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Prostitution statt Globalisierung!

Arbeitslose, ihr seid Märtyrer im Kampf gegen den Neoliberalismus...

Je deutlicher sichtbar wird, dass wir in eine Jahrhundert-Depression eintauchen, umso mehr ähnelt die Weltökonomie jener, die sich Globalisierungsgegner à la „Attac“ schon immer gewünscht haben: Man trägt wieder Verstaatlichung, Regulierung und Protektionismus; der Neusozialismus stürzt den Turbokapitalismus.

Das erlaubt ein interessantes, wenn auch unfreiwilliges Experiment. Denn in den kommenden Jahren wird sich herausstellen, ob eine Weltwirtschaft nach dem Geschmack der Globalisierungsgegner wirklich besser funktioniert als der angeblich kalte, herzlose und menschenverachtende Neoliberalismus, der nach Ansicht von Attac & Co. gescheitert ist. Erst dieser Tage gab die Weltbank bekannt, dass der globale Handel heuer auf den niedrigsten Stand seit 80 Jahren zurückfallen wird: Die Globalisierung ist damit vorerst einmal beendet.

Das wird nicht nur die Kurzarbeiter in der hiesigen Autozulieferindustrie, sondern auch Millionen von Arbeitern in China, Indien oder anderen aufstrebenden Nationen freuen. Denn diese werden so endlich vom Schicksal befreit, in den Fabriken des Neoliberalismus ihr Geld verdienen zu müssen; stattdessen dürfen sie als stolze Arbeitslose ohne soziale Sicherheit schauen, wie sie überleben (den jüngeren, gut aussehenden bleibt in Asien ja noch immer Prostitution als Ausweg, wie schon vor der Globalisierung). Sollte das die Betroffenen unfroh stimmen, bleibt ihnen ja der Trost, einen heldenhaften Beitrag im Kampf gegen den Neoliberalismus erbracht zu haben.

Ähnlich günstige Auswirkungen wird auch der wohlverdiente Zusammenbruch des globalen Finanzsystems haben. Denn wenn sogar superreiche Staaten wie Österreich plötzlich hohe Risikoprämien bezahlen müssen, um Kredit zu bekommen, kann man sich gut vorstellen, wie leicht wohlstandsfördernde Investitionen in armen Ländern jetzt zu finanzieren sind. Allein in der Gruppe der ärmsten Länder wird das laut Weltbank eine Investitionslücke von 300 bis 500 Mrd. Euro bewirken; quasi als Kollateralkosten der Entglobalisierung.

Nicht vergessen werden darf auch der immaterielle Vorteil, den der Umbau des neoliberalen Systems zu einem Attac-kompatiblen bietet. Bruder Baum, Mutter Erde und die Eisbären in der Arktis werden natürlich davon profitieren, dass umweltschädliche Autos kaum noch gekauft, hergestellt und über die Weltmeere transportiert werden.

Es wäre daher unkorrekt, Entglobalisierung und Kollaps des Welthandels als Nachteil zu verstehen: Sie sind vielmehr ein wichtiger Beitrag zum Erreichen der Klimaziele; die demnächst wohl Millionen Arbeitslose müssen sich bloß als Märtyrer im Kampf gegen das böse CO2 verstehen, dann werden sie ihr Schicksal vergnügt ertragen.

Sollte dies wider Erwarten nicht der Fall sein, können sich die Arbeitslosen ja an die nächste Attac-Gruppe wenden. Die wird sicher gerne und unbürokratisch helfen, in der vom Joch der Globalisierung befreiten Welt finanziell zu überleben.

Christian Ortner ist Journalist in Wien.

christian-ortner@chello.at

www.ortneronline.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.03.2009)