Vorschau auf die Urlesung des neuen Stücks „Die Kontrakte des Kaufmanns“ im Akademietheater: Bankenskandale und ein Herkules gegen die Krise.
"Ich verstehe nichts von Wirtschaft. Ich kann keine Fragen über die Zukunft des Kapitalismus beantworten", schreibt Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek in einem Mail an „Die Presse“, die sie zu ihrem neuen Stück „Die Kontrakte des Kaufmanns. Eine Wirtschaftskomödie“ befragen wollte. Kommenden Montag wird das Werk als einmalige Urlesung im Akademietheater präsentiert, gestaltet von Nicolas Stemann, der mehrere Jelinek-Uraufführungen herausgebracht hat. Stemann inszeniert auch die szenische Uraufführung der „Kontrakte“ am 16. April in Köln. „Das Stück ist wie immer eine Textfläche, sehr lang (100 Seiten), aufgeteilt in diverse Chöre und Figurenzuordnungen wie ,Engel' oder ,Die Taten des Herkules'. Zentrales Thema sind der Bawag- und vor allem der Meinl-Skandal“, erläutert Stemann: „Es geht um geprellte Kleinanleger und arrogante Großaktionäre, die Gier und den Wunsch, ganz groß zu werden, indem man im Spiel der ganz Großen mitspielt.“
Die Urlesung soll vier Stunden dauern. In Köln dagegen gibt es eine Strichfassung. Warum? Stemann: „Ich wollte schon immer eins dieser maßlosen Jelinek-Stücke in voller Länge auf eine Bühne stellen, ohne Rücksicht auf die Belastbarkeit von Schauspielern, Zuschauern und Medium. Es wird eine Mischung aus Lesung, Improvisation und Performance. Es wird inszenierte Elemente geben, Musik, Projektionen, Darbietungen. Das Stück hat eine gewisse Härte, weil die verwendete Sprache zum größten Teil Wirtschaftssprache ist. Es ist ein Sprechen, das so tut, als wäre es einfach und klar, das aber gleichzeitig das Ziel hat, Klarheit möglichst zu verhindern. Für das Theater, wo es ja immer um Liebe und Menschen und so geht, sind solche Themen und so ein Sprechen sehr ungewöhnlich. Das Genre ,Wirtschaftskomödie' gab es ja bislang nicht auf dem Theater“, meint Stemann.
Wie beurteilt er als Künstler die Krise? „Ein merkwürdiger Zustand: Die Medien sind voll von Hiobsbotschaften, und das Leben geht normal weiter. Der Tsunami wird immer wieder angekündigt, aber wenn man aufs Meer schaut, ist es ganz ruhig.“
Auch Philipp Hauß, einer von zwölf Schauspielern, welche die Urlesung bestreiten werden, hat „kein Verhältnis zu dieser Krise. Sie scheint fast ausschließlich virtuell zu sein. Daher kommt wohl auch die ungehemmte masochistische Hysterie, mit der sich alle tagtäglich in den neuesten Horrormeldungen ergehen. In diesem gemeinsamen Ritual, das sich von Stammtisch bis Lufthansa-Lounge vollzieht, liegt vielleicht auch etwas Positives. Ich hoffe auf Hölderlin: ,Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch'.“ Wie spielt man Jelinek? „Man darf diese Stücke nicht spielen und schon gar nicht interpretierend gestalten“, sagt Hauß: „Es braucht eine bestimmte performative Energie, die eher etwas mit Singen, Rennen oder Tanzen zu tun hat.“ Hauß spielt auch in Jelineks „Das Werk“ über den Staudamm von Kaprun, das am 30. April im Burgtheater wieder aufgenommen wird – und die Titelrolle in Schillers „Don Carlos“ (30. 3.).
Gibt es Ähnlichkeiten zwischen Schiller und Jelinek? „Der Unterschied ist gar nicht so groß, wie man denken könnte. Beide Male rast die Sprache, der man sich nicht in den Weg stellen darf. Und sie groovt.“ (Hauß).
Jelinek will ihre Ruhe haben
„Die Kontrakte des Kaufmanns“ sind für Österreich gesperrt, liest man auf der Burg-Homepage. Jelinek hat sich schon einmal von Österreich verabschiedet, 2000, wegen der schwarz-blauen Regierung. „Die Kontrakte des Kaufmanns“ sind nicht gesperrt, schreibt Jelinek: „Ich habe mich für die Uraufführung woanders aus rein persönlichen Gründen entschieden, weil ich dort, wo ich die meiste Zeit lebe, keine Beachtung finden und einfach meine Ruhe haben möchte.“
Wie die Krimi-Bestseller-Autorin Donna Leon, die ihre Romane nicht ins Italienische übersetzen lassen wollte, weil sie an ihrem Wohnort Venedig unbehelligt bleiben möchte. „Ja, dieser Vergleich ist nicht schlecht“, sagt Jelinek-Lektor Nils Tabert vom Rowohlt-Verlag; dort erscheinen im Juni die letzten drei Jelinek-Stücke: „Über Tiere“, „Rechnitz“, an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt, und „Die Kontrakte des Kaufmanns“. Eines der beiden Letzteren wird wahrscheinlich 2010 bei den Wiener Festwochen zu sehen sein. Die Uraufführung von „Über Tiere“, das von Frauenhandel und Prostitution handelt, war 2007 im Kasino des Burgtheaters zu sehen.
„Die Kontrakte“ seien einer der „extremsten Texte Jelineks“, sagt Lektor Tabert, in der Form wie Minimal Music, Philip Glass. Das Stück sei ein Rhizom, dieses Wort stammt aus dem philosophischen Poststrukturalismus und bezeichnet ein Wurzelgeflecht wie bei Ingwer analog zum Sprachgeflecht. Jelinek, Handke, Bernhard, diese drei großen österreichische Autoren haben immer wieder für reichlich Erregung gesorgt. „So starke Reaktionen von dieser Heftigkeit und Leidenschaft gibt es in Deutschland kaum“, meint Tabert. Früher hat gerade Jelinek sich gern öffentlich inszeniert, viele Interviews gegeben. Der Auslöser für ihre Menschenscheu sei der unglaubliche Run nach dem Literaturnobelpreis 2004 gewesen, so Tabert. Während sie früher bei Uraufführungen im Theater erschien, sogar mitspielte, z.B. im „Sportstück“ im Burgtheater, besucht sie jetzt meist nur die Generalprobe.
Gibt es Nachfolger für die großen Rebellen in der österreichischen Literatur? „Nachfolger gibt es immer“, sagt Burg-Dramaturg Joachim Lux, der im Herbst das Hamburger Thalia Theater übernimmt: „Ich setze einiges Vertrauen in Händl Klaus, auch in Ewald Palmetshofer. Die österreichische Literatur schafft es seit Jahrhunderten, Neues und Spezifisches zu erfinden. Das Reservoir ist so unerschöpflich wie die Sprache selbst, jedenfalls solange sich die österreichische Sprache als spezifische erhält.“ Warum regen sich die Deutschen so viel weniger über Literatur auf als die Österreicher? „In Deutschland hat die Literatur einen ganz anderen und geringeren Stellenwert als in Österreich. In Österreich ist sie immer noch ersatzweise so etwas wie ,die Öffentlichkeit'. Der zentrale Grund ist, dass kleinere Länder wie Österreich anders als die großen Industrienationen sich ihre nationalen Besonderheiten erhalten haben und nicht von vorgefertigtem Sprachmüll und Sprach-Fast-Food kolonisiert sind. In Deutschland gab es bis etwa Ende der Siebzigerjahre mit Böll, Grass, Enzensberger auch noch diese Art der Öffentlichkeit, die sich aus der Abarbeitung des Nationalsozialismus definierte. In der ostdeutschen Nischengesellschaft hat sich eine eigenartige Literatur bis zum Mauerfall gehalten, wenn man an Heiner Müller, Christa Wolf, Volker Braun denkt. In Österreich hält sich dieses Spezifische. Es hat auch Zukunft“, so Lux.
Pause bei Thomas Bernhard
Er werde am Thalia „mit Sicherheit österreichische Autoren spielen, auch wenn sie es dort schwer haben. Das ist mir egal.“ Neben Jelinek schätzt er vor allem den jüngst verstorbenen Gert Jonke, der eine Auftragsarbeit für das Thalia hätte schreiben sollen: „Bei Thomas Bernhard ist, glaube ich, eine Pause angesagt. Die Zeit ist über manche seiner Texte hinweg“, findet Lux. Welcher ist sein österreichischer Lieblingsautor? „Wenn Sie mir die exzentrische Äußerung gestatten, Walther von der Vogelweide, wiewohl der höchstens ein Österreicher unter Anführungszeichen war. Dann: Georg Trakl... Es sind zu viele. Das macht keinen Sinn.“
Elfriede Jelinek „Unter uns“ im heutigen „Spectrum“
FAST ALLES ÜBER E. J.
■ „Elfriede Jelinek, ein Porträt“ von Verena Mayer und Roland Koberg beleuchtet facettenreich Vita und Werk der Literaturnobelpreisträgerin, privat, beruflich, literarisch (Rowohlt 19,90 ). Info über Jelinek-Vorstellungen ? 51 444/41 40
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.03.2009)