„Die Besessenen“ nach Henry James, Mysterythriller. 90 Minuten mit Sabine Haupt. Unfassbar.
In zehn Jahren am Burgtheater hat die gebürtige Frankfurterin Sabine Haupt (42) ca. 20 große und kleinere Rollen gespielt. Mit den „Besessenen“ nach Henry James' Erzählung „The Turn of the Screw“ könnte sie, falls es so etwas gibt, ins Theaterbuch der Rekorde gelangen. Man erinnert sich an Will Quadflieg (1914–2003), der stundenlang auswendig rezitierte. Das war aber Gereimtes. Haupt spricht 90 Minuten eine Novelle mit komplizierten Windungen und langen, vertrackten Sätzen. Das ist schlichtweg atemberaubend. Was kommt als Nächstes? Vielleicht Thomas Manns „Zauberberg“? Nebenbei muss Haupt die Bildermaschinen für die Aufführung in Schwung halten, Videos und Kameras. Auch das tut sie perfekt. Boshafte könnten sagen, diese „Besessenen“ sind ein Fall für den Menschenschutz-Verein. Es ist schon oft sagenhaft, was den Schauspielern heutzutage zugemutet wird. Aber sie lieben wohl auch diese Kunststücke, wo wie bei einem Artisten, der sich aus der Zirkuskuppel stürzt, jeder laut und vernehmlich „Aaaaah!“ ruft.
„The Turn of the Screw“ (wörtlich ungefähr: Drehung der Schraube) ist vor allem als Oper von Benjamin Britten bekannt. Eine Gouvernante wird auf einen Landsitz geschickt, um zwei Kinder zu betreuen. Ihr in London lebender Dienstherr – in den sie ein wenig verliebt ist – schärft ihr ein, ihn keinesfalls mit irgendwelchen Problemen zu behelligen. Was tut die brave Frau in dieser Lage? Sie strengt sich an bis zur Selbstaufgabe. Dieser Punkt ist bald erreicht. Denn sie trifft auf unheimliche Erscheinungen, einen ehemaligen Kammerdiener und seine Geliebte, beide tot. Kommen die Geister aus dem eigenen Inneren der hysterischen Erzieherin, oder sind sie tatsächlich vorhanden? Was führen die Schemen im Schilde? Wollen sie die Kids zu sich holen?
Man kann diese Story auf allerlei Weisen deuten, psychologisch, gesellschaftspolitisch – Verdrängung von Sexualität im viktorianischen England – als Krimi oder Thriller. Henry James (1843–1916) war Amerikaner, vielleicht sah er darum besonders hellsichtig die alte Britenwelt, in der er lebte. Auf jeden Fall sind starke Einflüsse der Romantik spürbar. Man denkt an E.T.A. Hoffmann, auch an Edgar Allan Poe.
Erschöpfende Kunstübung
Illustriert ist die Aufführung so, als hätte ein heutiger Regisseur versucht, einen englischen Krimi im alten Schwarz-Weiß-Stil in Farbe zu drehen. Haupt spielt nicht nur, sie hat auch die Leitung der Produktion. Nives Widauer gestaltete Video und Licht. Interessant ist die klare Linie, die von früheren Autoren zu den heutigen Fantasy-Künstlern führt. Die Dramaturgie ist sehr ähnlich: Man wird immer wieder von Neuem um eine Ecke gelockt – und sieht (fast) nichts.
Welchen Sinn hat diese allseits anstrengende Kunstübung im Kasino? Die Frage stellt man sich anfangs, doch – wenn man nicht sanft entschlummert – bald nicht mehr. Der Bann, der die „Besessenen“ wie im Schraubstock festhält, ergreift auch den Zuseher. Er hat das Gefühl, mit einem Hörbuch am Kamin zu sitzen, und im Wohnzimmer toben die Gespenster, über die er gerade liest. Ein ungewöhnliches Erlebnis.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.03.2009)