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Twitter: Die Massen-SMS im Internet

(c) diepresse.com (Philipp Splechtna)

Seit zwei Jahren stellt die Online-Plattform Twitter dieselbe simple Frage und hat damit bereits sechs Millionen Nutzer angelockt.

"Ich schaue gerade auf ein abgestürztes Flugzeug." Wenige Sekunden nach dem Absturz der Turkish Airlines in Amsterdam war auf der Internet-Plattform Twitter bereits zu lesen, was passiert ist. Ein Reisender hatte mit seinem Blackberry auf Twitter die Frage „Was machst du gerade?“ beantwortet und war mit der Nachricht des Flugzeugabsturzes so um rund 15 Minuten schneller als die BBC.

Mit rund sechs Millionen Nutzern entgeht Twitter mittlerweile kaum ein Thema. Auf einer Chat-artigen Übersichtsseite prasseln etwa 1000 Nachrichten pro Minute auf den Leser ein. Natürlich lässt sich dieser Informationsfluss auf ein erträgliches Maß reduzieren, und zwar, indem man nur die Nachrichten ausgewählter Nutzer abonniert. Die meisten Abonnenten, sogenannte „Followers“, haben Prominente wie etwa Barack Obama oder Britney Spears, aber auch Nachrichtenportale wie BBC sind sehr beliebt. Im März feiert die Plattform ihren zweiten Geburtstag, und auch die Österreicher scheinen Twitter langsam zu entdecken.

Der wohl derzeit bekannteste Österreichische Twitter-Nutzer ist Armin Wolf. Rund 1300 Abonnenten hat der ZiB-Moderator, und Wolf ist ein fleißiger Schreiber: Etwa 20 Meldungen „twittert“ er täglich. Der Moderator nutzt Twitter nicht privat, sondern vielmehr, um mit anderen Nutzern ZiB-Inhalte zu diskutieren. „Darf/muss um 20h15 Didi Constantini interviewen. Habe keine Ahnung von Fußball! Was soll ich fragen?“, ist dann beispielsweise wenige Stunden vor Beginn der Nachrichtensendung zu lesen. Um zu sehen, welche Antworten die Twitter-Community Armin Wolf gibt, muss man eine andere Webseite bemühen.

Unter http://search.twitter.com kann man den gesamten Informationsfluss der sechs Millionen Mitglieder durchsuchen. Reaktionen auf Meldungen beginnen immer mit @ und dem Nutzernamen. Eine Suche nach „@ArminWolf“ liefert also alle Antworten, die der Moderator von anderen Nutzern erhalten hat – und das sind erstaunlich viele. Mehr als 15 alleine in der letzten Stunde, und schon wenige Sekunden nach dem Auslösen der Suche sind wieder zwei hinzugekommen. Eine der Antworten lautet etwa: „@ArminWolf zuerst: es ist eine schande, dass Sie sich nicht für fußball interessieren :-) fragen Sie constantini, was er sich selbst frag...“ Dass die Nachricht mitten im Satz endet, liegt an der knapp bemessenen Zeichenbeschränkung von Twitter. 140 Zeichen – länger darf ein „tweet“ (so heißen die Twitter-Meldungen) nicht sein. Der Text soll schließlich auch in ein SMS passen. Tweets kann man sich nämlich in den USA, Kanada und Indien kostenlos aufs Handy schicken lassen. Ist man Leser mehrerer Twitter-Nutzer, kann das allerdings schnell zu einer nervtötenden Funktion werden.

Mit der Suchfunktion kann man auch alle Nachrichten, die in einer bestimmten Gegend „getwittert“ werden, ausfindig machen. Gibt man etwa „near:vienna“ ein, erhält man alle „tweets“, die von Nutzern in Wien geschrieben wurden. Man erfährt dann etwa, dass ein gewisser TomKiebacher „10 kg Fettgewebe gegen 10 kg Muskelmasse“ tauscht. „Jemand interessiert ...? =P“. Der Wiener Informationsfluss berichtet aber beispielsweise auch, welche Lieder in diesem Moment im Radio gespielt werden. Unter dem Strich wird aber schnell klar: Von einer Popularität wie in den USA oder in Großbritannien ist Twitter in Österreich weit entfernt. So hat Barack Obama derzeit rund 371.000 Abonnenten. Sucht man nach allen Nachrichten, die in der Nähe von Washington geschrieben wurden, so sind das selbst um fünf Uhr morgens Ortszeit noch immer rund 30 Meldungen pro Minute - dasselbe gilt für London.

Längst haben Politiker auf der ganzen Welt das Potenzial von Twitter entdeckt, um mit Wählern zu kommunizieren. Selbst in Deutschland hat bereits jede größere Partei mehrere Twitter-Auftritte. Österreich hinkt da noch ein wenig hinterher – einzig Die Grünen twittern brav und haben bereits rund 294 „Followers“ – aber vielleicht ändert sich das noch.

2008 war Twitter mit rund 380 Prozent das am stärksten wachsende Online-Netzwerk. Eine Zahl, die selbst die weltgrößte Community-Plattform Facebook vor Neid erblassen ließ. Im Herbst hat das Riesennetzwerk einen Übernahmeversuch gestartet – die Verhandlungen scheiterten allerdings. Als Nutzer ist es trotzdem leicht, die beiden Zeitvertreiber miteinander zu verbinden. Die eigenen Twitter-Meldungen können automatisch an das eigene Facebook-Profil gesendet werden. So werden auch dort alle „Freunde“ stets mit frischen „tweets“ versorgt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.03.2009)