Auf der Suche nach Mitteln, die Traumata mildern, dringt die Forschung bei Mäusen weit vor. Aber auch bei Menschen verspricht ein gängiges Medikament für ein anderes Leiden einiges.
Können Bilder des Schreckens wie die beim Massaker an der Schule in Winnenden je wieder aus dem Gedächtnis derer gelöscht werden, die sie mit ansehen mussten? Bisher nicht: Zumindest aus eigener Kraft kann niemand Erinnerungen ausradieren, der stärkste Wille versagt, allenfalls Drogen helfen – Kriegsveteranen werden oft süchtig –, auch nur temporär, es sei denn, man greift zur Lethe der griechischen Mythologie. Aber die löscht alles, nicht nur das, was man vergessen möchte, Das konnte erst Hollywood: In „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ lässt sich die Heldin maschinell jede Erinnerung an ihre unglückliche Liebe austreiben, ihr Liebhaber zieht nach, um die Liebe zu retten.
Aber die Amnesie-Maschine gibt es nur im Film. Und nach einem Medikament, das gezielt und selektiv Erinnerungsspuren tilgt, sucht die Pharmakologie seit über hundert Jahren vergeblich, der Bedarf ist groß, zehn Prozent leiden an „posttraumatischer Belastungsstörung“, bei der sich Erinnerungen an Grauen immer wieder hervordrängen. Aber allmählich rückt die Vergessenspille näher, vielleicht ist sie sogar schon da: Bei Versuchsmäusen kann man Furchterinnerungen ausschalten, und bei Menschen kann ein Medikament, das zu ganz anderen Zwecken entwickelt wurde, dabei helfen.
Vier Stufen des Gedächtnisses
Bei den Mäusen geht es um Grundlagenforschung, sie sollen die Mechanismen des Gedächtnisses erhellen, sie laufen grob so: Erst wird eine Erinnerung erworben („acquisition“), dann wird sie verfestigt („consolidation“), gelagert („storage“) und schließlich irgendwann wieder abgerufen („retrieval“). Dabei wird sie neuerlich verfestigt bzw. von Grund auf wieder aufgebaut, die vierte Stufe wiederholt partiell die erste.
In beiden Stufen spielt in Gehirnzellen ein Rezeptor eine Schlüsselrolle, NMDA, er sorgt für Kommunikation zwischen Zellen. Je aktiver sein Gen ist, desto besser ist das Gedächtnis, das weiß man von uns – Kinder haben stärkere NMDA-Aktivität, deshalb lernen sie rascher –, man weiß es auch von Mäusen: Joe Tsien (Medical College of Georgia) hat 1999 mit gentechnischen Tricks NMDA stark aktiviert, Diese Tiere lernten rasch, eine Gedächtnisdroge zeichnete sich ab, die Debatten waren heiß (und Tsien gründete zur Verwertung des Grundlagenwissens eine Pharmafirma).
Letzten Herbst hat Tsien das Ganze umgedreht und, wieder an Mäusen, eine Vergessensdroge ausprobiert, an Mäusen, denen zuvor Furcht ankonditioniert worden war, sie hatten in einem besonderen Raum Stromstöße erhalten. Setzte man normale Mäuse später wieder in diesen Raum – ohne Stromstöße –, erstarrten sie vor Furcht. Setzte man aber gentechnisch manipulierte Mäuse hinein – diesmal ging es um ein anderes Gen: CAMKII –, blieben sie ohne jede Furcht: „Wir haben damit ein molekulargenetisches Paradigma, durch das eine vorhandene Erinnerung, wie etwa die einer Furcht, in kontrollierter Weise im Gehirn rasch und spezifisch ausgelöscht werden kann“, schloss Tsien (Neuron, 60, S.353).
Mit ähnlicher Raffinesse und einer ähnlichen Furchtkonditionierung hat nun Sheena Josselyn (Toronto) ein ähnliches Mirakel vollbracht: Sie setzte wieder bei einem anderen Gen an, CREB, man weiß, dass es das Lernen unterstützt. Herausgefunden hat das Eric Kandel, Wiener Emigrant in New York, er hat u.a. dafür den Nobelpreis erhalten, zudem hat auch er eine Pharmafirma gegründet, viele wollen ihr Gehirn dopen.
Andere wollen nichts lieber als böse Erinnerungen loswerden. Deshalb hat Josselyn bei ihren Mäusen die Gehirnzellen ausgeschaltet, die besonders aktive CREB-Gene haben. Auch sie verloren die Furchterinnerung, auf einem anderen Weg als die Mäuse Tsiens: Bei ihnen wurde schon Stufe eins („acquisition“) blockiert, die Erinnerung baute sich gar nicht auf (Science, 323, S.1492). Bei Tsiens Mäusen wurde in Stufe vier („retrieval“) eingegriffen, dort, wo die Erinnerung noch einmal neu gebaut wird.
Dort kann sie offenbar auch gänzlich abgebaut werden, auch bei Menschen, und zwar durch ein Medikament, das bisher etwas ganz anderes soll, Blutdruck senken: Propranolol, ein Betablocker. Ihn gab Meryl Kindt (Universität Amsterdam) Testpersonen, die sie zuvor konditioniert hatte wie die Mäuseforscher ihre Mäuse: Die Personen sahen auf einem PC-Schirm Vogelspinnen und erhielten einen Stromstoß. Dann bekamen sie eine Pille – Propranolol oder ein Placebo –, anderntags sahen sie die Spinnen wieder, nach ein paar Wochen noch einmal: Alle erinnerten sich an die Situation, die Spinne und den Stromschlag. Aber nur die mit dem Placebo zeigten Furcht, bei den anderen hatte Propranolol diese Komponente der Erinnerung gelöscht, (Nature Neuroscience, 25.2.).
Bitte keine Selbsttherapie!
„Bis heute konnten selbst erfolgreichste Therapien die Furchtreaktion nicht eliminieren, Rückfälle sind häufig. Bei uns wurde die Furchterinnerung wirklich ausgelöscht, das ist eine erfolgversprechende Basis für künftige Behandlungen“, erklärt Kindt und bittet zugleich: „Probieren Sie das nicht zu Hause!“ Der Betablocker ist keine „Angstpille“, die man bei Bedarf einwirft: Er wirkt nur, wenn die Situation – auf Stufe vier – neu erinnert wird. Deshalb könnte Propranolol therapeutische Gespräche unterstützen, die traumatische Situationen ins Gedächtnis rufen, um ihre emotionale Last zu mildern.
Einen Haken hat die Sache: Propranolol löscht laut Kindt „vermutlich“ nicht nur Furcht, sondern „jede emotionale Erinnerung“, auch freudige könnte verloren gehen.
Aufbau des Gedächtnisses
■Was lange gespeichert wird, durchläuft nach dem derzeitigen Modell vier Stufen: Erwerb, Verfestigung, Lagerung, Abrufen. Dabei spielen viele Gene mit, etwa das von Eric Kandel entdeckte CREB.
■Zum Löschen eingreifen kann man mit Genmanipulationen – etwa von CREB auf der ersten und vierten Stufe. Dort wirkt auch der Betablocker Propranolol, unklar ist wie.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.03.2009)