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Bosniens Kampf gegen Jihadisten

ISLAMIC STATE MILITANTS
(c) APA/EPA/FEDERAL BUREAU OF INVEST

Die Behörden Bosniens gehen gegen Extremisten vor, die offenbar Hilfe aus Zirkeln in Österreich erhalten haben. Vor allem die Saudis missionieren in dem Balkanstaat.

Sarajewo. Gestern erst verlängerte ein Gericht in Bosniens Hauptstadt, Sarajewo, die Haft für den radikalen Salafisten Bilal Bosnić um weitere 25 Tage. Anfang September war er nach einer breitflächigen Polizeiaktion mit 15 anderen Extremisten festgenommen worden. Bosnić wird vorgeworfen, junge Bosnier als Kämpfer für Jihadistengruppen in Syrien rekrutieren zu wollen. Noch kurz vor der Polizeiaktion hat er in Skandinavien über 100.000 Euro Unterstützungsgelder sammeln können. Bei der Razzia Anfang September wurden sowohl Waffen als auch umfangreiches Material in den Städten Sarajewo Kiseljak, Zenica, Maglaj, Srebrenik und anderen Orten sichergestellt. Nach Angaben der bosnischen Polizei wird nach der Beschlagnahmung dieser Unterlagen nun eine Untersuchung über die Finanzierung und die Rekrutierung durchgeführt.

Eines scheint klar: Die Extremisten haben supranationale Netzwerke errichtet. Schon lange gab es Hinweise darauf, dass Islamisten aus Österreich, vor allem aus Wien und Graz, ihre Fühler nach Bosnien und Herzegowina ausgestreckt hatten.

 

Entsetzte Öffentlichkeit

Als 2010 das von Wahhabiten kontrollierte bosnische Dorf Obermaoca von der Polizei gestürmt wurde, fand man Beweise für diese Verbindungen. So soll Mevlid Jasarević, der oftmals in Maoca zu Gast war, zwischen Österreich und Bosnien gependelt sein. Auch Bilal Bosnić hatte davor in Österreich gelebt.

Jasarević wurde 2011 gefasst, als er wild um sich schießend auf die US-Botschaft in Sarajewo zugegangen war; 2013 wurde er in Sarajewo zu 15 Jahren Haft verurteilt. Auch Nusret Imamović, der Imam von Maoca, gehört zum engsten Kreis dieser radikalen Zirkel. Er lebt jetzt offenbar in Syrien.

Es soll diesen Leuten gelungen sein, etwa 150 bosnische Kämpfer nach Syrien zu schicken, heißt es aus inoffiziellen Quellen. Die meisten von ihnen, auch Frauen, haben sich der den Organisatoren nahestehenden Gruppe Jabhat al-Nusra, einer Alliierten der al-Qaida, angeschlossen. Wie viele inzwischen getötet wurden, kann nur vermutet werden, wahrscheinlich sind es um die 20. Die bosnische Öffentlichkeit ist darüber entsetzt, besonders in der in Nordostbosnien liegenden Kleinstadt Srebrenik.

Tragisch mutet das Schicksal der aus diesem Ort stammenden Fatima Mahmutović an. Ihr 23-jähriger Sohn, Mirzet, ein Computerspezialist, war von seiner Firma in Sarajewo nach London geschickt worden. Dort radikalisierte er sich und ging zum Entsetzen seiner Familie im März 2013 nach Syrien. In diesem Jahr folgte ihm die Mutter Fatima, die ihren kleinen Sohn, Jasmin, mitnahm, um ihren älteren Sohn zu suchen. Sie wurde Anfang August in Syrien von einer Bombe getötet. Nun bangt der in Srebrenik lebende Vater um das Leben seines jüngsten Sohnes.

Die Rekrutierungen sollen in den vergangenen Monaten zurückgegangen sein. Beigetragen haben dazu auch die Gerüchte, dass die jedem Kämpfer für einen dreimonatigen Einsatz versprochenen 50.000 Euro gar nicht ausbezahlt würden. Denn kurz vor Ablauf der Frist würden die Kämpfer ermordet. Ob die Geschichte stimmt oder nicht, ist nicht wichtig: Sie entfaltet offenbar Wirkung. Gegen sie spricht, dass rund ein Dutzend der Kämpfer zurückgekehrt sein sollen.

Wahhabiten oder andere radikale Islamisten sind in der Volksgruppe der Muslime in Bosnien bisher isolierte Splittergruppen. Als 2007 Wahhabiten versuchten, Moscheen des regulären bosnischen Islam zu besetzen, wurden sie von der Bevölkerung unter Androhung von Gewalt etwa in der ostbosnischen Kleinstadt Kalesia und in Sarajewo vertrieben. Das Oberhaupt der traditionell toleranten und liberalen bosnischen Muslime, der Reisu-l-ulema Husein Kavazovic, setzte sich vor einigen Monaten scharf von islamistischen Ideologien ab, ebenso wie die einflussreichen Professoren der islamisch-theologischen Fakultät in Sarajewo.

 

Nicht einverstanden mit Alkoholverbot

Doch langsam wird der Einfluss des „Neuen Islam“, der sich vom „europäischen Islam“ Bosniens absetzt, spürbar. Saudiarabien und andere arabische Staaten locken junge Leute aus armen Schichten mit Stipendien für ein Theologiestudium mit der Absicht, ihre Auffassung des Islam in Bosnien zu verbreiten.

Die Bosniaken, wie die Volksgruppe der bosnischen Muslime bezeichnet wird, haben ein breites Spektrum der Meinungen, was sich auch in den Wahlen ausdrückt. Die nicht nationalistischen und nicht religiösen Parteien erreichen in dieser Volksgruppe nach wie vor die Mehrheit. Viele Bosniaken halten sich zwar nach außen hin an islamischen Gebräuche wie die Fastenzeit Ramadan, sind jedoch keineswegs mit dem islamischen Alkoholverbot einverstanden. Islamisten sehen in diesem Verhalten einen Verrat.

AUF EINEN BLICK

In Bosnien und Herzegowina hat seit dem Krieg von 1992 bis 1995 der Einfluss radikaler Splittergruppen zugenommen. Staaten wie Saudiarabien investierten viel Geld, diese Organisationen zu unterstützen. Die überwiegende Mehrzahl der bosnischen Muslime vertritt aber nach wie vor einen sehr liberalen, europäischen Islam, bei dessen Ausübung man es etwa mit dem Alkoholverbot und anderen Vorschriften nicht so genau nimmt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.11.2014)