Rache und Reue

Tina Leisch zeigt die Lebenswelt junger, straffällig gewordener Frauen, widersteht aber der Konvention, sie auf den Alltag hinter Gittern, in der Justizanstalt Schwarzau, einzugrenzen. Demnächst im Kino: „Gangster Girls“, ein Dokumentarfilm über Frauen, auf die es ankommt.

Vor einem Jahr hat der deutsche Schriftsteller Bruno Preisendörfer über „Leute, auf die es nicht ankommt“ geschrieben. Das heißt, eigentlich hat er sich nicht über solche Menschen, aus der Unterschicht, vom Rand der Gesellschaft, geäußert, sondern über die Art des öffentlichen Umgangs mit ihnen. Darüber, dass sie zwar zu Wort kommen, in kritisch gemeinten Sendungen, aber keine Deutungsmacht über sich selbst besitzen: Zur Interpretation ihrer Situation werden Experten befragt, Sozialarbeiter, Juristinnen, Ökonomen, die mit ihren Statements die als ungenügend erachteten Eigenbeschreibungen der Bedürftigen für die Zuseher oder Zuhörer in gültige Sätze übertragen. „Wenn auf der Seite der Hilflosigkeit ,wir‘ gesagt wurde, handelte es sich um das ,wir‘ der Demütigung. Wenn auf der Seite des Bescheidwissens von ,wir‘ gesprochen wurde, war es das ,wir‘ des Mitleids von überlegener Warte. Das ,wir‘ der Armen beschränkte sich schamvoll auf die eigene Familie und wagte es nicht, die Zuschauer dabei mitzumeinen. Das ,wir‘ der Armutsexperten trat als Pluralis Majestatis des öffentlichen Meinens auf, schloss die Zuschauer darin ein und die Dargestellten davon aus.“

Preisendörfer machte seine Beobachtungen bei einem Themenabend im deutsch-französischen Kultursender Arte, dem man immerhin nicht vorwerfen kann, die soziale Frage einfach zu übergehen. Hierzulande, in den Fernsehkanälen des ORF zum Beispiel, kommen Menschen in prekären Lebensverhältnissen erst gar nicht vor. Und wenn doch, dann für gewöhnlich nur in hektischenSchauplatzreportagen als Opfer ihrer Umstände, wie zum Zweck der Abschreckung und Disziplinierung, damit die Zuseher erkennen, wie schlimm das Schicksal einem mitspielt, der sich nicht anpasst, in Not gerät und immer tiefer darin versinkt. Die Erklärung wird vom jeweiligen Journalisten mitgeliefert, in einer sensationserprobten, vorgeblich nüchternen Sprache. Oder die Menschen werden visuell fest- und fertiggemacht, in skurrilen Porträts von Unbeholfenen und Öffentlichkeitssüchtigen. Zerhackte Bilder im Dienst einer Milieuschilderung, die sich in der Abbildung des für exotisch erachteten Dekors – Puppen, Stofftiere, Kerzenhalter – und im Klangbild rührseliger Schlager erschöpft. In diesen Realien, die ihnen vertraut sind, glauben sich die Protagonisten vielleicht sogar wiederzuerkennen – und bleiben doch Objekte, ausgesperrt von ihrer eigenen Geschichte, die der Film vorgibt darzustellen.

Allein schon durch den Verzicht auf solchen Milieuzauber erhebt sich „Gangster Girls“ weit über das Niveau dieser aus Sentimentalismus und Zynismus zusammengekleisterten Produkte. Tina Leisch zeigt die Lebenswelt junger, straffällig gewordener Frauen, widersteht aber der Konvention, sie auf den Alltag hinter Gittern, in der Justizanstalt Schwarzau, einzugrenzen. Sie sind wegen Diebstahl, Einbruch, Überfall, Hehlerei, Kreditkartenbetrug, Beihilfe zu versuchtem Mord und als Drogenkuriere verurteilt worden, werden aber nicht auf das reduziert, was sie erlitten, was sie angerichtet haben, auch wenn sie davon ausführlich und anschaulich berichten. So erscheinen sie uns als sprachmächtige, selbstbewusste, manchmal auch selbstkritische Personen, nicht als Minusmenschen, die einem normalglücklichen Dasein nachlaufen und dabei immer weiter zurückrutschen, ins Unglück und ins nächste Delikt.

Es ist, als hätten sie schon lange darauf gewartet, von sich erzählen zu dürfen, und man staunt über das Vermögen der Regisseurin, diesem drängenden Bedürfnis so sorgsam nachgegangen zu sein. Der Film verschweigt nichts vom komplizierten, konfliktreichen Anstaltsleben, von Neid, Selbstmitleid, Aggressivität und Gewalt – und wahrt doch die Würde seiner Heldinnen, allein dadurch, dass er duldsamer ist als sie. Kein indiskreter Blick auf die Gegenstände, mit denen sie sich in den Zellen umgeben, keine Stimme im Off, die ihre Äußerungen ergänzen, zusammenfassen oder deuten würde. Die innere Plausibilität des Films, der seine Wahrheit in ruhigen, unspektakulären Einstellungen gewinnt, verdankt sich dem gesellschaftlichen Anspruch der Filmemacherin und ihres Teams, der Überzeugung, dass künstlerisches Handeln sowohl die Akteure als auch die Betrachter, Betrachterinnen ergreifen und erschüttern muss. Davon spricht Leischs Regieassistentin Sandra Selimović, wenn sie das Ziel ihrer Arbeit umreißt: „All unsere Bemühungen, etwas toll darzustellen, Kunst zu machen, haben keinen Wert, wenn keine Seele davon berührt wird, vielleicht nicht mal unsere eigene. Wie soll denn Veränderung im Menschen stattfinden, wenn wir uns nicht voll drauf einlassen?“

„Gangster Girls“ ist aus einem kollektiven Projekt hervorgegangen, der Inszenierung des Theaterstücks „Medea bloß zum Trotz“, das Leisch und ihre Ko-Autorin Alma Hadžibeganović vor anderthalb Jahren gemeinsam mit Selimović sowie Häftlingen von Schwarzau und aus der Jugendstrafanstalt Gerasdorf erarbeitet haben. Szenen aus diesem Stück, das das Rachemotiv aus der Tragödie des Euripides aufnimmt, die erhabene Sprache und der ungestüme Wortwitz bereichern, verdichten die individuellen Geschichten der Frauen. Sie erscheinen vor der Kamera ebenso geschminkt wie als Schauspielerinnen im Stück, unkenntlich gemacht also und gerade dadurch unverwechselbar. Man könnte meinen, diese physische Verwandlung sei der schon erwähnten Diskretion geschuldet, damit sie später einmal, nach der Haftentlassung, nicht wiedererkannt und verfemt werden. Aber die Schminke auf ihrer Haut soll außerdem, wie die Maske im antiken Drama, durch Verdecken des Gesichts den Charakter der jeweiligen Person entdecken.

Wir kennen diese Funktion der Vermummung auch aus der Gegenwart, von den mexikanischen Revolutionären Superbarrio und Subcomandante Marcos zum Beispiel, die mittels einer Ringermaske beziehungsweise Sturmhaube die Tendenz zum Starkult bekämpft und ihrem Auftreten zugleich eine ironische Note verliehen haben, so wie im Film die Ironie aus dem Zwiespalt von Alltag und Rollenspiel entsteht. Sie dient hier nicht als Ausdruck permanenter Relativierung oder fundamentaler Desillusionierung, sondern als Mittel der Distanznahme: Erst mit etwas Abstand erkennt man sich selbst.

„Im Namen der Rache“ fällt Medea, die an dieser Stelle die Rolle der Richterin einnimmt, im Theaterstück wie im Film das Urteil über Jason aus Jolkos, für den sie aus Liebe zur Verbrecherin geworden ist: Er „wird für schuldig befunden der Herzenssprengung. Der Lebenslüge. Des Hochverrats. Des Hochzeitsverrats. Der Kinderhirnwäsche. Des Seelenbruchs. Der Erinnerungsfälschung. Des Würdeausverkaufs. Des skrupellosen Zukunftsdiebstahls. Und wird verurteilt zu lebenslänglicher Verbannung ins Reich der Freudlosigkeit. Schlimmer als der Tod.“ Warum ist Rache hier so wichtig, diese Art Rache, die dem Täter nicht nach dem Leben trachtet? Weil sie Erinnerung voraussetzt, Unfrieden mit einer Gesellschaft, die soziales Unrecht in Kauf nimmt, Hass auf Verhältnisse, die es umzukehren gilt. Der, dem Rachsüchtigen ist das Nicht-Vergessen als Tugend eingeschrieben, wie in Theodor Kramers gleichnamigem Gedicht: „Es kann sich mit den Lücken mancher Stunden / dein Leben nicht und nie zum Ganzen runden; / du bist nur und verstehst nur, wer du bist, / wenn du vom Glück und Kummer nichts vergisst.“

Und wie steht es um die Reue, dieses (in Kramers Worten) Missgefühl, das „zwar löblich, doch bedenklich“ sei? Auch eine Frage, die alle Mitwirkenden beschäftigt. Da ist eine Kokainschmugglerin aus Brasilien, die leise, mit sanfter Stimme gesteht: „Ich bin einfach ein schlechter Mensch, der es verdient, im Gefängnis zu sein.“ Da ist eine andere Gefangene, Österreicherin, die von sich behauptet: „Ich bin ja kein schlechter Mensch. Ich hab ein gutes Herz.“ Da ist eine Dritte, die sagt: „Ich bereue nicht, wenn ich was Schlechtes gemacht habe. Ich weiß nicht, warum nicht, aber bereuen tu ich'snicht. Weil ich es gemacht hab.“ Man ahnt, diese Frau wird sich in Kramers Versen wiederfinden.

Im Nachspann wünscht Tina Leisch den Gangster Girls „viel Glück und ein fettes Leben ohne Schmalz“ (Schmalz bedeutet, im Häfenjargon, Haft). Es bleibt dahingestellt, ob es ihnen gelingen wird, den Einsichten, die sie vor und während ihres Mitwirkens gewonnen haben, gegen Zwänge von außen und eigene Schwächen treu zu bleiben. Aber der Ertrag des Films lässt sich nicht an ihrem künftigen Lebensweg messen, schließlich ist er kein Therapieersatz, vielleicht nicht einmal eine taugliche Waffe im Kampf gegen Klassenjustiz, auch wenn er deren Mechanismen deutlich macht und die Selbstachtung der Häftlingsfrauen gestärkt hat – wenigstens für die Dauer der Dreharbeiten. Seine eigentliche Bedeutung liegt darin, dass er die Frauen in ihrem Wert erkannt und vom Rand der Gesellschaft in die Mitte gerückt hat, dorthin, wo ihr Platz sein sollte: „I want to be a homecoming queen and not a bitch anymore“, haben sie bei der Aufführung gesungen.

Schwer vorstellbar, dass ihr Publikum die von Preisendörfer kritisierte Sichtweise herkömmlicher Dokumentationen über soziale Außenseiter weiterhin ertragen wird. Wenn es diesmal das Kino verlässt, dann in der Gewissheit, 80 Minuten in der Gemeinschaft von Menschen verbracht zu haben, auf die es wirklich ankommt. ■

„GANGSTER GIRLS“. Im Kino

„Gangster Girls“ ist vom 27. März bis
5. April im Wiener Stadtkino zu sehen (Schwarzenbergplatz 7, Wien III, tägl. 18, 19.30 und 21 Uhr), anschließend in weiteren österreichischen Städten. Mit „Gangster Girls“ beschäftigt sich die jüngste Ausgabe der „StadtkinoZeitung“ (Texte u. a. von Elfriede Jelinek und Erich Hackl).

Erich Hackl, geboren 1954 in Steyr, lebt als Schriftsteller und Übersetzer in Wien. Zuletzt erschien bei Diogenes: „Als ob ein Engel. Erzählung nach dem Leben“.