Eine Stadtwanderung mit Ohrwurm

Stadtwanderung Neuwaldegg Wienerwald Hameau
Am Hameau pfeift nicht wie bei Ernst Modeln der Wind, vielmehr lenkt der Nebel die Sicht auf das Naheliegende.Karin Schuh

Die "Mizzitant", Ernst Moldens "Hameau" und "Es wird a Wein sein und wir wern nimma sein" liegen am Stadtwanderweg von Neuwaldegg über das Hameau bis zum Dreimarkstein.

Das mit der Stadtflucht funktioniert bei einer Wanderung in Wien nur bedingt. Es gibt hier zwar dank Wienerwald genug grüne Flecken, die die Stadt vergessen lassen. Aber auch bei den eigens von der Stadt Wien initiierten Stadtwanderwegen ist sie immer wieder präsent, egal ob durch Straßenunterführungen oder als Wienerlied-Ohrwurm. Eine Wanderung über den Stadtwanderweg Nummer drei, der von Neuwaldegg zum Hameau führt, macht das deutlich. Der 10,5 Kilometer lange Weg sollte laut Wanderkarte in drei bis vier Stunden zu schaffen sein.

Ausgangspunkt ist die Endstation der Straßenbahnlinie 43. Dort hat die Stadt Wien ein Schild mit einem übersichtlichen Plan der Route aufgestellt. Das geht natürlich nicht ohne Zitat inklusive Foto von der zuständigen Umweltstadträtin Ulli Sima. Irgendjemand hat das mit dem handschriftlichen Kommentar „ich habe jeden einzelnen Wanderweg mit meinen eigenen Händen erbaut“ versehen.


„Da Papa want“. Das erste Stück führt über die Dornbacher Straße, vorbei am geschlossenen Wirtshaus Zum Herkner und an der ebenso geschlossenen Resi Tant. Spätestens jetzt schleicht sich der erste Ohrwurm ein. Auch wenn die Resi-Tant nicht die Mitzi-Tant ist, die Textzeilen aus Sigi Marons „Mizzitant“ kommen ungefragt ein Stück mit auf die Wanderung: „Mizzitant, Mizzitant, siechst net wia da Papa want.“

Es geht links in die Waldegghofgasse, wo man sommers das hübsche Neuwaldegger Bad besuchen könnte. Im November jedoch ist es neblig und hat ein paar Grad über null. Außerdem heißt das Ziel Hameau und – immerhin gehört die Jause zum Wandern wie die Mitzi-Tant zum Papa – das Häuserl am Roan. Weiter geht es in die Schwarzenbergallee, die mit dem Schwarzenbergpark einst vom Feldherrn Franz Moritz von Lacy errichtet wurde. Der Park im Nebel hat seinen Reiz, Entschleunigung stellt sich ein – wäre da nicht die hässliche Betonunterführung unter der Neuwaldegger Straße. Die ist aber schnell passiert. Nach dem Parapluie-Teich entfernt sich auch die zuvor parallel laufende Exelbergstraße von der Route. Das ist gut so, es geht in Richtung Wald, und die Stadt bleibt vorerst draußen. Dafür wird die „Mizzitant“ nun vom „Hameau“ abgelöst – akustisch. Das schöne Lied von Ernst Molden schleicht sich ins Gedächtnis und macht den recht steilen Weg auf den 464 Meter hohen Berg (ja, das kann nur eine Wienerin so nennen) erträglich.

Ist man endlich oben angelangt, wird man mit einer wunderschön düsteren Stimmung belohnt. Von der einstigen Siedlung, die hier gestanden ist und dem Feldherrn zur Unterbringung seiner Gäste gedient hat, ist nur noch eine Hütte erhalten, die Wanderern als Regenunterstand dient – und ja, auch hier lächelt Sima von der Wanderkarte, der Kommentator hat allerdings ausgelassen. An schönen Tagen soll man hier einen fantastischen Ausblick haben. Der Nebel lenkt heute den Blick auf das Naheliegende, und das ist auch schön – und einsam. Lediglich vier Menschen und – dank Hundesitterin – 20 Hunde kreuzen an diesem Montag den Weg.

Weiter geht es Richtung Dreimarkstein. Der Weg ist gut beschildert, man muss nur Ausschau nach den Wegweisern aus Holz halten, die Farbmarkierungen wechseln. Es geht durch den Wald, die Stadt ist weit und breit nicht zu sehen – bis die Höhenstraße wieder parallel zum Wanderweg verläuft.

Beim Dreimarkstein ist das Häuserl am Roan nicht weit. Drinnen bastelt die Kellnerin die Weihnachtsdekoration, ein Stammgast genießt sein Seidl an der Bar, und gemeinsam mokieren sie sich über die 30er-Zone: „Nur weil irgend so ein Neureicher da hergezogen ist.“ Das Gulasch und das Seidl Bier schmecken fantastisch. Mittlerweile ist man verlockt, sich bei dem Gespräch – die beiden sind bei schleißigen Handwerkern angekommen – einzubringen, drinnen ist es doch gemütlicher.

Es geht dennoch weiter, ein Stück muss man zurückgehen, um wieder mit einer Unterführung – diesmal der Höhenstraße – der Route zu folgen, vorbei an der American International School (dank Sportplatz nicht zu überhören), bis einen der Wald an der Kreuzung Sommerhaidenweg/Keylwerthgasse wieder ausspuckt. Die Stadt und die Höhenstraße haben einen wieder. Und da der letzte Ohrwurm am Weg verloren gegangen ist, wartet schon der nächste am Wegesrand: Ein Gedenkstein erinnert an den Wienerlied-Sänger Ludwig Gruber. Der Kopf summt „Es wird a Wein sein und wir wern nimma sein“, bis ein prächtiges Gebäude die Aufmerksamkeit beansprucht, in dem Die Ständige Vertretung der Volksrepubilik China bei der UNO weilt. Die Wanderung neigt sich dem Ende zu, man überquert die Neuwaldegger Straße und nimmt am besten den Weg erneut über die Schwarzenbergallee zurück. Bei der End- und Anfangstation der 43er-Linie wartet wieder Ulli Sima. Ein Blick auf die Uhr verrät: drei Stunden – inklusive Gulasch und einem Seidl Bier.

Auf einen Blick

Stadtwanderwege
In Wien gibt es elf Stadtwanderwege, einen Rund-um-Wien-Wanderweg sowie mehrere Naturlehrpfade. Die Stadtwanderwege verlaufen auf insgesamt 500 Kilometern und sind mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar. Mit Ausnahme der Route durch den Prater führen sie durch die Außenbezirke. Alle Routen unter www.wien.gv.at.