In der Serie „Krise & Alltag – Porträts aus Österreichs Wirtschaft“: Rosina Kohn, umtriebige Besitzerin einer kleinen Autowerkstätte in Wien-Hernals.
Irgendwie geht's immer. Dass die Autobranche keine Zukunft hat, höre ich, seit ich die Firma habe. Damals war's die Ölkrise, jetzt sind es halt die Banken.“ Rosina Kohn sitzt in ihrem warm geheizten, mit Fichtenholz getäfelten Büro und fühlt sich sichtlich wohl. Im etwas kühleren überdachten Hof des niedrigen Fuhrwerkerhauses schrauben ihre zwei langjährigen Facharbeiter an mehreren Autos.
Die Nebengassen der Hernalser Hauptstraße im Wiener 17. Bezirk sind keine noble Gegend. Aber wer glaubt, dass in der freien Werkstätte „Werner Grögor GmbH.“ nur Rostschüsseln kurz vor ihrem Lebensende behandelt werden, der irrt. Die Kundschaft von Frau Kohn ist vielfältig: Sie reicht von Handwerkern aus ganz Wien über die benachbarten Zuwanderer aus der Türkei und dem früheren Jugoslawien bis zu Universitätsprofessoren, Höchstrichtern und Spitzenpolitikern. Ihr Geschäftsmodell hört sich ganz logisch an: „Wir reparieren Autos, sobald die Garantie ausgelaufen ist und den Kunden die eleganten Markenwerkstätten zu teuer sind.“ Gewartet werden nicht nur Liefer- und Kleinwagen, von VW, Audi und Mercedes geht es hinauf bis zum gelegentlichen Porsche und zu älteren Spezialitäten, die Jaguar- oder Triumph-Embleme auf den Motorhauben tragen. Da macht es sich bezahlt, dass Herr Erich immerhin seit 32 Jahren hier arbeitet und dass er neben dem Diagnose-Computer auch noch auf seine feinen Ohren vertraut, was den gleichmäßigen Lauf eines Motors angeht.
„Früher einmal waren die besseren Marken überheblich, was die Teile angeht“, erzählt die Chefin. „Heute rufe ich in der Früh bei Porsche an, zu Mittag ist der Ersatzteil hier.“ Aber ihr Kostenvorteil entsteht nicht nur durch den günstigeren Stundensatz. Es ist Frau Kohns Beschaffungsgeschick, was neue und gebrauchte Ersatzteile angeht. Und im Gegensatz zu den auf schnellen Durchlauf getrimmten Großwerkstätten wirdhier auch zuerst genau überlegt, was man noch retten kann, ohne dass gleich ein gesamter Austausch notwendig wird. Das kann im Einzelfall auch bei einem BMW-Motor einen Unterschied von mehreren Tausend Euro ausmachen, und derart zufrieden gestellte Kunden bleiben dann.
Frau Kohn ist nicht mit Öldosen und Diagnosesteckern aufgewachsen. „Ich bin eine Schulabbrecherin“, sagt sie, um gleich listig nachzusetzen: „Wie Bill Gates.“ Mit 17 bekam sie ihre Tochter und musste das Gymnasium vor der Matura beenden. Später holte sie einen Abschluss als Bürokauffrau nach und arbeitete in der Strickerei ihrer damaligen Schwiegereltern im Büro. Auch in ihrer Familie hatte es immer Unternehmen gegeben. Ihre Großeltern, mit dem legendären Chefredakteur der „Arbeiter-Zeitung“, Friedrich Austerlitz, verwandt, betrieben als k.u.k. Hoflieferanten am Ring gegenüber der Universität einen Sanitär-Großhandel. Und ihre Eltern führten in der Nähe von Schwechat eine kleine Fabrik zur Erzeugung von Plastikgeschirr. „Da habe ich meine ersten Kundenkontakte gelernt“, erinnert sich Kohn, „beim Ausliefern mit meiner Mutter.“
Die Autowerkstätte erwarb dann ihr Ex-Mann, vor 32 Jahren. „Ich bin aus dem Urlaub zurückgekommen, und er hatte das Haus mit der Firma gekauft“, erinnert sie sich. Die Strickerei war durch starke italienische Konkurrenz unter Druck geraten, die Familie entschloss sich, den Betrieb aufzugeben. Herr Kohn investierte in Immobilien, und obwohl er ein Faible für Autos hatte, war die Werkstätte für seine Frau gedacht.
„Ich habe keine Ahnung vom Geschäft gehabt und viel Lehrgeld bezahlt“, erzählt die Unternehmerin. „Am Anfang habe ich Autos hinausgegeben, und die Leute haben dann nicht bezahlt.“ Heute hängt an der Wand unübersehbar ein Schild: „Reparaturen nur gegen Barzahlung“, etwas abgemildert durch die blaue Bankomatkasse auf dem Schreibtisch. Mit einem Zwinkern fasst Frau Kohn ihr hart erworbenes Wissen zusammen: „Ich vergebe keine Kredite, und die Bank repariert keine Autos.“ Mit den Versicherungen arbeitet sie freilich eng zusammen, das ist neben dem Pickerl- und Service-Geschäftein wichtiges Standbein. „Wir nehmen den Kunden den ganzen Papierkram ab, ich habe einen Online-Zugang zu den Versicherungen, und der Schadensbegutachter kommt gleich am nächsten Tag hierher.“ Manchmal gilt es auch, heimlich schnell zu reparieren. „Es gibt immer noch Frauen, die kommen und flüstern: Mein Mann darf nichts wissen, macht's mir das schnell.“ So sei halt die Welt, sagt sich Frau Kohn dann, obwohl in ihr ein feministisch getaktetes Herz schlägt. Auf ihrer Website lässt sie daran keinen Zweifel: „Autos sind Männersache. Sagt Mann. – Das ist Unsinn. Sagen wir.“ Seit Jahren ist sie auch aktives Mitglied bei der Arge Wirtschaftsfrauen. „Natürlich gehe ich dann zu einer Rechtsanwältin oder Zahnärztin, die ich von dort kenne.“ Und die Damen lassen in Hernals reparieren.
Die technikverliebten Männer musste sie auf andere Weise überzeugen. „Ich habe immer die Frage gehört, ob wir als Kleinstbetrieb technisch auf dem letzten Stand sind.“ Diagnosegeräte wurden beschafft, Software und Handbücher für sämtliche Automarken und -typen, die Mitarbeiter immer wieder auf Schulungen geschickt. Wenn man da nicht mithalten könne, sei man verloren, so Frau Kohn.
Dann gibt es noch so etwas wie ein lokales Netzwerk. Nicht nur können die Arbeiter mit dem Fahrrad ein paar Blocks um die Ecke eine ganze Reihe von kurzfristig notwendigen Ersatzteilen holen. Da findet sich auch ein Spezialist für Klimaanlagen, dem die Chefin selbst schnell einmal ein Fahrzeug vorbeiführt, damit er Kältemittel nachfüllt. Ein anderer Kleinbetrieb ist darauf spezialisiert, Zylinderköpfe zu schleifen, und ein Lackierer ist nicht weit. Auch mit den Markenwerkstätten des Bezirks steht sie in regelmäßigem Kontakt.
Dabei ist Frau Kohn bis heute keine Auto-närrin geworden. Sie fährt einen bescheidenen VW-Polo, ihr langjähriger Lebenspartner, ein erfolgreicher Architekt, gibt sich mit einem Golf zufrieden. Auch wenn sie längst unzählige Stoßdämpfer- oder Ansaugkrümmer-Varianten kennt, ihr dient die Arbeit am Auto nur als Vehikel zum Umgang mit Menschen. „Das ist so ähnlich wie beim Friseur,“ erklärt sie, „da kommt eine Frau auch unzufrieden herein und geht selbstbewusst und fröhlich wieder hinaus.“ Sie kennt einen Großteil ihrer 500 Stammkunden persönlich, da werden Familiengeschichten ausgetauscht und Enkerln auf den Fotos begutachtet. Freilich hat das auch einen tieferen geschäftlichen Sinn. „Vorige Woche haben wir bei zwei Autos nicht weitermachen können, weil die Ersatzteile nicht rechtzeitig gekommen sind.“ Also rief Frau Kohn einige Kunden an, bei denen das Pickerl fällig war, und füllte so die Lücke. „Außerdem wissen alle, wenn sie am Heuberg oben stehen und das Auto geht nicht, lasse ich alles liegen und stehen und komme hinauf.“ ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.03.2009)