Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl

Rüdiger Dahlke: "Reich sterben ist ein Vergehen"

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
  • Drucken

Er ist Mediziner, Psychotherapeut und Star der Esoterikszene. Der Wahlösterreicher Rüdiger Dahlke über "gutes" und "schlechtes" Geld, was es mit unserem Körper und unserer Seele macht, und warum er froh ist, längst enterbt zu sein.

Die Presse: Sie haben sich als Arzt und Psychotherapeut stark mit dem Thema Geld auseinandergesetzt. Macht Geld krank?

Rüdiger Dahlke: Das kann passieren. Geld hat einen eigenartigen Charakter. Es macht praktisch niemanden glücklich, kann aber viele Menschen unglücklich machen. Das sollte jeder wissen, bevor er sich darauf einlässt.

Aber es gibt auch Menschen, die etwa an der Börse investieren, gewinnen, sich etwas kaufen und damit glücklich sind.

Die Steinreichen sind nicht wirklich glücklich. Wer an der Börse spielt und gewinnt, ist vielleicht kurzfristig zufrieden. Aber wenn er verliert, bricht eine Welt zusammen. Ein Patient von mir hatte einmal sehr viel Geld, von dem er in kurzer Zeit 40 Prozent verspekulierte. Das hat ihn so weit gebracht, dass er an Selbstmord dachte. Und das, obwohl immer noch zig Millionen Euro auf dem Konto waren.

Ist es einfacher, arm und glücklich zu sein?

Das geht schon. Etwa als Mönch, wenn die Armut selbstgewählt ist. Die meisten, die kein Geld haben, haben aber das größte Geldproblem. Nur wenige Menschen besitzen ihr Geld wirklich und können damit frei umgehen. Die meisten sind hingegen von ihrem Geld besessen. Je weniger Geld man hat, desto besessener muss man davon sein.

Zu viel Geld macht also unglücklich, zu wenig Geld offenbar auch. Wie lässt sich das Dilemma lösen?

Es kommt darauf an, woher das Geld kommt und wie wir damit umgehen. Wir haben immer gelernt: Geld muss Geld verdienen. Aber das macht selten glücklich. Es ist viel besser, wenn ich meiner Frau schöne Kleider kaufe, um sie zu erfreuen, als hohe Rendite zu suchen.

Es gibt in Ihren Augen also so etwas wie „gutes“ und „schlechtes“ Geld?

Es gibt – ganz wertfrei – Geld mit Qualität, sonst hätten wir keine Ausdrücke wie Schwarzgeld, Blutgeld oder Erbschaftsgeld. Erbschaftsgeld hat eine ganz andere Qualität als Geld, das Sie sich selbst verdient haben. Deswegen werden Menschen mit großen Erbschaften meist nicht glücklich damit.

Und wo finde ich dann das „gute“ Geld?

Überall da, wo Geld für den Austausch echter Leistungen verwendet wird. Heute dienen aber große Teile des Geldes auf unserem Planeten nur noch der Spekulation. Sobald Sie Ihrem Kind nicht mehr mit einfachen Worten erklären können, woher das Geld kommt, das Sie nach Hause bringen, haben Sie ein ernstes Problem. Die Seele nährt dieses Geld sicher nicht besonders.

Wie erklären Sie Ihrem Kind, woher Sie sein Taschengeld zaubern?

Das ist einfach: Ich helfe Menschen, die ihren Weg verloren haben, ihn wiederzufinden.

Sie machen das als Bestsellerautor, Therapeut und gefragter Redner höchst erfolgreich. Wie viel haben Sie denn bisher etwa verdient?

Das kann man sich ganz leicht ausrechnen. Wenn sich ein Buch von mir eine halbe Million Mal verkauft, bekomme ich davon acht bis zwölf Prozent. Da bleiben bei einem Bestseller schon einmal zwei Millionen Euro übrig. Ich habe aber alles, was ich erarbeitet habe, in mein Zentrum in der Südsteiermark investiert. Dafür hat mein ganzes Geld nicht einmal gereicht. Eine Zeit lang bin ich mir sogar richtig arm vorgekommen.

Waren Sie jemals versucht, Ihr Vermögen klassisch anzulegen?

Jedem, der mir gesagt hat: „Wenn Sie bei uns investiert hätten, hätten Sie Ihr Vermögen bis heute vervierfacht“, habe ich geantwortet: „Garantieren Sie mir, dass es so bleibt, und Sie bekommen alles von mir. Sonst vergessen wir es.“ Also haben wir es vergessen. Bevor ich mein Zentrum in der Steiermark gebaut habe, habe ich aber oft unter meinem Geld gelitten. Wann immer irgendwo auf der Welt ein verheerender Tsunami kam, wusste ich: Du könntest auch zwei Millionen spenden und wirklich etwas ändern – aber ich habe es doch nicht getan. Seit dem Bau kann ich auf alle Bettelbriefe entspannt antworten: So viele Schulden, wie ich habe, können Sie sich gar nicht vorstellen.

Wie viel Geld brauchen Sie zum täglichen Leben?

Ich lebe eigentlich fast ohne Kontakt zu Geld. Die Hotels werden meist von den Veranstaltern bezahlt, mein Chauffeur fährt mich herum und bezahlt meine Rechnungen. Ich habe keinen Umgang mehr mit Geld.

Wann haben Sie das letzte Mal etwas selbst gekauft?

Das letzte Mal habe ich die Rechnung für meine Fotovoltaikanlage und meine Skiausrüstung selbst bezahlt. Ich gehe nicht gern einkaufen. Das erledigt meist meine Partnerin für mich. Sie kauft sogar meine Kleidung. Ich habe auch noch nie eigenhändig ein Buch verkauft. Das Schöne ist, dass ich mein erstes Geldproblem trotzdem erst mit 62 hatte.

Würden Sie anderen auch raten, ihr Geld lieber zu Lebzeiten zu verbrauchen, als es für die Kinder aufzubewahren?

Das übliche Rennen „Wer wird der Reichste auf dem Friedhof?“, ist ungünstig. Reich zu sterben ist ein Vergehen. Das erkennen selbst Menschen wie Bill Gates, die jetzt mit großen Spenden ihre Seele erleichtern wollen. Die Erben werden mit großen Erbschaften ohnedies meist unglücklich. Wenn ich ein Haus vererbe, ist das kein Problem. Aber wenn ich 50 Millionen Euro auf zwei Kinder verteile, dann sind sie blockiert. Christina Onassis hat 17 Milliarden Euro geerbt, als sie 18 wurde. Welcher griechische Bursche soll davon abstrahieren können? Sie hatte gar keine Chance, einen normalen Partner zu finden. Es musste ein Multimilliardär sein. Da hat das viele Geld ihre Auswahl deutlich eingeschränkt.

Sie kommen aus einem gutbürgerlichen Elternhaus. Haben Sie selbst geerbt?

Nein. Ich bin enterbt, und zwar durch mein eigenes Verhalten. Ich habe mit 35 Jahren beschlossen, mir nichts mehr dreinreden zu lassen und dafür eben kein Geld zu bekommen. Das hat mich innerlich freier gemacht. Denn man tut sich schwer mit dem Geld der Eltern etwas zu machen, was ihnen nicht passt. Die Erwartung an mich war, Professor oder Primar zu werden, so wie der Großvater. Als ich eine Chefarztstelle in Norddeutschland ausschlug, war das für meine Familie eine Katastrophe. Ich wollte aber lieber in den Süden, also habe ich mich enterben lassen. So bleibt es mir auch erspart, dass ich mit über 60 immer noch mein Leben nach hinten verschiebe, weil ich auf das große Geld warte. Es ist für Kinder auch gut, wenn sie sich bewähren müssen und irgendwann anfangen, nichts mehr von zu Hause zu nehmen. [ Fabry ]

ZUR PERSON

Rüdiger Dahlke (63) musste sich über Geld nie viele Gedanken machen. In der Familie gab es reichlich davon. Der gebürtige Berliner und Wahlösterreicher studierte stattdessen Medizin und wurde Psychotherapeut. Die Karriere im Krankenhaus schlug er aus und widmete sich lieber der „Deutung von Krankheiten“. Heute ist Dahlke ein Bestsellerautor und Guru der Esoterikszene. Er schrieb „Die Psychologie des Geldes“ oder jüngst „Peace Food“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.12.2014)