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Pop

Marteria: Wo geht es in den Hip-Hop-Himmel?

Der Musiker und S�nger Marteria steht am 04 Juli 2014 im Rahmen des Summerjam Festival 2014 am
(c) imago/Manngold (imago stock&people)
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„Hände nach oben!“ rief Rapper Marteria: Deutscher Hip-Hop, so radiotauglich er sein mag, ruht eben noch immer tief in der Tradition des Genres. So herrschte Ekstase in Simmering.

Rauchschwaden im Wiener Gasometer. Inmitten des Auditoriums entflammte ein bengalisches Feuer, kurz darauf auch auf der Bühne. Pyrotechnik mitten im Publikum? Ein ungewohntes Bild, auch für den tendenziell gelassenen Wiener Konzertbesucher. Unter den Fackelträgern: der deutsche Rapper Marteria, wohl das personifizierte soziale Gewissen des Sprechgesangs. Er engagiert sich für Entwicklungsländer, beispielsweise mit dem Brunnenbau-Projekt „Viva con Agua“. Zuletzt nahm er u. a. mit Campino die deutsche Version des Charity-Lieds „Do They Know It's Christmas?“ auf. In seinem Song „Bengalische Tiger“ skizziert er Unruhen in sozial prekären Vororten wie den Pariser Banlieues oder im Gezi-Park in Istanbul. „Natürlich nehmen Jugendliche auch den Hass mit zum Fußball“, sagte Marteria einmal zur „Presse“ (Link zum Interview). Er weiß, wovon er spricht.

Marten Laciny, so sein bürgerlicher Name, galt als Fußballtalent. In seiner Jugend spielte er für Hansa Rostock und stand in der deutschen U17-Nationalmannschaft. Parallel begann er mit dem Rap und blieb dabei. Es sollte sich auszahlen, erfreut sich das Genre doch seit einiger Zeit großer Popularität. War Hip-Hop in Deutschland anfangs, nach amerikanischen Vorbild, durch geografisch von einander getrennte Crews – wie den Vorreitern Advanced Chemistry in Heidelberg, Absolute Beginner in Hamburg oder später die Gruppe um Sido und Bushido (Aggro Berlin) – repräsentiert, setzen die Plattenfirmen nun auf einzelne, jeweils eigenständige Akteure. Das Angebot ist so breit wie selten zuvor.

Reflektierter als Cro

Auch den Straßen-Rap gibt es nach wie vor. Nur die Grenzen verschwimmen: Der empfindsame, als Indie-Rapper verschriene Casper macht gemeinsame Sache mit Kollegah, der gern mit der Halb- bis Unterwelt kokettiert und auch einen „Zuhälterrap“ sprach. Beide reüssierten mit ihren letzten Alben in den Charts. Cro, auf der Bühne als Panda maskiert, ist ungleich radiotauglicher. Ohne Major-Label veröffentlichte er 2012 das Album „Raop“. Es verkaufte sich 500.000 Mal. In die Kategorie Raop, ein Neologismus aus Rap und Pop, fällt auch Marteria. Sein jüngstes Album „Zum Glück in die Zukunft II“ kam in Deutschland auf Platz eins, in Österreich auf zwei. In puncto Reflexion und Eklektizismus lässt er Cro hinter sich.

Gute Laune verbreiten, das kann Marteria aber: gleich zu Beginn des Wien-Konzerts mit seinem funkigsten, aber textlich schwächeren Song „OMG“ – Refrain: „Oh mein Gott, dieser Himmel, wie komm ich da bloß rein?“ – und der feinen, mit 8-Bit-Sound angereicherten Videospiel-Parabel „Endboss“. Überhaupt gelang im unwirtlichen Simmeringer Betonklotz die schwierige Verbindung von Analogem und Digitalem. Keine Spur vom altehrwürdigen Rap-Gesetz „Two Turntables and a Microphone“. Fast eine komplette Fußballmannschaft inkl. Sängerinnen, DJ und Band scharte sich um den Rapper, der die Menge dirigierte: „Hände nach oben!“ Meer aus Händen. Das „Hip-Hop Hooray“ stirbt nicht aus.

In der Halbzeit schlüpfte Marteria – wie gewohnt – in das Latex-Kostüm seines Alter Ego Marsimoto und rappte mit Helium-Stimme zu schweren Beats über das „grüne Gold“. Gemeint ist Marihuana. Erneut Nebelschwaden im Gasometer. Nach dem psychedelischen Intermezzo ging's ruhiger in die „Welt der Wunder“, ehe zum Finale die T-Shirts der Besucher durch und Konfetti-Schnipseln von der Hallendecke flogen. Ekstase. Oder Remmidemmi, wie das Deichkind nennen.

(Die Presse", Print-Ausgabe, 27.11.2014)

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