Jetzt fliegen "Warzenschweine" gegen die Islamisten

A-10-Jets in Kuwait
A-10-Jets in KuwaitUSAF

Im Luftkrieg gegen den "Islamischen Staat" werfen die USA ihre wirkungsvollste Waffe ins Gefecht: die berühmt-berüchtigten schweren Schlachtflugzeuge A-10 "Thunderbolt II", vulgo "Warzenschwein".

In der seit Juni anhaltenden US-geführten internationalen Luftwaffenintervention gegen die Terrormilizen des "Islamischen Staates" (IS) in Syrien und im Nordirak werfen die Amerikaner nun Flugzeuge eines Typs ins Gefecht, der den islamistischen Banden mehr als alle anderen bisherigen Jets zusetzen wird: Die US-Luftwaffe gab bekannt, dass man zur Stärkung der Operationen Schlachtflugzeuge vom Typ A-10 "Thunderbolt II" des Herstellers Fairchild Republic auf die Basis Ahmed al-Jabr in Kuwait verlegt habe. Die gedrungenen Erdkampfflugzeuge werden von ihren Piloten meist "Warthog" (Warzenschwein) genannt.

Die genaue Zahl wurde nicht angegeben. Auf Fotos sind sechs Stück zu sehen. Berichten von Fachmedien zufolge hatte die 163. Expeditionary Fighter Squadron, eine Einheit der Air National Guard des US-Staates Indiana, im Herbst 12 "Warzenschweine" nach Afghanistan verlegt, zur Deckung des Abzugs der letzten fremden Truppen aus Südregionen des Landes. Angeblich wurden Maschinen dieser Staffel nach Kuwait verlegt. Auf der kuwaitischen Basis sind unter anderem auch dänische F-16 "Fighting Falcons", kanadische CF-18 "Hornets" und italienische "Tornados" für den Kampf gegen den IS stationiert.

Internationale Luftoffensive

Die Luftoffensive wird von derzeit etwa 14 Staaten unmittelbar mit Flugzeugen vorgetragen, neben den USA unter anderen von Großbritannien, Frankreich und den Niederlanden, aber auch etwa von Saudiarabien, Jordanien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Der Erfolg war bisher begrenzt, der IS wurde zwar an den meisten Fronten gestoppt, ein "roll-back" am Boden ist aber allein aus der Luft prinzipiell fast nicht möglich. Vor allem fliegen die bisher benutzten Flugzeugmodelle - Jagdbomber und schwere Bomber Typ B-1 der US Air Force  - sowie Drohnen ihre Einsätze von recht großen Höhen aus, aus Angst vor Luftabwehr. Das erschwert Zielerkennung und Zielerfassung sowie ein länger anhaltendes Einwirken mit massiver Feuerkraft.

Dafür sind die "Warzenschweine" geeignet wie nur wenige andere Kampfjets. Die A-10 wurde ab 1977 in den USA eingeführt, um als tieffliegendes, unterschallschnelles Flugzeug vor allem Panzerverbände und Truppenansammlungen des Warschauer Pakts im Kriegsfall in Europa sozusagen im Nahkampf zusammenzuschießen. Der texanische Hersteller Fairchild Republic (es gibt ihn spätestens seit 2003 nicht mehr) hatte sich mit seinem Entwurf eines möglichst einfachen, billigen und schwer zuschlagenden Erdkampfflugzeugs für die Air Force in den 1970ern gegen ein Dutzend andere Luftfahrtunternehmen durchsetzen können. Bis 1986 wurden 716 Stück gebaut.

Voll bewaffnete A-10 über Deutschland, anno 2000
Voll bewaffnete A-10 über Deutschland, anno 2000US Air Force/MSGT BLAKE R. BORSIC

Tatsächlich waren die zweistrahligen Flugzeuge recht günstig (etwa 12 Millionen Dollar pro Sück auf Wertbasis 1994), sie sind etwa 16 Meter lang und leer 9,7 Tonnen schwer und können rund 7200 Kilogramm Waffen mitführen, etwa gelenkte und ungelenkte Bomben, Panzerabwehrraketen und Luft-Luft-Raketen zur Selbstverteidigung - Jagdflugzeugen sind sie klar unterlegen, weshalb sie nötigenfalls von Jägern begleitet werden; aber das war bei den bisherigen Einsätzen mangels effektiver feindlicher Luftwaffe selten nötig.

Sie sind nur etwa 700 km/h schnell und können noch bei etwa 230 km/h operieren, das macht sie ideal für Bodeneinsätze, wo sie wie Hummeln über den Kampfzonen kreisen und sie bearbeiten können. Ihr Einsatzradius beträgt nur ca. 460 Kilometer, Luftbetankung ist möglich.

Ihre Kanone macht sie zur Legende

Bekannt wurde die A-10 auch durch ihre beispiellos große Hauptbewaffnung: Eine enorme Bordkanone Kaliber 30 Millimeter GAU-8/A "Avenger" nach dem Gatling-Prinzip, also mit sieben rotierenden Läufen und 1350 Schuss hochexplosiver und/oder panzerbrechender Munition. Letztere war oder ist auch aus abgereichertem Uran hergestellt worden - das Material ist besonders hart, aber der Uranstaub, der sich im Kampfgebiet verbreitet, wird bis heute von vielen Fachleuten für Krebserkrankungen auch bei Zivilisten verantwortlich gemacht.

Käfer älteren Baujahrs und die Avenger-Kanone der A-10
Käfer älteren Baujahrs und die Avenger-Kanone der A-10US Air Force

 

30-mm-Geschoss im Größenvergleich
30-mm-Geschoss im Größenvergleichreddit.com

 

Mündung der Gatling-Kanone
Mündung der Gatling-KanoneWikipedia/Orwell2186

Jedes Geschoss wiegt 750 Gramm. Die Avenger, deren Magazinbereich fast so voluminös ist wie ein VW Käfer und insgesamt gut doppelt so lang (6,4 Meter), kann bei einer Kadenz von etwa 4000 Schuss pro Minute über eine effektive Reichweite von 1200 Meter (maximal 3600) einen unwiderstehlichen, grauenhaft wirkungsvollen Feuerstrahl erzeugen, der jeden Panzer, unter Umständen Bunker knackt. Im Zweiten Golfkrieg 1990/91 wurden die A-10 zu wahren Dämonen für die Iraker, sie flogen mehr als 8000 Einsätze und zerstörten mehr Kriegsmaterial als andere Kampfjets, nämlich über 1000 Kampf- und Schützenpanzer, 1200 Artilleriewaffen und 2000 andere Fahrzeuge. Dabei gingen nur fünf Maschinen verloren - ein Bruchteil der erwarteten Verluste.

Ein stiller Kampfjet

Die A-10 ist zudem ein ziemlich still fliegendes Flugzeug. Und weil die Geschosse aus ihrer Kanone naturgemäß überschallschnell auf ihre Ziele treffen, dürften viele ihrer Opfer die Abschüsse nicht einmal gehört haben, heißt es in einem Video (siehe am Ende der Geschichte). 

Sie flogen auch im Irak-Krieg von 2003 weitgehend verlustfrei, ebenso bei den Interventionen im Kosovo 1999, in Afghanistan seit 2001 und in Libyen 2011.

A-10 1991 im Golfkrieg mit ihren
A-10 1991 im Golfkrieg mit ihren "kill markings"US Aor Force

Ein Grund ihres Erfolgs ist die enorme Robustheit: Cockpit und Vorderteil sind schwer gepanzert mit Titanstahl, alle wichtigen Systeme mehrfach ausgeführt, Hydrauliksysteme können per Seilzug übersteuert werden und die Anordnung der Triebwerke schräg oberhalb der Tragflächen schützt sie recht gut vor Bodenbeschuss. Diese Robustheit ist nötig, da die typische Angriffshöhe weniger als 500 Meter, ja weniger als 200 Meter bis Baumwipfelhöhe beträgt, wo ein Flugzeug nicht nur mit einzelnen Luftabwehrraketen, sondern mit Flugabwehrkanonen und Beschuss aus Maschinen- und Sturmgewehren rechnen muss, also insgesamt einer ziemlichen Eisenwolke.

Im Vergleich dazu sind Jagdbomber wie die F-16 oder der Eurofighter Typhoon zerbrechliche Geschöpfe, aber deren Einsatzprofil ist auch anders. Vergleichen kann man die A-10 mit der russischen Suchoi Su-25 "Frogfoot", ebenfalls einem knallharten Schlachtflieger, der aber kräftig Verluste einstecken musste, etwa über Afghanistan, Tschetschenien, Georgien und in der ukrainischen Luftwaffe angesichts der Rebellen im Osten.

Schwerer Streit um Ausmusterung

Im Rahmen der US Air Force und Air National Guard waren zuletzt laut "Flightglobal" 315 "Warzenschweine" aktiv. Wie eine Ironie der Geschichte wirkt es nun, dass die A-10 seit Jahren auf der Abschussliste steht: Aus Einspargründen und um anderen, moderneren, doch sündteuren Flugzeugen wie dem umstrittenen F-35 "Joint Strike Fighter" von Lockheed Martin Platz zu machen, die nie dasselbe Einsatzprofil haben werden.

A-10 feuert aus ihrer Kanone
A-10 feuert aus ihrer KanoneUS Air Force, Parker Gyokeres

Im Februar 2014 verkündete US-Verteidigungsminister Chuck Hagel, dass man die A-10 Flotte bald stillegen werde. Es gab einen Riesenwirbel, gerade bei der US Army schrie man nach Beibehaltung dieser wirkmächtigen Luftnahunterstützungswaffe. Im Sommer blockierte das Repräsentantenhaus die Ausmusterung der "Warzenschweine" für vorerst zumindest 2015.

Minister Hagel indes trat vorige Woche wegen genereller Differenzen mit dem Weißen Haus zurück. Es zeichnet sich allerdings ab, dass man aus Mangel an Ersatzteilen die Flotte auf unter 100 Maschinen senken wird. Sie dürften jedenfalls den Islamisten noch kräftig zusetzen.