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Gold: Totgesagte glänzen länger

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THEMENBILD: GOLD(c) APA/ROBERT JAEGER (ROBERT JAEGER)
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Die Schweiz stimmt darüber ab, die Niederlande holen es nach Hause, China und Russland kaufen, was sie kriegen können. Gold ist wieder da – aber war es jemals wirklich weg?

Es sind goldene Chaostage in der Welt. In der Schweiz stimmen die Bürger heute über neue Vorschriften für die Nationalbank ab, die – sollten sie angenommen werden – den Goldmarkt erschüttern könnten. Denn die Schweizer Nationalbank müsste binnen fünf Jahren fast 1800 Tonnen von einem Metall kaufen, dessen Bestand sich jährlich nur um rund 2600 Tonnen vergrößert.

Just in den Tagen vor der Abstimmung haben dann auch noch die Niederlande bekannt gegeben, dass sie in völliger Geheimhaltung rund 120 Tonnen Gold aus New York heimgeholt haben – um das Vertrauen in die Zentralbank zu stärken.

Aber woher kommt jetzt – sechs Jahre nach der großen Krise und drei Jahre nach dem Ende des Preisanstiegs beim Gold – plötzlich das Interesse an dem Metall? Zumindest diese Antwort ist simpel: Gold glänzt in den Augen der Menschen, wenn das Produkt der Zentralbanken, das staatliche Papiergeld, nicht so gut aussieht. Und da die Zentralbanken nach der Krise durch gewaltige Liquiditätsprogramme ihre Bilanzen aufgeblasen und die Märkte mit frischem Geld geflutet haben, befürchten noch immer viele eine Geldentwertung durch die Inflation – sollte die Wirtschaft jemals wirklich anspringen.


Zwei Fraktionen. Dazu kommt die schier unersättliche Gier nach Gold im Osten: China und Indien sind die größten Goldimporteure der Welt. China hat aber bisher nur rund 1000 Tonnen an offiziellen Goldreserven – rund so viel wie die Schweiz. Dass das nicht reicht, liegt auf der Hand. Auch Russland kauft aus diesem Grund immer mehr Gold: Verglichen mit dem Golddeckungsgrad der westlichen Währungsreserven ist noch viel aufzuholen.

Aber warum eigentlich? Wozu braucht eine Zentralbank heute noch Gold? Und warum hat der Chef der Schweizerischen Nationalbank, Thomas Jordan, die Goldinitiative von heute als „unnötig und gefährlich zugleich“ bezeichnet? Die Goldinitiative fordert, dass die Schweizerische Nationalbank 20Prozent ihrer Bilanzsumme durch Gold deckt, dass sie jene 30 Prozent, die jetzt im Ausland lagern, wieder in die Schweiz holt, und dass sie nie wieder auch nur eine Unze verkaufen darf. Aber das hätte den gegenteiligen Effekt von dem, was die Initiative bewirken sollte. Die Schweizer Nationalbank würde zu einem Zombie werden – sie könnte ihre Arbeit nicht mehr machen. Selbst 100.000 Tonnen Gold sind wertlos – wenn man sie nie verkaufen darf.

Das Problem ist nur, dass sich niemand für ein ernsthaftes Für und Wider der Argumente interessiert. Denn sowohl die meisten Befürworter als auch die Gegner des Goldes sitzen einem Mythos auf. Nicht dem Mythos des Goldes – sondern dem Mythos, dass Gold heute keinerlei Rolle mehr spiele.

Deswegen schieben viele Goldfans alle Probleme der Welt auf das „ungedeckte Papiergeld“ und fordern die Wiedereinführung eines Goldstandards, wie wir ihn im 19. Jahrhundert hatten – also die fixe Bindung einer Währung an Gold. Der Goldstandard bringe Stabilität und Wachstum, so die Goldbugs, wie die „Goldkäfer“ genannt werden.

Die Paperbugs sehen wiederum nur die schlechten Seiten eines Goldstandards. Sie sehen die fehlende Flexibilität in der Geldpolitik und die fehlende staatliche Kontrolle über die Währung bei einer fixen Goldbindung – und schließen daraus, dass Gold an sich das Problem ist. Sie bekämpfen das Metall selbst – nicht das System, das rund ums Gold gebaut wurde.

Das grundlegende Problem sowohl für Gold- als auch für Paperbugs: Sie teilen die Annahme, Gold sei im modernen Geldsystem bedeutungslos – und meinen, dass dies (a) sofort geändert werden müsse oder (b) so gut sei. Aber diese Grundannahme ist einfach falsch. Von wegen „bedeutungslos“: Zentralbanken halten heute knapp mehr als 30.000 der bisher jemals geförderten 178.000 Tonnen Gold. Das sind rund 17 Prozent. Allein die 280 Tonnen des österreichischen Goldes entsprechen bei aktuellem Marktpreis etwas weniger als der Hälfte aller Währungsreserven, die insgesamt rund 17 Milliarden Euro wert sind. Das sollte man fast wiederholen: Die Währungsreserven der Republik Österreich bestehen zur Hälfte aus Gold. Und: Ja, dieses österreichische Gold ist zu einem großen Teil in London. Denn dort wird Gold gehandelt – im Notfall.


Gold war nie weg. Gold spielt für die Zentralbanken – und damit für das Geldsystem – bis heute also eine entscheidende Rolle. Der Goldmarkt ist liquide, wenn alle anderen ausgetrocknet sind. Gold ist die eiserne Reserve des Staates – es ist, heute genauso wie vor 1000 Jahren, Geld, das man im Notfall aktivieren kann, um beispielsweise Öl auf dem Weltmarkt zu kaufen, sollte man keine Dollar bekommen – oder die Ölproduzenten keine Dollar mehr nehmen. Kurz: Gold, das tatsächlich praktisch unzerstörbar ist, steht noch, selbst wenn alles andere untergeht.

Das ist der Grund, warum Staaten in Kriegszeiten ihre Goldreserven als Erstes in Sicherheit bringen. Und Sicherheit ist einer der Gründe, warum sie sie heute an verschiedenen Standorten verteilen. Sein ganzes Gold zu Hause zu horten ist heute genauso riskant, wie alles im Ausland zu lagern.

Den jüngsten Umfragen zufolge wird die Schweizer Goldinitiative wohl scheitern. Die Goldbugs werden ihre Wunden lecken – und die Paperbugs triumphieren. Und sie beide werden weiterhin ignorieren, dass das Geldsystem sich längst zu einem Hybriden aus Gold und Papier entwickelt hat. Gold steht heute wie vor 100 und vor 1000 Jahren im Mittelpunkt – und die Währungen umkreisen das Metall. Dieses System ist viel flexibler als ein klassischer Goldstandard – kommt aber ohne Gold nicht aus.

Gleichzeitig war auch der Goldmarkt noch nie so frei wie bisher. Goldverbote gehören der Vergangenheit an. Wer dem Papier misstraut, kann sich jederzeit Goldmünzen kaufen. Die Euro-Zentralbanken halten gemeinsam mehr Gold als die USA oder China. Die Schweiz hat mit rund 1000 Tonnen sowieso schon genug. Die goldenen Chaostage des Jahres 2014 werden daran nichts ändern. Aber sie zeigen: Gold ist nicht zurück – es war nie weg.

In Zahlen

1800

Tonnen Gold müsste die Schweizerische Nationalbank bis 2019 kaufen, sollte die Goldinitiative sich durchsetzen. Das käme einer Verdreifachung der ohnehin großen Reserven gleich.

2600

Tonnen Gold werden jedes Jahr aus der Erde geholt. Insgesamt wurden bisher 177.000 Tonnen gefördert. Die internationalen Zentralbanken halten davon rund 17Prozent.

280

Tonnen sind die österreichischen Goldreserven schwer. Das erscheint zwar wenig, entspricht aber fast der Hälfte der gesamten heimischen Währungsreserven.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.11.2014)