Symbolschwer: Nabls „Die Ortliebschen Frauen“.
Der aus Böhmen stammende, in und um Wien aufgewachsene Dichter Franz Nabl (1883–1974) hatte seine ruhmreichste Zeit unter den Nazis, deren Gesinnung von Blut und Boden er teilte. Sie schätzten diesen Schilderer deutscher Landschaften und Stämme, seine voluminösen Romane waren allerdings bereits Anfang des 20. Jahrhunderts erschienen. „Ödhof“ (1911) heißt sein gewichtigstes Werk. Berühmt ist Nabl, eine Art Regionalausgabe des ihm wesensverwandten Knut Hamsun, heute nur noch in seiner Wahlheimat Graz. Dort sind – seltsam anachronistisch – ein Germanistik-Institut und der Literaturpreis des Landes Steiermark nach ihm benannt.
Das Landestheater Niederösterreich hat sich nun eines zeittypischen Nabl-Romans angenommen. Am Donnerstag war in St. Pölten Premiere für „Die Ortliebschen Frauen“. Hausherrin Isabella Suppanz führt Regie, die Dramatisierung des Romans von 1917 stammt von Helmut Peschina, der ein gutes Ohr für Dialoge hat, mit Chris Pichler hat man einen Shootingstar in der Paraderolle der arglistig manipulativen Josefine verpflichtet. Der Abend ist kurz, zwei Stunden inklusive Pause – beste Voraussetzungen also für einen Erfolg.
Vergebliche Fluchtversuche
Und dennoch stellt sich neben Gelungenem (vor allem Pichlers expressives Spiel beeindruckt) auch Missbehagen ein. Diese von inzestuösem Begehren durchtränkte Geschichte, bei Nabl heimattümelnd und hartkantig über mehrere hundert Seiten ausgebreitet, wirkt doch etwas papieren in diesem Kammerspiel mit ärmlichem Bürgertum. Im Stakkato werden zwei Dutzend Szenen auf der Drehbühne (Ausstattung: Martin Warth) mit vier einfachen Sets präsentiert – viel Tempo, kaum aber Dichte, mehr Kolportage als Roman. Nur Josefine und Anna sind ausgearbeitete Charakterrollen, der Rest ist schwach skizziert.
Die Handlung: Witwe Ortlieb (Gabriele Schuchter spielt tadellos verhärmt eine Altersrolle) hält ihre drei Kinder in totaler Abhängigkeit, sie hat es am Herzen. Assistiert wird ihr im Manipulieren von ihrer älteren Tochter Josefine, die jeden Fluchtversuch der jüngeren Geschwister unterbindet. Anna (Charlott von Blumencron behauptet sich streichelweich) wird zurückgepfiffen, als sie mit dem Tierhändler Nikolai (Klaus Haberl mit schön gespielter Melancholie) anbandelt. Sie muss seinen Antrag abweisen. Symbol für die Tristesse ist der Vogel, für den sie in der Tierhandlung Futter holte. Der Star krepiert.
Schatten junger Mädchenblüte
Ausbrechen will auch der klumpfüßige Sohn Walter (Hendrik Winkler spielt sehr zurückhaltend), doch Josefine und die Mutter achten darauf, dass Kontakte mit Mädchen (Pippa Galli als rosarot gewandeter Teenie Olga, Julia Schranz als laszive Schauspielerin Kranzler, die schon einmal ihr Höschen runterstreift) abgebrochen werden. Die Familie zieht um. Als der Sohn schließlich ins Berufsleben eintritt, als Bankangestellter mit einer Kollegin tändelt, wird die Idylle tatsächlich zum Gefängnis. Die Schwestern sperren ihn in den Keller. Ursprünglich hieß das Buch „Das Grab des Lebendigen“. Ein düsteres Märchen von Brüderchen und Schwesterchen; die Sache geht böse aus.
Zuvor aber darf Pichler im Sentiment brillieren, in hysterischen Anfällen, die fast attisches Tragödienmaß haben, und in begehrlichen Umarmungen mit dem stocksteifen Bruder. Sie übertreibt dabei um einen Tick, aber wahrscheinlich entspricht das der Nabl-Ästhetik und dem Willen der Regie. Sie lässt unterschiedlichste Ausdruckmöglichkeiten zu. Zwei Nebenrollen (Christine Jirku und Helmut Wiesinger als Nachbarn) dürfen sehr volkstümlich agieren, die übrigen Darsteller sind in der hohen Tragödie zu Hause. Eine durchwachsene Sache also.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.03.2009)