Ursula Plassnik, von der Politik »langsam entgiftete« Außenministerin a.D. und „Krone“-Leserin bis heute, liebt das Mediterrane und die bunte Vielfalt des Wiener Naschmarkts. Noch lieber, so scheint es, wäre sie allerdings in Kärnten.
Eigentlich hätte es das Krapfenwaldlbad in den Grinzinger Weinbergen werden sollen. „Der wunderbare Blick über die Stadt. Das blaue Wasser und der leichte Wind. Und der Geruch des Holzhauses beim Eingang – wie damals im Klagenfurter Strandbad.“ Im „Krawa“ hat Ursula Plassnik, als sie noch Assistentin am Juridicum war, die Arbeiten ihrer Studenten korrigiert. „Das Wasser zieht mich als Kärntnerin einfach an“, sagt sie. Freunde hätten ihr vor Jahren sogar eine Plakette mit der Aufschrift „30 Jahre U.P. im Krawa“ geschenkt.
Doch da Freibäder um diese Jahreszeit eher selten geöffnet haben, wurde es der Naschmarkt. „Das ist der nächste Ort zum Mittelmeer“, meint die Außenministerin außer Dienst. Als Kärntnerin in Wien habe man es anfangs nicht ganz leicht. Wenn man auf dem Land aufgewachsen sei, sagt Plassnik, sei die „Licht- und Luftlosigkeit“ der Stadt schrecklich. Sie kenne daher „unzählige Spazierwege“ in Wien. Aber der Naschmarkt sei etwas Besonderes – das Multikulturelle, „die mediterrane Komponente“, die Standler und Waren aus der Türkei, den Balkanländern, aus Frankreich, Italien und Asien.
Vier Jahre hat Ursula Plassnik hier am Naschmarkt gelebt, in der Mühlgasse, zur Zeit der schwarz-blauen Regierung ab dem Jahr 2000. „Da war ich meist bis Mitternacht im Kanzlerbüro. Es war für mich die schönste Entspannung, danach über den menschenleeren Naschmarkt zu schlendern. Und am Samstag hab ich dann für hundert Jahre eingekauft.“
„Grüß Gott, Madame!“ Das tut Ursula Plassnik auch jetzt. Nicht nur viele Marktbesucher schauen ihr nach, manche lugen aus den Lokalen heraus, auch etliche der Standler erkennen die große Dame in der orangen Jacke. „Schon lange nicht mehr da gewesen“, begrüßt sie einer. „Grüß Gott, Madame!“, ruft ihr ein anderer zu. „Madame, was machen Sie jetzt?“, ruft er ihr noch nach, doch da ist sie schon einen Stand weiter, bei den Granatäpfeln.
Ursula Plassnik, Außenministerin von 2004 bis 2008, zuvor Botschafterin in Bern und davor viele Jahre Kabinettschefin von Wolfgang Schüssel, ist derzeit einfache Nationalratsabgeordnete und arbeitet in der Abteilung für Internationale Frauenfragen im Außenministerium. Sie ist nach wie vor viel in der Welt unterwegs. Vorige Woche war sie etwa bei einer Frauenkonferenz in Monrovia (Liberia).
Ihren Rücktritt habe sie nicht bereut, sagt Plassnik in einem der Naschmarkt-Cafés. Sie befreie sich von der Politik langsam, „in kleinen Schritten“. Es sei eine „Entgiftung und Entschleunigung“. Das tagespolitische Hickhack sei ohnehin nie das ihre gewesen.
Gespräch mit Faymann. Mit Kanzler Werner Faymann habe sie zuletzt während der Regierungsverhandlungen gesprochen. „Es war ein gutes Gespräch – im Sinne des gegenseitigen Zuhörens.“ Sie unterstütze diese Regierung auch. „Das ist im Interesse Österreichs.“ Ob sie heute noch ab und zu in die „Krone“ schaue? „Jeden Tag“, sagt Plassnik und schmunzelt nicht einmal. „Ich habe die ,Krone‘ auch zur Pflichtlektüre im Außenministerium gemacht. Vorher hat sie dort nämlich keiner gelesen.“ Und man habe sich dann „einen Sport daraus gemacht“, die EU-kritischen Leserbriefschreiber besagter Zeitung zurückzurufen.
Es dauert nicht lange, und Plassnik spricht wieder über Kärnten. Auch eine polyglotte Außenministerin a.D. bekommt die Provinz, die geliebte, schwierige Heimat, anscheinend nicht aus sich heraus. Der Naschmarkt, sagt Plassnik, erinnere sie sehr an den Benediktinermarkt zuhause in Klagenfurt. Man sollte, und das sei ihr wirklich ein Anliegen, von Wien aus, das immerhin auf dem Weg „zur größten Kärntner Stadt“ sei, nicht immer so verächtlich auf Kärnten herabblicken und es als eigentümlichen Sonderfall abtun. „So leicht kann man es sich wirklich nicht machen.“
Dirndl von Jörg Haider. Aber auch die Kärntner sollten selbstbewusster werden, dann könnten sie im Umgang mit der Minderheit großzügiger sein. Wie ihr Verhältnis zu Jörg Haider war? „Korrekt.“ Als sie das erste Mal als Außenministerin nach Klagenfurt kam, habe er sie mit Chor, Salz und Brot empfangen und ihr ein Dirndlkleid geschenkt. Sie trage es noch heute, zuletzt im Kärntner Landtagswahlkampf.
Der nächste Sonntagsspaziergang sollte vielleicht doch in Kärnten stattfinden.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.03.2009)