Ballern im Bordell

Jagdtrophaeen
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Viel weiter kann die Ökonomisierung der Jagd auf Kosten der Gesellschaft und der Tierwelt nicht gehen. Die Jagdlust hinter Zäunen: vom Über-den-Haufen-Schießen in Flatrate-Wildgattern.

Am 29. April dieses Jahres wurden bei der Staatsanwaltschaft St. Pölten vier Jäger angezeigt: der derzeitige Landesjägermeister vonNiederösterreich, frühere Finanzminister und ÖVP-Chef, Ing. Josef Pröll; der ehemalige Landesjägermeister von Niederösterreich und ehemalige Raiffeisen-Chef, Dr. Christian Konrad; der österreichische Geschäftsmann und Lobbyist Alfons Mensdorff-Pouilly; sowie der Generalsekretär der Zentralstelle Österreichischer Landesjagdverbände, sozusagen der oberste hauptberufliche Vertreter der österreichischen Jagdorganisationen, Dr. Peter Lebersorger; angezeigt wurden diese vier Männer wegen Tierquälerei durch Massenzucht und Massenabschuss in einem rund 200 Hektar großen Jagdgatter, in welchem der Lebensraum so sehr degradiert war, dass der Ökologische Jagdverband zeitgleich eine Klage wegen Waldverwüstung und Waldgefährdung einbrachte.

Es ist wesentlich, wer da angezeigt wurde. Repräsentanten der Jägerschaft und prominente Jäger sind Symbolfiguren der Jagd, alssolche haben sie Vorbildfunktion für die Jäger und als politische Akteure novellieren sie die Jagdgesetze und bestimmen damit die Richtung der Jagd. Wenn eine legale Jagdform nicht nur Tierschützer, sondern auch Jäger zu einer Anzeige veranlasst, dann ist das keine grundsätzliche Anfeindung der Jagd, sondern ein Einspruch gegen einen gesellschaftlich unerträglichen Auswuchs der Jagd, welcher Tier- und Naturschutzrechte nicht nur fallweise unbeabsichtigt verletzt, sondern prinzipiell und bewusst ignoriert – und obendrein die Gesellschaft schädigt. Das sollte keinem von uns gleichgültig sein.

Gatterjagden sind eine Zeitreise. Gejagt wird meist ähnlich wie vor drei Jahrhunderten, als dem Adel bei den sogenannten eingestellten Jagden Unmengen von Wild vor die Jagdstände getrieben wurden, Wild, das in den Wochen davor in einen durch Lappen, Netze und Tücher eingefassten Bereich zusammengetrieben wurde. Kein Aufsuchen, kein Nachstellen, nur Abschießen. Heute wird das Wild nicht erst in die Gatter getrieben, sondern ganzjährig dort eingeschlossen und gefüttert. Ein Rundumzaun ersetzt die Tücher, sodass kein Wild dem Jäger durch die Lappen geht, der Jagderfolg ist garantiert.

Die barocke Lust, in kurzer Zeit eine möglichst große Zahl von Wildtieren in umzäunten Bereichen niederzuknallen oder, jagdpolitisch korrekt formuliert: zu erlegen, ist für die meisten von uns, auch für so manchen Jäger, nicht nachvollziehbar. Berichte darüber lösen stets ein breites Spektrum an Reaktionen aus, von Abscheu über Unverständnis bis Zorn. Die Jagd im Gatter unterscheidet sich von dem, was Jäger und Nichtjäger gemeinhin unter Jagd verstehen – das Aufspüren und Erlegen frei lebender Wildtiere in einer komplexen Umwelt – nicht nur graduell, sondern substanziell. Wenn man Oberstleutnant Sanftleben, einer Rolle des Kabarettisten Georg Schramm, zustimmt – „Die Kugel ist das Ejakulat“ –, dann leiden diese Weidmänner (und es sind fast ausnahmslos Männer) an Satyriasis. Entsprechend bezeichnen Jäger, die das uns an Wahrnehmung überlegene Wild mit allen Sinnen auffinden wollen, solcheJagdgatter in ihren Jagdforen pointiert als Bordelle. So ein 200-Hektar-Gatterentspräche einem Straßenstrich. Doch – unter derPrämisse, dass die Jagd an sich akzeptabel ist – was ist das Problem, solange man dort nicht an die 60 angeschossene Wildschweine langsam verenden lässt, wie das den vier angezeigten Jägern vorgeworfen wird? Sie töten Wildtiere in den Gattern, ja. Aber das tun Jäger außerhalb der Gatter auch, auch freud- und lustvoll, auch da fällt nicht jedes Tier im Feuer. Manchmal sind die Gatterjäger sogar die besseren, weil fanatischeren Schützen. Obim Gatter oder außerhalb, ein Schwein hat Schwein, wenn der Schütze gut ist.

Sind Jagdgatter weidgerecht? Ach wasWeidgerechtigkeit. Der Begriff ist bekanntermaßen reichlich dehnbar, vor allem für jene, die Weidmänner und Weidgerechtigkeit prominent vertreten. Und es gibt schließlich auch große Gatter, mit intaktem Lebensraum und naturnahen Lebensbedingungen für das darin eingesperrte Wild, das in einem solchen Gatter oft besser lebt als außerhalb. Nicht immer dienen Gatter einer Massenzucht und einem Massenabschuss. Tierschutz ist zweifellos wichtig, in Jagdgattern, aber ebenso auch außerhalb. Worin besteht dann der Unterschied, ob im Gatter oder außerhalb gejagt wird? Was also gehen uns Jagdgatter an?

Eine Menge. Jagdgatter sind eine schleichende Privatisierung von Wildtieren. Denn Wildtiere sind, solange sie leben, herrenlos, niemandes Eigentum. Sie gehören wederdem Jäger noch dem Grundbesitzer, sondern in gewisser Weise uns allen, wie Luft und Regen. Folgerichtig ist Wilderei in Deutschland auch als Straftat gegen Gemeinschaftswerte definiert. Denn Wildtiere sind genau das: ein Gemeinschaftswert. Und was haben wir als Gemeinschaft von diesem unseren Wert? Keinen greifbaren, materiellen Gewinn – abereinen ideellen. Wer Wildtiere nicht erlegen und nicht besitzen will, will sie doch zumindest leben sehen. Unvorhersehbare, nicht planbare Wildtierbegegnungen in freier Natur sind außerordentlich erfüllend und ungleich beglückender als in einem Tiergarten oder einem eingezäunten Wildpark. Soll das nur noch in Nationalparks möglich sein?

Jagdgatter sind die extremste Form einer privaten Exklusivnutzung von Wildtieren, derdeutlichste Verlust dieses Gemeinschaftswertes für die Gesellschaft. Das Wild lebt, vor äußeren Einflüssen geschützt, 365 Tage im Jahr hinter einem undurchdringlichen Zaun. Kein Wild kann hinaus und keines hinein, Fernwechsel werden ebenso unterbunden wie der für die Arterhaltung wichtig genetische Austausch. Der geschieht kontrolliert, indem bei Bedarf erwünscht veranlagte Tiere im Gatter ausgesetzt werden. Der Zaun behütet das gute Wild auch vor dem bösen Wolf. Alles unter Kontrolle. Auch betriebswirtschaftlich. Viel weiter kann die Ökonomisierung der Jagd auf Kosten der Gesellschaft und der Tierwelt nicht gehen.

Viele Jäger beklagen, oftmals zu Recht,den Naturegoismus, jene rücksichtslose „Die Natur gehört mir“-Einstellung vieler Nichtjäger, die wandernd, kletternd, Ski fahrend,mountainbikend oder laufend in der Natur unterwegs sind. Und doch haben sie in ihren eigenen Reihen, ja manche als ihre Vertreter, die skrupellosesten Naturnutzer. „Die Sicherung einer gesunden Umwelt als Lebensraum der frei lebenden Tierwelt“ deklariert die niederösterreichische Jägerschaft als ihre Hauptaufgabe. Doch gerade in diesem Bundesland werden Jagden in umzäuntem Gebiet als Jagdform der Zukunft etabliert. Nachdem 2009 einige Jäger eine „Initiative zur Abschaffung der Gatterjagd“ gegründet hatten, und der nun angezeigte Geschäftsführer des niederösterreichischen Landesjagdverbandes, Peter Lebersorger, erklärt hatte: „Eine Jagd ist nur das, was in freier Wildbahn stattfindet. Alles andere kann man nur als legalen Abschuss in einem Gehege sehen“, wurden Jagdgatter tatsächlich „abgeschafft“, indem sie 2010 in einer Jagdgesetznovelle flugs in „umfriedete Eigenjagden“ umgewandelt wurden.

Welch ein Hohn! Als befriedeter Bezirk werden nach deutschem Jagdgesetz Grundflächen bezeichnet, auf denen die Jagdausübung ruht. Jagdgatter, die ja nun das genaue Gegenteil von befriedeten Bezirken sind, scheinheilig in umfriedete Eigenjagden umzubenennen ist allerdings mehr als ein zynischer Euphemismus. Es ist die offizielle jagdliche Absegnung des Abschießens von gefangen gehaltenen Tieren. Es gilt als Jagd, denn in umfriedeten, also rundum eingezäunten Eigenjagden gelten die auch außerhalb der Gatter gültigen Schonzeiten – obwohl bei Bedarf auch eine von der freien Wildbahn abweichende Schusszeit festgesetzt werden kann. Wild darf nur im ersten Halbjahr ausgesetzt werden und, ebenso wie in der freien Wildbahn, erst vier Wochen nach dem Aussetzen bejagt werden, vermutlich damit die ausgesetzten Tiere nicht mehr ganzso handzahm sind und damit vielleicht gar suizidal wirken. Selbstmord begehen jedenfalls die ohnehin seltenen Birk- und Auerhühner, wenn sie gegen die über zwei Meter hohen, endlosen Zäune fliegen wie Singvögel gegen große Glasfenster. Und als Ablass fördert der Landesjagdverband dann Projekte zugunsten dieser Arten.

Freilich weiß man, dass „ durch plötzliches Einfrieden (Abzäunen) ganzer Täler oder Bergstöcke“ vom Wild regelmäßig benutzte Wege unterbrochen werden. Deswegen wird die Landesregierung mit Verordnung überregionale Wildkorridore festlegen – in weiser Voraussicht erstmals ab 2020. Bis dahin hat das Wild die Wanderrouten aufgegeben, denn großräumig eingezäunte Gebiete zerschneiden den Lebensraum der Wildtiere ungleich stärker als Mountainbikerouten, Forst- und Wanderwege, Loipen oder selbst Straßen.

Was vom Landesjagdverband als Fortschritt propagiert wird, als „Meilenstein für die Weidgerechtigkeit“, dient letztlich nur dazu, „canned hunting“, die Dosenjagd, als gängige Jagdform zu etablieren. Beteuerungen der Jägervertreter, für „geistige Hygiene“ zu sorgen und dafür, „dass die Geschäfte, die früher mit regelmäßigen, großen Schwarzwildjagden gemacht werden konnten, zukünftig ausgeschlossen sind“, wie eben jener jetzt angezeigte Christian Konrad in einem Interview 2012 beteuerte, erinnern an die freiwillige Selbstbeschränkung der Lebensmittelindustrie für Werbung an Kinder: scheinheilig, wirkungslos und reine Werbemasche. So wie die Konzerne die Nährwertanforderungen selbst definieren und festlegen, sorgt auch die Jägerschaft dafür, dass sie sich durch die selbst gewählten Regulierungen und Ethikstandards nicht einschränken muss. Die treibende Kraft ist, wenig verwunderlich, der beachtliche ökonomische Rang der Jagd, und bei Jagdgatternbetragen die Rohgewinne etwa das Doppelte der Jagdpachtzinse.

Eine für andere Länder kaum vorstellbare Vernetzung von Jagd, Wirtschaft und Politik führt in Österreich dazu, dass überbesetzte Jagdgatter sogar in Natura-2000- Schutzgebieten bewilligt werden und damit deren Ziel – gefährdete wildlebende heimische Pflanzen- und Tierarten und ihre natürlichen Lebensräume zu schützen – untergraben.

Weidmännisches Fehlverhalten wenigerschwarzer Schafe, Jäger, die Giftköder auslegen, streng geschützte Beutegreifer abschießen oder angeschossenem Wild unnötige Qualen zufügen, verurteilen die offiziellen Vertreter der Jägerschaft öffentlich unmissverständlich und rasch und strafen im schlimmsten Fall mit einem Ende der Zwangsmitgliedschaft und damit Ausschluss aus der Jägerschaft. Doch diesmal wurden Jäger angezeigt, die als Leithammel eine Jagdform etablieren, die ausschließlich einer wirtschaftlichen und politischen Elite zugute kommt, welcher es bei Gesellschaftsjagden darum geht, „dass man einander näherkommt“, wie es Christian Konrad formuliert. Gemeinsames Töten ist ein starkes zwischenmenschliches Bindemittel. Das Interesse – oder die Notwendigkeit –, Jagd zu diesem Endzweck auszuüben, steigt: Erhebungen des Market-Instituts zeigen, dass zunehmend mehr Jäger die Jagd als Networking-Basis nutzen. Von wegen Nachhaltigkeit, Naturschutz, ökologische Notwendigkeit oder Nahrungsbeschaffung. Gejagt wird, weil Jagd ein Netzwerk schafft, Verbindungen, auf die man in Notzeiten zurückgreifen kann.

Dazu bräuchte man keine Jagd im Gatter, aber Dosenjagd schafft soziales Kapital und damit „letztlich mehr Geschäftserfolg“ – der Jagdzweck für den Veranstalter von Gesellschaftsjagden, Alfons Mensdorff-Pouilly –besonders zielsicher und effizient, weil das Erlegen der Tiere rasch und zuverlässig möglich ist. In kleinen Gattern gelangt das Wild aufgrund der Überpopulation ganz automatisch vor die Büchse. Auch in weitläufigen Gattern, in welchen Jagdgäste vorwiegend der Trophäe wegen und allein, nur in Begleitung eines Berufsjägers, jagen, ist der jagdliche Erfolg innerhalb weniger Tage in der Regel sicher. Das ist wichtig,denn Zeit und zeitliche Flexibilität, die man braucht, um subtil und wildgerecht zu jagen, haben heutige Jäger zunehmend weniger. Darin liegen sie im Trend der Zeit, und eine Trendumkehr ist nicht in Sicht. Die zeitlichen Einsparungen bei dieser Jagd gehen allerdings auf Kosten der Gesellschaft. Bereitsjetzt beschneiden Zäune als Verpackungsmüll der Schnelljagden die Naturerlebnisse der nicht jagenden Gesellschaft und schränken nicht nur Wanderrouten des Wildes ein: Die seit 1975 im Forstgesetz geregelte freie Begehbarkeit des Waldes, den Jägern seit je ein Dorn im Auge, wird durch die Hintertür Jagdgatter subtil wieder eingeschränkt, wenn wir, wie Autos zwischen Lärmschutzzäunen, an über zwei Meter hohen Gatterzäunen entlanggeführt werden, im besten Fall zu einem Überstieg, den dann wohl nicht viele nutzen wollen: Wer möchte schon in einem Jagdgatter wandern?

Jagdgatter lassen uns leicht übersehen, dass die Jagd auch ganz anders durchgeführtwerden kann: als Wildtiermanagement ohneNachteile, mitunter sogar vorteilhaft für die Gesellschaft, für Natur- und Artenschutz, als Lebensraum schützende, ökologisch nachhaltige Einkommensquelle für den Grundbesitzer. Doch wenn die Repräsentanten der Jägerschaft ein Über-den-Haufen-Schießen in Flatrate-Schießgattern offiziell als Jagd präsentieren, können naturinteressierte Nichtjäger kaum umhin, die Jagd, wenn überhaupt, nur noch als Schädlingsbekämpfung zu akzeptieren.

Eine Anpassung der Jagd an die geänderten ökologischen und soziokulturellen Umstände ist zweifellos überfällig. Doch das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Nur gemeinsam können Jäger, Tierrechts- und Naturschutzverbände frei lebende Wildtiere als Gemeinschaftswert bewahren und die Jagd sowohl als ethisch legitimierbare, nachhaltige Bewirtschaftungsform sowie als kulturell verankerte sportliche Aktivität erhalten. Das Abschießen von Wildtieren in Gehegen ist weder das eine noch das andere. ■

Geboren 1962 in Wien. Studium der Zoologie und Humanbiologie in Wien. Dissertation über „Winterökologie ostalpiner Rotwildherden“. Dr.phil. Rotwildforschung in Österreich und Schottland.