeit der Restauratoren moderner Kunst ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Während etwa ein Ölgemälde eine lange Haltbarkeit aufweist, verändern sich die Materialien, mit denen zeitgenössische Künstler arbeiten, oft schon nach wenigen Jahren. Vor allem mit Kunststoffen aus den 1960er- und 70er-Jahren haben Restauratoren gerade besonders zu kämpfen: Sie werden braun, weich oder spröde. Im Scheinwerferlicht der Museen können Weichmacher austreten, die sich dann mit Staub verbinden. „Das wird eine Schicht, die schwierig wegzunehmen ist.“

Der Materialmix in der modernen Kunst ist vielseitig. „Wir haben in der Ausstellung ein Kunstwerk von Judith Hopf stehen, das ist mit 3-D-Druckern gedruckt“, sagt Christina Hierl, ebenso Restauratorin im Mumok. „Das hat schon unglaublich viele gelbe Flecken, das sieht furchtbar aus. Oder so Sachen wie Filzstifte, die verbleichen in Nullkommanix. Die dürfte man am besten gar nicht ausstellen.“

Weitere heikle Materialien? Polyurethanschaum, wie er etwa in Architekturmodellen verwendet wird, wird bröselig, festigen kann man ihn kaum. Die US-Künstlerin Rachel Lachowicz hat für ihr Werk „Bewußt/Unbewußt“ Babyanzüge in Harz gehärtet und dann in Lippenstift getaucht. Anfassen kann man die Anzüge nicht, erzählt Ruppen, außerdem würden sich Tropfen an der Oberfläche bilden. Was tut man nun, wischt man sie ab? Nimmt man dadurch nicht auch einen Teil vom Kunstwerk weg? Hermann Nitsch malte mit Blut. „Das wird mit der Zeit bräunlich, das verliert den blutigen Charakter und wird zum Teil auch spröde. Aber das würde man als natürlichen Alterungsprozess ansehen.“

Da wird ein Ansatz deutlich, der in der Restaurierung nicht immer selbstverständlich war: Man gesteht der Kunst zu, altern zu dürfen. Wiederherstellen um jeden Preis? Fehlanzeige. „Oftmals macht man die Erfahrung, dass es bei vielen Dingen besser ist, man tut weniger. Man kann da schon in Teufels Küche kommen“, sagt Ruppen. Die Stellen, die sich im Latex-Eislutscher nicht mehr eindeutig mit den passenden Bruchstücken befüllen lassen, werden also löchrig bleiben. Blut wird braun, Kunststoffe vergilben, Papier ebenso. „Ab einem gewissen Punkt versuchen wir, den Zustand ein bisschen einzufrieren. Dass es vielleicht nicht ganz auseinanderfällt.“


Kunst aus Fleisch und Käse. Die Restauratoren legen also Bedingungen fest, zu denen ein Werk ausgestellt werden darf: Lichtmenge, Temperatur, Sauerstoff. Ist ein Werk zu fragil, wird eine Reisesperre verhängt. Ein großer Teil ihrer Arbeit besteht daher auch aus Sichten und Protokollieren der eigenen Sammlung. „Wir sind ein bisschen die Anwälte der Kunst“, so Ruppen.

Gleichzeitig versuchen die Restauratoren auch herauszufinden, was der Künstler wollte. Soll das Werk altern, sich mit der Zeit gar auflösen? Wie weit darf man den Verfall eindämmen? Restauratoren versuchen auch, lebende Künstler zu befragen – auch zu den Materialien, die sie in ihren Werken verwendet haben. Nicht immer würden diese sich genau erinnern können. „Es reicht manchmal schon, wenn sie sagen: Ach, da hatte ich nur diesen ganz billigen Leim, den habe ich da genommen, weil ich gerade nichts anderes hatte. So etwas hilft uns manchmal schon sehr“, so Hierl.

Bisweilen gehen die Vorstellungen der Künstler und die Aufgabe der Museen auch ganz schön auseinander. Dieter Roth arbeitete unter anderem mit saurer Milch, Kakao, Gemüsesaft, Hackfleisch, Käse und Schokolade. Dass diese Materialien vergänglich sind, war ihm durchaus bewusst, weiß Ruppen: „Der wollte auch nicht, dass diese Dinge halten. Es war seine Intention, dass sie mit der Zeit zerfallen. Jetzt ist man natürlich in einem Zwiespalt, weil auf der einen Seite möchte man der Intention des Künstlers gerecht werden, man möchte ihn nicht übergehen. Auf der anderes Seite ist man hier an einem Ort des Bewahrens.“

„Manchmal funktioniert das Unbedingt-Aufbewahren-Wollen halt nicht“, sagt dazu Michael Krupica. „Dann macht das Museum die Kunst nämlich auch kaputt, wenn sie sie nicht zeigt.“ Krupica war zunächst Techniker im Mumok und ist heute noch zuständig für den Ausstellungsaufbau von Video- und Audioinstallationen. Seit einigen Jahren arbeitet er auch im Team der Restauratoren und kümmert sich dabei um Medienkunst. Die Herausforderung dabei: Viele der Geräte, die Künstler in der Vergangenheit in ihren Werken verwendet haben – etwa Röhrenfernseher und Diaprojektoren –, werden kaum noch hergestellt. „Und sind schwer reparierbar“, fügt Krupica hinzu, „da gibt's halt noch so ein paar Pensionisten, die das noch können.“

In der Mumok-Sammlung steht etwa ein Werk des Videokünstlers Nam June Paik: ein manipulierter Fernseher, der nur einen weißen Strich auf schwarzem Hintergrund anzeigt. „Das ist so eine Bastelarbeit – da muss man wissen, was man tut, um eine Kopie herzustellen“, so Krupica. „Es gibt in New York noch einen ehemaligen Mitarbeiter von Paik, der ihm die Sachen gebaut hat. Der hat ein Riesenlager. Aber das ist ein weltweites Problem. Die Technik stirbt aus.“


Glühbirnen-Archiv. Wie sich das Museum dagegen wappnet? Indem es Vorräte anlegt. Gerade hat Krupica eine Videokamera aus den 1970er-Jahren gekauft, noch originalverpackt – für ein Werk von Wolf Vostell. Hierl hat aus Bosnien einige 100-Watt-Glühbirnen mitgenommen, die in der EU nicht mehr verkauft werden. Energiesparlampen sind für die meisten Künstler nämlich keine Alternative. In einem alten Elektrogeräteladen hat sie kürzlich 50 Musikkassetten gekauft. „Die Frau dort hat gedacht, ich bin total bescheuert. Das war sehr lustig, ich hab auch einen Sonderpreis gekriegt.“

Auf eBay und anderen Plattformen laufen ständig Suchaufträge. Im Moment braucht Krupica Monitore und Atari-Computer für ein Werk von Peter Weibel und Disketten dazu. Irgendwann werden wohl auch solche Sammlerstücke nicht mehr erhältlich sein. Was passiert, wenn die Vorräte zur Neige gehen? „Dann wird das Kunstwerk wahrscheinlich als Relikt ausgestellt“, meint Hierl. „Viele Sachen werden jetzt auch abgefilmt. Da wird dann vielleicht ein Film laufen, wie es mal war, und daneben steht das Relikt.“

Wie genau so ein Film dann abgespielt werden soll, ist eine weitere Frage. „Aussterbende“ Speichermedien seien noch kein Problem im Vergleich zu den Herausforderungen, die die digitale Welt bringt, sagt Krupica: „Jetzt kommt ein Künstler, der sagt, er hat irgendein Programm verwendet, um ein Video zu machen. Da gibt es ja Millionen verschiedene Codecs. Irgendwann gibt es den Hersteller nimmer, dann gibt's den Codec nimmer, dann ist das tot. Dann kann das niemand mehr abspielen.“ Videokunst speichert er daher auf Festplatten wie auch auf Magnetbändern, die Daten müssen regelmäßig gepflegt werden.

„Dann ist das tot“, diesen Satz hört man im Gespräch mit den Restauratoren immer wieder. Sie versuchen, den Prozess zu verlangsamen, stoppen können sie ihn nicht. Frustriert das nicht? „Ich bin da ziemlich emotionslos“, sagt Hierl. „Man freut sich, wenn man etwas restaurieren kann und es wieder schön ausschaut. Aber alles hat seine Zyklen.“

Apropos Zyklen: Die haben auch Insekten, die sich gerne in Kunstwerken aus Fell und anderem tierischen Material einnisten. Im Museum wird ständig kontrolliert, die Arbeitsräume der Restauratoren sind mit Fallen ausgerüstet. Doch ist es schon passiert, dass mit einem Werk von einem Leihgeber auch Motten und diverse Tierchen mitgeliefert wurden. „Das kommt dann sofort raus“, sagt Hierl. „Das kann sich ja ausbreiten, das kann auch zu uns ins Depot kommen, was die absolute Katastrophe wäre. Die Klimaanlage hat überall Lüftungsschlitze – man will so etwas einfach nicht im Haus haben.“

kurzlebige kunst

Material.
Nicht alle Stoffe, mit denen zeitgenössische Künstler arbeiten, sind für die Ewigkeit bestimmt. Kunststoffe etwa und organisches Material verändern sich schon nach kurzer Zeit. Manchen Künstlern ist das nur recht. Der Konflikt der Restauratoren: Bewahren oder altern lassen?

Technik.
Röhrenfernseher, Dia-Projektoren, Glühbirnen: So manches Gerät, das Teil der Kunst ist, wird nicht mehr hergestellt. Museen weltweit lagern daher Vorräte ein. Wenn diese zur Neige gehen, können Werke wohl nur noch als Relikte ausgestellt werden.

verwesende Haie

Damien Hirst legte so manches Tier in Formaldehyd ein. Weil dieser Hai von innen verrottete, tauschte man ihn aus – dem zweiten Fisch, fast zwei Tonnen schwer, wurde das Formaldehyd sicherheitshalber gleich injiziert.

Gefressene Kunst

Joseph Beuys beklebte dieses Werk (in der Sammlung des deutschen Museums Schloss Moyland) mit Schokolade, die im Lauf der Jahre von Insekten gefressen wurde. Mit 3-D-Modellen konnten die Tafeln rekonstruiert werden.

sterbende Technik

Nam June Paiks Installationen aus Röhrenfernsehern stellen Restauratoren weltweit vor Herausforderungen. Museen suchen auf eBay nach Ersatzteilen und lagern Geräte ein. Aber was passiert, wenn die Vorräte ausgehen?

Schöne Pilze

Dieter Roths „Schimmelgraphik“, in der Sammlung des Mumok, enthält laut Materialangabe Schimmelemulsionen auf Büttenpapier. „Das schweißen wir ein, damit nichts anderes kontaminiert wird“, sagt Restauratorin Kathrine Ruppen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.11.2014)

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