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Frau Minichmayr achtet auf ihre Seele

(c) Reuters (Tobias Schwarz)
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Sie ist der Star der Burg und sang mit den Toten Hosen. Im Kino kocht sie im „Knochenmann“. Birgit Minichmayr über ihr Leben ohne TV und eine unerfüllte Liebe – zum Akkordeon.

Wie steht es mit dem Klischee des Burgtheaters in der Theaterstadt Wien und dem Klischee der Heimkehr der Minichmayr?

Birgit Minichmayr: Kommt man nicht automatisch zu Klischees, wenn man über Österreich redet? Ich bin nie heimgekehrt, weil ich weiter hier gespielt habe. Es kam damals nur die Berliner Volksbühne dazu. Frank Castorf hat mir dort unglaubliche Abende geschenkt, die „Schneekönigin“ zum Beispiel. Bei ihm spielt man bis zur Erschöpfung, völlig assoziativ. Er hatte dieses tolle Ensemble mit Martin Wuttke, Henry Hübchen, Sophie Rois, Bernhard Schütz und Kathi Angerer, das sich in den letzten zwei Jahren leider praktisch aufgelöst hat. Bis auf Sophie ist keiner mehr da. Ich bin auch gegangen. Ich wünsche Castorf, dass er zu neuer Leidenschaft kommt. Am Burgtheater schätze ich die Vielseitigkeit. Du musst nicht ständig rumreisen, um die Regisseure zu haben, die du willst. Du kriegst sie alle hier: Klaus Michael Grüber, Luc Bondy, Andrea Breth, Martin Ku?ej et cetera.

 

Die setzen Sie auch sehr unterschiedlich ein. In der einen Woche sind Sie am Burgtheater ein androgyner Narr in William Shakespeares „König Lear“, in der nächsten am Akademietheater der „Weibsteufel“ im Stück von Karl Schönherr.

Die Narrenrolle liebe ich, weil sie so vielschichtig ist und so viele Spielweisen in sich birgt. Wenn ich Stücke gerne gespielt habe, war es mir nie zu lang. Den „Weibsteufel“ spiele ich auch mit Lust. Nur der „Reigen“ war mir nach 120 Aufführungen zu viel. Vor der Neuaufnahme vom „Goldenen Vließ“, die wir für „Best of Bachler“ machen, fürchte ich mich. Inzwischen ist viel passiert.

 

Was bedeutet für Sie der Begriff Aura? Wer hat das in Ihren Augen?

Die unterschiedlichsten Menschen haben das, nicht nur jene, die in der Öffentlichkeit stehen. Es gibt Menschen, die wirken allein durch ihre Anwesenheit. Auf der Bühne ist eine Aura schön, durch die Leichtigkeit, mit der sie daherkommt. Ich denke da an Klaus Maria Brandauer.

 

Der war Ihr Lehrer am Reinhardt-Seminar. Wie war die erste Begegnung?

Die Klasse war sehr nervös. Dann kam diese Erscheinung rein, die einen regelrecht wegbläst. Er rief den Ensemble-Unterricht sogleich zur Religionsstunde aus und fragte, wie wir denn wüssten, dass nicht die anderen fünfzehn, die nicht drangekommen waren, die richtigen Schüler gewesen wären. Gleich begann das Improvisieren.

 

Sie haben sich von Jugend auf mit Literatur beschäftigt. Auch aktiv?

Ich schreibe Tagebuch. Ach! Wenn ich doch Talent zum Schreiben hätte! Das Schreiben macht mir Spaß. Aber ich habe zu hohen Respekt vor wirklich großen Schriftstellern, um ein Buch zu veröffentlichen.

 

Der Schriftsteller Julien Green, den Sie schätzen, war ein begeisterter Tagebuchschreiber.

Ich liebe ihn! Von dem habe ich ziemlich alles gelesen. „Adrienne Mesurat“ mehrmals. Ich entdecke mich in diesem Mädchen wieder.

 

Haben Sie ein Sensorium für das Dramatische in Romanen?

Nicht so sehr für die Bühne, sondern für den Film. Zolas Romane zum Beispiel sollte man verfilmen. Oder Marlen Haushofers „Die Wand“.

Wie lebt es sich zwischen Film und Bühne? Und mögen Sie Fernsehen?

Das Fernsehen hat einen ganz schlechten Stand. Ich habe aber selbst seit sechs Jahren gar kein TV, ich verweigere mich der Verdummungsmaschinerie. Meine Freunde sekkieren mich, weil ich nichts kenne, außer ein bisschen „Sex and the City“ im Hotel. Film und Theater unterscheiden sich vom Energiezustand. Im Theater hast du 1300 Augenpaare auf dir, beim Film bist du unter der Lupe.

 

Ein Dreh ist doch eine surreale Situation. Man spielt vor Spezialisten, die mit ihrem Job beschäftigt sind.

Sexszenen sind besonders absurd. Da frage ich mich dann, was tust du eigentlich hier? Man stöhnt vor ein paar Leuten rum, tut, als ob. Das ist grauenvoll. Da muss man dann aufgefangen werden.

 

Welche internationalen Regisseure mögen Sie? Mit wem würden Sie gerne arbeiten ?

Da gibt es hunderte. Lars von Trier, Pedro Almodóvar, die vielen Skandinavier, Roman Polanski.

 

Wie verhalten Sie sich vor Premieren?

Ich bin nicht der Typ, der sich in Hysterien reinsteigert. Divenverhalten wäre Energieverschwendung. Man muss sich nicht auf Kosten der Maskenbildner und Garderobieren ausleben. Dazu bin ich zu sozial erzogen. Ich mag höflichen Umgang.

 

Bleibt Ihnen eigentlich noch Freizeit?

Das Schönste zum Entspannen ist für mich Lesen. Im Sommer habe ich das in Ibiza drei Wochen lang gemacht. Früher habe ich Klavier gespielt, aber dazu komme ich überhaupt nicht mehr. Ich möchte so gerne Akkordeon lernen, vielleicht fange ich das einmal an.

 

Was wünschen Sie sich von Ihrem Beruf?

Kontinuität, schöne Arbeiten in Film und Theater. Über die Preise bei der Berlinale haben wir uns riesig gefreut. Aber es gibt keine Garantie auf Erfolg.

 

Sie könnten Gesangskarriere machen!

Mein Auftritt bei den Toten Hosen war eine einmalige Geschichte. Die suchen, glaube ich, kein sechstes Bandmitglied. Mit Campino diese Aufnahme gemacht zu haben war fantastisch. Ich habe ihn bei der „Dreigroschenoper“ in Berlin kennengelernt. Er hat immer vom Duett gesprochen, und der sagt auch, was er meint. Vor 16.000 Menschen in der Stadthalle zu singen oder beim „Echo“ mit 3,5 Millionen Zuschauern, das sind Erfahrungen, an die man sonst nie rankommt. Das ist eine reine Energiegeschichte.

 

Wie gehen Sie mit Medienhype um?

Zuletzt fühlte ich mich im Wirbel in Berlin schon wie ein Indianer, der sich davor fürchtet, dass man ihm die Seele wegfotografiert. Ich musste permanent Interviews geben. Am Anfang meiner Laufbahn fühlte ich mich richtig bedroht von euch Journalisten. Durchs Internet wird auch jeder Blödsinn festgehalten, den man jemals gesagt hat. Und dann schreibt auch noch jeder vom anderen ab. Da kann man nur zitieren: Was interessiert mich der Unsinn von gestern?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.03.2009)