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Liebesgrüße aus Obertilliach

Bond-Haus
Das eigens gebaute Bauernhaus wird am Ende gesprengt.Norbert Rief
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360 Grad Österreich. Ab Jänner wird in Osttirol der neue "Bond"-Film gedreht. Das stellt eine 700-Einwohner-Gemeinde vor einige Herausforderungen.

Man muss nicht lange suchen. „Wo ist denn das ,Bond‘-Haus?“ genügt, und jeder im Ort deutet hinauf auf den Hügel. Die größte Herausforderung ist es, durch die Gassen von Obertilliach zu finden. Es ist das typische Labyrinth einer kleinen Berggemeinde, die nicht genug Platz hatte für das einstmals schnelle Wachstum. Jetzt steht Haus an Haus, die engen Straßen dazwischen bieten kaum Platz für die heutigen Autos; jede Straße endet irgendwann in einem Haus, um das man erst – eng, eng – herumfahren muss, um weiter den Hügel hinaufzukommen. Sogar die Postzustellerin tut sich schwer („Ich bin erst seit ein paar Wochen hier“) und muss auf das Navi vertrauen.

Obertilliach ist keine bemerkenswerte Gemeinde. Am ehesten zeichnet sie sich noch durch die 19 denkmalgeschützten Gebäude aus, die weniger Zeichen für Tradition sind als die Folge eines Stillstands über Jahrzehnte, in denen das Geld oder auch der Wille fehlte, etwas Neues zu schaffen.

Unter den 19 Gebäuden sind sieben Kapellen. Das sagt viel aus über den Ort und seine 693 Einwohner. Genauso wie das Ergebnis der letzten Nationalratswahl 2013: Bevor man in dieser tiefkatholischen Gemeinde sozialdemokratisch wählt, setzt man sein Kreuz offenbar noch lieber bei den Grünen. Nur zwölf Einwohner stimmten für die SPÖ (3,49 Prozent), einer mehr – 13 – für die Grünen. Die ÖVP wählten 247 Personen (71,8 Prozent).


Geheim ist relativ. Diese Ortschaft mit dem eigens gebauten Bauernhaus wird also Kulisse sein für den neuen „James Bond“-Film. Wann die Dreharbeiten beginnen? „Das ist geheim“, erklärt ein Einheimischer. „Aber es wird wahrscheinlich ab Mitte Jänner sein.“ Geheim ist hier in Obertilliach ein relatives Eigenschaftswort. Außerdem bleibt in so einer kleinen Ortschaft nichts auf Dauer geheim. Unterschiede gibt es nur am Interesse, das Geheimnis zu lüften. Für die Medien geht es um „James Bond“. Für den Ort nicht. „Wenn die Kellnerin im Dorfgasthaus einen neuen Freund hat, interessiert das mehr als der ,Bond‘“, sagt Josef Lugger.

Wie in allen kleinen Gemeinden muss man zur Kellnerin ins Dorfgasthaus gehen, wenn man wissen will, was sich im Ort tut. Das Dorfgasthaus, das Hotel Gasthof Unterwöger, gehört Josef Lugger – und der weiß mehr als nur die Identität des neuen Freundes der Kellnerin.

„Des wird a ziemlicher Aufwand“, leitet Lugger ein. 300 bis 350 Mann wird die Produktionsfirma aufbieten. Das in einer Ortschaft mit knapp 700 Einwohnern. Da muss natürlich ein eigenes Verkehrskonzept her, weil die meisten Mitarbeiter der Filmcrew mit Privat-Pkw kommen werden. Vor der Ortseinfahrt wurde bereits ein riesiger Parkplatz angelegt.

Dazu kommen etwa 50 Lkw, die Ausrüstung ankarren. Und nicht zu vergessen die drei Hubschrauber, die hier stationiert sind: einer als Notarzthubschrauber, zwei andere für Filmaufnahmen aus der Luft.

Eine gewaltige Logistik also, die vor allem eine Sorge aufwirft: „Was hat das für Auswirkungen auf unsere Gäste?“, wiederholt Lugger eine der meistgestellten Fragen bei einem Informationsabend der „Filmlocation Austria“ für die Einheimischen vergangene Woche. Die Stammgäste will man natürlich nicht vergraulen, die sollen schließlich auch noch kommen, wenn sich schon längst niemand mehr für „James Bond“ interessiert. Deshalb mussten die 350 Mitarbeiter auch in 27 Hotels in der Umgebung untergebracht werden, weil in Obertilliach die Stammgäste gebucht hatten.

Apropos: James Bond himself, Daniel Craig also, wird auch nach Obertilliach reisen, aber nicht im Gasthof Unterwöger nächtigen, obwohl – „wir haben schöne Zimmer“. Craig wird in der Bezirkshauptstadt Lienz wohnen.

Gefilmt wird an drei Standorten in Obertilliach. Das Bauernhaus hoch über dem Ort, das nur aus Außenwänden und einem Dach besteht, ist der auffälligste Hinweis auf den Agenten des britischen Geheimdienstes mit der Nummer 007.

Das Bauareal ist zur Straße hin abgesperrt und wird von einem grimmig dreinschauenden Security-Mann bewacht. Er hat im Lauf vieler ohnmächtig langweiliger Wachestunden seinen ganz eigenen Humor entwickelt. „,James Bond?‘“, fragt er zurück. „Nie gehört.“ Hoffen wir, dass er nicht das Schicksal jenes russischen Soldaten erleidet, von dem Otto von Bismarck in seinen Erinnerungen berichtet. Der hielt mitten auf einer Wiese in St. Petersburg Wache, weil Kaiserin Katharina dort einmal früh im Jahr ein Schneeglöckchen gesehen hatte und sicherstellen wollte, dass es niemand pflückt. Irgendwann hatte man auf den Grund für die Wache vergessen, man befehligte einfach nur Winter wie Sommer einen Soldaten mitten auf die Wiese, bis Bismarck das seltsame Verhalten hinterfragte.

Dem Security-Mann sollte das eigentlich nicht passieren, weil das Ende des Hauses absehbar ist. Es wird nämlich, auch das ist eigentlich geheim, gesprengt. Möglicherweise, aber das ist nur noch Spekulation, wird ein Flugzeug hineinfliegen. Wenig beruhigend für die Nachbarn, die gar nicht so weit von der Kulisse entfernt wohnen.

25 Drehtage für etwa 25 Minuten Film sind in Osttirol veranschlagt. Ob Obertilliach im Kino Obertilliach, ja, ob es überhaupt Österreich bleibt, wird man sehen. 1986 drehte Eon Productions in Wien mit Timothy Dalton den „Bond“-Film „Der Hauch des Todes“. Wien war zwar Wien, für einige Szenen musste die Stadt aber als Bratislava herhalten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.11.2014)