Analyse: Die Angst der Saudis vor einem Erstarken des Iran

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Die Golfstaaten plagt die Horrorvision einer iranischen A-Bombe. Doch auch ein Frieden Teherans mit den USA ist nicht in ihrem Interesse.

Mit Argusaugen verfolgte man in den arabischen Golfstaaten die Verhandlungen in Wien. Der saudiarabische Außenminister, Prinz Saud al-Faisal, reiste extra an, um auf dem Flughafen Schwechat direkt von US-Außenminister John Kerry über den Fortgang der Atomgespräche mit dem Iran unterrichtet zu werden. Und Kerry hielt auch die anderen Außenminister der Golfmonarchien auf dem Laufenden. Die Strategen am Golf plagt nämlich eine Horrorvision, die sie mit Israel teilen: Der Iran könnte zu einer nuklear bewaffneten Regionalmacht aufsteigen.

Laut geheimen Dokumenten, die die Online-Aufdeckerplattform WikiLeaks veröffentlicht hat, soll das saudische Königshaus schon vor Jahren die USA zu Luftschlägen gegen das iranische Atomprogramm gedrängt haben. Denn die Golfmonarchien, allen voran Saudiarabien, Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate, sehen im Nachbarn Iran den großen Konkurrenten im Spiel um Einfluss in der Region. Sie haben nicht nur Angst vor einer iranischen Atombombe. Ihnen ist alles, was Teherans Position stärken könnte, ein Dorn im Auge.

 

Ärger über Atomgespräche

So stellte etwa der kuwaitische Stratege und Regierungsberater Sami al-Faraj in einem „Presse“-Interview unumwunden klar, jedes Abkommen abzulehnen, das dem Iran die Weiterführung eines Atomprogramms erlaubt: „Heute gibt es noch eine Balance der Kräfte zwischen Teheran und den arabischen Golfstaaten: Der Iran hat eine große Zahl an Menschen, wir haben die bessere Technologie“, meinte al-Faraj. Sollte aber der Iran – zusätzlich zu seiner größeren Bevölkerungszahl – auch moderne Atomtechnologie in die Hände bekommen, würde das eine drastische Verschiebung der Kräfteverhältnisse bedeuten. „Das bedroht die Balance am Golf, das ist inakzeptabel.“ Die Golfmonarchien zeigten sich erbost darüber, dass, ohne auf ihre Interessen Rücksicht zu nehmen – wie al-Faraj sagte – , überhaupt die jüngsten Nukleargespräche mit Teheran begonnen worden waren.

Dabei geht es um mehr als die Sorge, ein „schlechter Deal“ könnte dem Iran zu große Freiheiten in der Atomfrage zugestehen. Die Golfmonarchien fürchten auch, eine Annäherung Washingtons an Teheran würde ihre privilegierte Stellung als US-Verbündete in der Region unterminieren. Dann könnte der Westen nämlich auch auf die Ölreserven des Iran zurückgreifen. Und Teheran könnte als Partner in den Kampf gegen die Extremisten des Islamischen Staats (IS) und bei einer Lösung des Syrien-Konflikts miteinbezogen werden. Das widerspricht den strategischen Interessen der Saudis und Kuwaitis.

 

Stellvertreterkrieg in Syrien

In Syrien stehen der schiitische Iran und die sunnitischen Golfmonarchien auf der jeweils anderen Seite der Front: Teheran versorgt das Regime des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad mit Logistik, Waffen und Soldaten. Saudiarabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar unterstützen die Aufständischen. Dabei floss auch Hilfe an extremistische sunnitische Gruppierungen.

Aus Sicht der Golfmonarchien zieht sich ein Korridor des iranischen Einflusses von Teheran über den Irak und Syrien bis in den Libanon: Der mittlerweile zur Abdankung gezwungene irakische Regierungschef Nouri al-Maliki hat versucht, die Vormachtstellung der Schiiten im Irak einzuzementieren und unterstützte Teherans Syrien-Politik. In Syrien sollen iranische Berater mittlerweile wichtige Teile des Militär- und Sicherheitsapparats des Regimes kontrollieren. Und die schiitische Hisbollah, eine der mächtigen politischen und militärischen Fraktionen im Libanon, erhält Hilfe aus Teheran.

 

Sunnitischer Aufstand im Irak

Sollte Syriens Assad-Regime fallen, wäre der iranisch-schiitische Machtkorridor unterbrochen, so das Kalkül der arabischen Golfmonarchien. Es ist auch in ihrem Interesse, dass ein sunnitischer Aufstand die schiitisch geprägte Regierung im Irak in Bedrängnis gebracht hat. Auch wenn den Saudis und Kuwaitis angesichts des Umstands, dass in diesem Aufstand mittlerweile die IS-Extremisten die Führungsrolle übernommen haben, selbst langsam mulmig wird.

Dass nun bei den Verhandlungen in Wien eine Lösung des Atomstreits mit dem Iran erneut auf die lange Bank geschoben worden ist, dürfte man in der saudischen Hauptstadt, Riad, jedenfalls ähnlich sehen wie der israelische Premierminister, Benjamin Netanjahu: „Besser gar kein Deal als ein schlechter Deal.“