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Verena Rossbacher: Geniekult kotzt mich an

(c) Die Presse (Stix)
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Mit ihrem Debütroman „Verlangen nach Drachen“ ist Verena Rossbacher ein guter Start in den Literaturbetrieb gelungen. Im Gespräch erzählt sie von den kleinen Kämpfen unter Schriftstellern.

Ein „Sehr gut“ hat Verena Roßbacher auf ihren Roman bekommen. Wie jetzt? Das ist ja kein Schulaufsatz, möchte man denken. Das nicht. Aber eine Diplomarbeit. Denn Verena Roßbacher hat mit „Verlangen nach Drachen“ ihr Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig abgeschlossen. Das ist eine Art „Kunsthochschule“ für Schreiben, an der auch der österreichische Schriftsteller Josef Haslinger lehrt und die Jungstars wie Juli Zeh oder Saša Staniši´c hervorgebracht hat. Aber die ausgezeichnete Benotung heißt im Literaturbetrieb noch gar nichts. Mehr bringt es schon, wenn man allgemein als neue literarische Entdeckung gefeiert wird. Und das beginnt bei Verena Roßbacher gerade. Ihr Roman über eine Reihe reichlich ausgefallener Männerfiguren ist eben erschienen.

Für die 29-Jährige war es wichtig, mit Haslinger einen Landsmann am Institut zu haben. Denn die gebürtige Vorarlbergerin tat sich in Leipzig nicht leicht: „Ich finde den Osten sehr schwierig. Die hatten jahrzehntelang dieses absurde Regime, da sind ganze Generationen von der Diktatur geprägt, und das ist auch noch nicht wirklich aufgearbeitet.

Menschen, die zur Wende 15 bis 20 Jahre alt waren, die bilden eine verbrannte Generation. Die sind durch die hohe Arbeitslosigkeit sehr frustriert, auch wahnsinnig misstrauisch, da ist eine Aggressivität, mit der ich nicht umgehen kann. Immer wenn ich nach Österreich gekommen bin, hab ich wieder gemerkt, wie einfach Kontakt sein kann. Dabei heißt es immer, die Wiener sind so grantig. Aber sie sind nicht bösartig! Wenn ich dann wieder zurück nach Leipzig gekommen bin, habe ich schnell gemerkt, dass ich viel zu freundlich für das Umfeld dort bin. So ­etwas macht den Alltag ganz schön traurig. Man passt sich dem ja auch an, das fand ich erschreckend.“

Dem Drachen ins Auge. Vielleicht ist gerade dieses Unbehagen in Deutschland ein Grund dafür, dass der Ton in Roßbachers Roman ein ausgesprochen österreichischer geworden ist. Das beginnt bei der Figur des Wirten Neugröschl, den sie sich bei Torbergs „Tante Jolesch“ ausgeborgt hat. Und endet noch lange nicht bei ihrer Vorliebe für Heimito von Doderer. „Für mich ist Doderer der österreichische Marcel Proust. Und er war mit Stefan Zweig ­einer der letzten Universalgelehrten.

Es wundert mich, dass er nicht zu den ganz Großen gehört.“ Auch das Motiv des Drachens hat sie sich beim „Strudlhofstiege“-Dichter abgeschaut: „Doderer hat sich viel mit Drachen beschäftigt. Er war auch überzeugt, dass es Drachen wirklich gibt, hat ganz viele Berichte über Menschen gesammelt, die Drachen gesichtet haben. Diese Thematik zieht sich durch alle seine Bücher, das können auch Krebse oder Schlangen sein: Die Begegnung mit diesen Tieren ist immer ein Wendepunkt. Wer dem Drachen ins Auge blickt, der begegnet sich selbst.“ Dem Drachen ins Auge blicken kann man deswegen auch am Cover ihres Buches. 

Roßbachers Entscheidung für die ­österreichische Sprachmelodie birgt natürlich auch Gefahren: „Deutsche und Österreicher nehmen das Buch unterschiedlich auf. Deutsche finden zum Beispiel den Humor so derb und für ­eine Frau ungewöhnlich.“ Auch mit der „üppigen, floralen Sprache“ könnten sie nicht umgehen: „Da haben die Deutschen Mühe damit. Die mögen Thomas Mann, das geht noch.“ Dass Deutschland aber den größeren Markt darstellt als Österreich, das kümmert die Autorin nicht: „Auf so etwas habe ich nie spekuliert.“

Weinende Autoren sind Alltag. Was lernt man nun an einer „Schreib-Uni“ eigentlich? „Vor allem lernt man, seine Texte zu verteidigen. Man muss schon ein ziemliches Selbstbewusstsein zur eigenen Arbeit entwickeln. Und ein dickes Fell.“ Die Texte stehen nämlich immer zur Diskussion – vor Professoren genauso wie vor Kommilitonen. Und da kann es schon ganz schön zur Sache gehen: „Weinende Autoren, die aus dem Zimmer stürzen, das ist der Alltag“, sagt Roßbacher und lacht. Aber es ist ihr durchaus ernst: „Man darf nicht dran kaputtgehen, dass die Kritik schnell auf eine persönliche Ebene geht. Da ging schon ganz schön die Post ab, ich hab da schon viel einstecken müssen.“ Und doch vermisst Roßbacher den Austausch, jetzt, wo sie am nächsten Buch schreibt. „Das ist auch ein großer Luxus, dass man Leute hat, die sich die Mühe machen und die Zeit nehmen; das muss man ja auch sagen: Ein Text im Entstehen, das ist ja kein Spaß, den zu lesen.“

Dass die Konkurrenz unter den Studenten die Solidarität oft ausgestochen hat, das hat Roßbacher manchmal gestört. Sind Schriftsteller überhaupt bösartiger im Konkurrenzkampf als andere Künstler? „Das liegt daran, dass Schriftsteller das, womit sie arbeiten, die Sprache, auch benützen können, um andere fertigzumachen. Das können andere nicht. Ich meine, haben Sie schon mal Maler reden gehört? Die schweigen sich an und denken, sie hatten einen guten Abend.“

Reservierte Kollegen. Apropos Konkurrenz: Konflikte können sich schon mal ergeben, wenn „geborene“ Autoren auf solche, die ihren Beruf „erlernt“ haben, treffen: „Der Geniekult, das kotzt mich so an! Diese Vorbehalte gibt es natürlich, und ich wundere mich immer darüber. Ich treffe oft auf Kollegen, die mir gegenüber reserviert sind, nur weil ich an diesem Institut war! Ich kann das nicht mehr hören, das ist doch nur ein Kultivieren von Allüren – vielleicht deshalb, weil Schreibinstitute bei uns neu sind. Bei Kunsthochschulen stört sich kein Mensch daran. Da ist klar, dass man etwas lernen kann und dass trotzdem kein Einheits-Institutsstil herauskommt.“

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