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Nicht das Ende der Welt

GERMANY FRANKFURT BOOK FAIR
David NichollsAPA/EPA/ARNE DEDERT
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David Nicholls schreibt derzeit die beste Beziehungsbelletristik im angelsächsischen Raum. Das beweist er mit der bittersüßen Familiengeschichte "Drei auf Reisen".

David Nicholls neuester Roman wurde mit Spannung erwartet, sogar mit Hochspannung: Noch bevor das Buch erschien, hatten sich Interessenten einen verbissenen Bieterkrieg um die Filmrechte geliefert. Dieses Interesse kam nicht von ungefähr, wurde doch Nicholls' Roman „Zwei an einem Tag“ ein Welterfolg, mit insgesamt fünf Millionen verkaufter Exemplare.

Doch Nicholls ließ sich Zeit. Er habe an einer Schreibblockade gelitten, erklärte er in einem Interview. Unter der Angst, den Erwartungen nicht gerecht zu werden und nie wieder an den Erfolg von „Zwei an einem Tag“ anschließen zu können. Diese Angst war gänzlich unbegründet: „Drei auf Reisen“ wurde die ganz wunderbare, bittersüße Geschichte der Familie Petersen, einer kleinen, fast kümmerlichen Familie, die scheinbar unaufhaltsam in Richtung Selbstzerstörung driftet. Klingt deprimierend? Ist es aber ganz und gar nicht. Was vielleicht daran liegen könnte, dass David Nicholls zurzeit wohl die beste Beziehungsbelletristik im angelsächsischen Raum schreibt.

Das sah auch das britische literarische Establishment so und nominierte Nicholls mit „Drei auf Reisen“ für den renommierten Booker Prize. Gewonnen hat diesen zwar ein anderer, doch das tut der Qualität des Buchs keinen Abbruch.


Der Frust des „Mittelalters“. Im Vergleich zu „Zwei an einem Tag“ sind Nicholls' Figuren erwachsen geworden. War sein Erstlingserfolg über weite Strecken im studentischen Milieu angesiedelt, versuchen die Protagonisten in „Drei auf Reisen“, mit dem frustrierenden „Mittelalter“ des Lebens zurechtzukommen, in dem die Haare dünner und die Taillen dicker werden: der Biochemiker Douglas Petersen (54) und seine Frau Connie, eine verkappte Künstlerin. Der Dritte im Bunde, ihr Sohn, Albie, ist zwar erst 17, seine Perspektive spielt in dem Roman allerdings keine tragende Rolle.

Sie ist von Anfang an für den Ich-Erzähler, Douglas, reserviert, der eines Tages von Connie mit den Worten geweckt wird: „Ich habe das Gefühl, unsere Ehe ist am Ende, Douglas. Ich glaube, ich will dich verlassen.“ Es stecken doch einige Unsicherheiten in diesen beiden Sätzen – und so beschließen die beiden, dennoch die geplante Grand Tour durch Europa durchzuziehen, die Albies kulturelle Bildung abrunden soll. Für Douglas wird diese Tour zur letzten Chance, Frau und Sohn zurückzugewinnen.

Man kann nicht allzu viel verraten, denn Nicholls' Bücher leben von der spannenden Frage: Schafft er es oder nicht? Kriegen sie einander, ja oder nein? Wer „Zwei an einem Tag“ kennt, weiß allerdings, dass konventionelle glückliche Enden nicht Nicholls' Ding sind. Aber wirklich unglücklich macht er die Menschen in seinen Büchern auch nicht. Nichts, denkt man am Schluss, ist jemals das Ende der Welt.

Anmut eines dreibeinigen Hundes. Daher begleiten wir die Familie Petersen, als sie „mit der Anmut eines dreibeinigen Hundes durch Europa humpelt“; in vielen kleinen Lesehäppchen, die sich in Gegenwart und Rückblicke teilen. In ihrer Mitte Connie und Albie, das eingespielte Team, das sich instinktiv versteht, am Rand Douglas, der Spielverderber, dem sein Sohn das Gefühl gibt, „sein Stiefvater zu sein“.

Doch obwohl Connie und Albie die schillernderen Persönlichkeiten sind, gehört die Sympathie des Lesers von Anfang an Douglas, der im Jungsein nie sonderlich gut war, der mit Begeisterung Versicherungen abschließt und Heizungen abdreht, dessen Idee eines lässigen Outfits für eine alternativ angehauchte Hochzeit an einem heißen Sommertag ein dunkelbraunes Schnürlsamtsakko ist und der seine Umgebung mit steifer Selbstgerechtigkeit in den Wahnsinn treiben kann.

Und doch, Douglas meint alles ernst, und wenn es sein muss, geht er aufs Ganze und darüber hinaus, voll Selbstironie und trockenen Humors. David Nicholls setzt seine Pointen perfekt, Simone Jakob übersetzt sie gekonnt. Das Buch ist witzig ohne Brachialkomik, es ist traurig ohne Selbstmitleid. Es ist ein Lesevergnügen. Und wie jedes gute Buch ist es leider irgendwann einmal zu Ende.

Neu Erschienen

David Nicholls:
„Drei auf Reisen“

Übersetzt von
Simone Jakob,
Kein & Aber,
544 Seiten,
23,60 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.11.2014)