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Venedig: Italien singt Oper ohne jeden Regiekrampf

Realismus in Venedig: Man sieht das Meer, wenn in „Simon Boccanegra“ vom Meer gesungen wird.(c) MICHELE CROSERA
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Myung-Whun Chung, bald Verdi-„Einspringer“ in Wien, wird in La Fenice für „Simon Boccanegra“ bejubelt.

Es ist immer wieder wohltuend, Vorstellungen im Mutterland der Oper zu besuchen. Wie anders, wie viel natürlicher der Zugang zu den melodramatischen Dingen in Italien doch ist. Zwar gefährdet die römische Kulturpolitik die Existenz der Gattung durch konsequente Ignoranz.
Doch hat jetzt Rom die kollektiven Kündigungen zurückgenommen – und weiter nördlich geht alles den gewohnten Gang. Die Scala in Mailand bietet mit dem neuen Intendanten, Alexander Pereira, mehr Aufführungen denn je. Und La Fenice in Venedig bat zum großen Feiertag der Santa Maria della Salute zur „Doppel“-Eröffnung. Zwei Verdi-Premieren an zwei aufeinanderfolgenden Tagen.
Nebst „Traviata“ gab man zur Inaugurazione 2014/15 auch „Simon Boccanegra“, für Wiener Zaungäste spannend, weil mit Myung-Whun Chung jener Maestro am Dirigentenpult stand, der an der Staatsoper für die Verdi-Vorstellungen einspringen wird, die für den verloren gegangenen Generalmusikdirektor des Hauses am Ring vorgesehen waren.

Chung dirigiert einen Verdi, wie ihn die italienischen Melomanen lieben, „senza complimenti“, mit Sinn für zündend vorwärtstreibende Aktion. Frei von jeder Larmoyanz, gibt er den orchestralen Solisten doch Gelegenheit, in den pittoresken, hier oft geradezu impressionistisch zart aufgetragenen Farbspielen alle koloristischen Effekte auszukosten. Das Drama aber kommt deshalb niemals ins Stocken.

Das tut dem Werk gut, das bei anderen Maestri gern ein wenig langatmig zu wirken droht. Die Sänger fühlen sich hörbar wohl. Giacomo Prestia führt als gar nicht salbungsvoller, vielmehr bis zuletzt streitbarer Fiesco die Solistenriege an. Simone Piazzola ist der Titelheld, ein Bariton, der für die belkantesken Passagen viel Legatokultur mitbringt, weit mehr als seine verloren geglaubte und glücklich wiedergefundene Tochter Amelia, die bei Maria Agresta eher schrill tönt. Technische Unsicherheit entlädt sich da des Öfteren in allzu forcierter Attacke – da ist die Dame oft eines Sinnes mit ihrem Verehrer Adorno, den Francesco Meli mit unverdrossen kraftvollem und höhensicherem Tenor gibt, der immerhin aber an manchem Ort versucht, Verdis Piano-Vorschriften gerecht zu werden, was ihm mit Zuhilfenahme des Falsetts gelingt.

 

Italien liebt „normale“ Inszenierungen

Die differenzierteste Leistung bietet in dieser Produktion der Intrigant Paolo, den Julian Kim mit farbenreichem Bariton sinister und verschlagen zu zeichnen versteht. Der Chor des Fenice sorgt für manch durchschlagenden Effekt. Und die Inszenierung? Ja eben, die Inszenierung von Andrea de Rosa zeigt via Projektionen das Meer, wenn vom Meer gesungen wird, die Morgendämmerung, wenn von der Morgendämmerung gesungen wird. Vor solch realistischem Hintergrund spielen die Damen und Herren in Kostümen des mittelalterlichen Genua eine Geschichte, die im mittelalterlichen Genua spielt. Bei uns wäre das, um zu meiner Eingangsbemerkung zurückzukehren, gänzlich unmöglich und würde, wenn schon nicht Buhrufe, so jedenfalls schlechte Kritiken ernten. In Venedig ist das Publikum entzückt, es konsumiert Oper wie eine TV-Hauptabendserie und deutet sich die Geschichten lieber selbst, als das dem Regisseur zu überlassen . . .

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.11.2014)