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Pin-ups und Obdachlose: Pop-Art in Köln

SPAIN TOM WESSELMANN
WESSELMANN(c) EPA (Julian Martin)
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Können wir das Lebensgefühl der Sixties noch verstehen? Und was bleibt von der Kunst, die es zu fassen versucht hat? „Ludwig Goes Pop“ im Kölner Museum Ludwig zeigt, erstaunlich viel. Ab Februar dann in Wien.

Kaum eine Kunstepoche war so schnell und nachhaltig erfolgreich wie die Pop-Art. Einer der größten Pop-Art-Sammler, der Aachener Schokoladenfabrikant Peter Ludwig, sagte einmal über diese Bilder: „Das ist unsere Generation, das ist unser Erleben der Welt.“ Aber schon damals gab es starke Zweifel an dieser Bewegung. Die einen sahen in der Pop-Art eine befreiende Absage an die elitäre, abstrakte Kunst, die anderen beklagten die Trivialität der Bilder.

Welche Sicht überwiegt heute? Nicht zuletzt die Rekordpreise auf Auktionen beweisen zwar, wie beliebt die plakativen Bilder von Andy Warhol oder Roy Lichtenstein noch heute sind – und sei es nur als Investorenobjekte. Aber können wir das damalige Lebensgefühl, die hedonistische Begeisterung für Konsum, Werbung und Warenwelt heute überhaupt noch verstehen? Oder fehlt uns mehr denn je thematischer Tiefgang in der Pop-Art? Ist sie noch aktuell genug, dass eine rein historisch angelegte Ausstellung Besucher ins Museum locken kann? Offenbar ja. Das Kölner Museum Ludwig zeigt gerade „Ludwig Goes Pop“, einer der größten Überblicksausstellungen vergangener Jahrzehnte. Nicht nur sind im ersten Monat bereits 56.000 Besucher gekommen, ist der Katalog schon fast ausverkauft. Vor allem beweist die Ausstellung, wie facettenreich die Pop-Art war.

 

Ludwig interessierte sich nie für Profit

Dass diese Ausstellung überhaupt in Köln stattfinden kann, hängt eng mit der Person Ludwig zusammen. Er hatte in den 1960er-Jahren begonnen, Werke der Pop-Art zu sammeln. Anders als die heutigen Käufer interessierte ihn dabei nie ein möglicher Profit. Er suchte von Anfang an die Öffentlichkeit, stellte einiges 1968 in Aachen, 1969 dann im großen Umfang im Kölner Wallraf-Richartz-Museum aus. 200.000 Menschen kamen, ein Rekord damals. Später schenkte Ludwig, der sich selbst einmal als einen „Spätzünder“ in Sachen Pop-Art bezeichnete, 350 Werke dem Haus in Köln, das 1976 als Museum Ludwig gegründet wurde. Weitere Bilder spendete er Museen in Aachen, Basel, Budapest, Koblenz, Peking und auch dem Museum Moderner Kunst Wien, das seither den Zusatz „Stiftung Ludwig“ im Namen trägt. Für „Ludwig Goes Pop“ kommen aus diesen Häusern jetzt 150 der besten Exponate wieder zusammen.

Schon der Auftakt ist ein Paukenschlag: Auf den Stufen, die zu den Ausstellungsräumen hinunterführen, liegen schlafende Obdachlose – Duane Hansons hyperrealistische Skulpturen. Damit holt das Museum die Realität, die Bettler draußen auf dem Kölner Domplatz, in die hehren Hallen. Gleich darauf folgen Andy Warhols Brillo-Boxen, die heute als Ikonen der Pop-Art gelten. So öffnet die Schau die schon fast vergessene Breite dieser Kunstepoche: Das zentrale Anliegen, Kunst und das Leben zu verbinden, führte einerseits zu so drastischen Werken wie Hansons Obdachlosen oder zu den einsamen Großstadtmenschen von George Segal. Andererseits wurde der Welt des Konsums gehuldigt, indem die Bildmotive aus der Werbung und Warenwelt übernommen wurden. Dazwischen liegen wunderbare weitere Facetten der Pop- Art, die das Museum Ludwig in zehn Kapiteln entwickelt. Da ist ein Roy Lichtenstein, der das Repertoire um kunsthistorische Motive erweitert hat. Heute fast nur noch für seine großen Comicszenen bekannt, zeigte er mit seinen gerasterten Impressionismus-Variationen und seiner Version von Carlo Carràs „Rotem Reiter“, wie unbekümmert man sich Hochkunst aneignen kann.

Aber da sind auch Werke, die gesellschaftliche Spannungen aufgreifen, die politische Stellung beziehen, wie Edward Kienholz' „Transportables Kriegsdenkmal“, das von seiner düsteren Stimmung und bewegenden Wirkung bis heute nichts verloren hat. Oder Robert Indianas Bild, das einen Mond zeigt, rundherum steht: „AH! Sehet sein grinsendes Gesicht. Die Braunschaft“ – ein Bild aus dem Wiener Besitz. Indiana, heute vor allem für seine Aids- und Love-Bilder bekannt, reagierte damit auf die Rolle des Ex-Nazis Wernher von Brauns in der US-amerikanischen Raumfahrt. „AH!“ sind die Initialen Hitlers, „Braunschaft“ ist eine Wortschöpfung.

 

Ist das eine Flagge oder ein Bild?

Und da sind Robert Rauschenberg und Jasper Johns, die selbst nie zu Pop-Art gehören wollten. Hier sieht man eine Kunst, die sich vom simplen Realismus löst: Reicht es, Alltägliches abzubilden? Warum nicht auch als Materialien einbauen? Rauschenbergs „Combine Paintings“ sind mit Objekten verbunden, Johns malte einmal über die volle Leinwandgröße die US-Flagge: Ist es eine Flagge oder ein Bild? Es sind großartige Werke, die einen ganz eigenen Realismus gefunden haben, um Bild- und Lebenswirklichkeit zu verbinden, was zum zentralen Dogma der Pop-Art wurde.

Aber dann sind da auch die unsäglichen Bilder, in denen Frauen nur als Pin-up-Girl wie bei Mel Ramos oder als naive Blonde wie bei Roy Lichtenstein vorkommen. Auch Tom Wesselmann gehört dazu, er abstrahierte eine weibliche Brust zu einer „Seascape“ (Seelandschaft). Das Museum Ludwig richtet diesem Thema einen eigenen Raum ein, in dem man sich entgeistert fragt, wie es möglich war, dass damals solche Klischees gemalt wurden. Aber in den Sixties war der Feminismus eben durchaus noch nicht Common Sense. Und auch solche Bilder zeigen, wie vielschichtig die Pop-Art das damalige Lebensgefühl eingefangen haben – und dass es meist überzeitliche Themen waren, die ihre Aktualität noch längst nicht eingebüßt haben.

Museum Ludwig Köln: bis 11.Jänner,

Mumok Wien: von 13.Februar bis 13.September 2015.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.11.2014)