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Phänomen Minichmayr: Was sie hat, was uns so reizt

Sie ist fesch, aber nicht schön. Urgewaltig und doch verletzlich. Birgit Minichmayr hat die Qualitäten, ein neuer Popstar der Bühne zu werden. von Almuth Spiegler

„Wenn du zur Nacht kommst/Und alles um uns still wird/Und du nur noch Atem für mich bist/Weiß ich, dass uns nichts passieren kann/In diesem Moment.“ Und dieser Moment gehört Birgit Minichmayr, so oft in letzter Zeit. Im Akademietheater als „Weibsteufel“ beim zurzeit intensivsten Theatererlebnis in Wien. Im Film „Alle anderen“, für den sie gerade den Silbernen Bären als beste Darstellerin gewonnen hat. Oder eben als Duettpartnerin von Tote-Hosen-Sänger Campino. Der Punker hatte sie dazu aufgefordert, nachdem er sie bei den Proben zur „Dreigroschenoper“ in Berlin kennengelernt hatte.

Erstmals live sangen sie „Auflösen“ dann bei der Echo-Verleihung in Berlin, umgeben von einem Lichtermeer, ungeheuer stimmungsvoll, Minichmayr wirkte entspannt, unaufgeregt sexy im schulterfreien schwarzen Top. Im Dezember dann in der Wiener Stadthalle: Minichmayr klammerte sich an ihr Mikro, während Campino sie lässig umtänzelte – „Gib mir alle Namen/Gib mir alle Zeit/Solang wir sind, kehren/Wir nie zurück/Vom Augenblick zur Ewigkeit/Ist's nur ein Stück“. Dieses „Stück“ scheint auch Minichmayr gespürt zu haben, als ihr plötzlich tausende Menschen ihrer eigenen Generation zujubelten, nicht einige hundert derer ihrer Eltern im Theater – dieses „Stück“ heißt Ruhm, heißt Stardom und fühlt sich je nach Bühne völlig anders an.

„Will ich das?“ Diese Reflexion wäre Minichmayr zuzutrauen, trotzdem wechselte sie ihr Genre, traute sich was, ließ es krachen. Es ist diese Mischung aus Urkraft und Sophistication, die sie so umwerfend macht, dieses Laute, Rotzige, Direkte und trotzdem Schlaue, Überlegte, sogar Verletzliche, wenn sie im „Weibsteufel“ über den Baumstamm balanciert. Sie ist fesch, aber nicht schön. Hat Starappeal, ist aber noch greifbar. Eine Naturgewalt, mit der man auch ins Beisl trinken gehen kann, ohne dass es peinlich wird. Diese fabelhafte Vamp/Kumpel-Dualität scheinen Männer mit ausgeprägterem Ego an Minichmayr so zu begehren – andere senken ängstlich den Blick und sehnen sich nach der Vorgängerin in puncto Starfaktor zurück, der mütterlicheren Nina Proll, einem ähnlichen, allerdings sehr österreichischen Phänomen.

Minichmayr ist bereits anders aufgestellt: Sie kommt aus einer Starschmiede, der Brandauer-Klasse am Reinhardt-Seminar, konnte sich in Berlin etablieren, an Castorfs Volksbühne. Eher ist ihr eine Berliner Schnauze nachzusagen als eine Wiener Goschn, etwas „Österreichisches“ ist bei ihr nicht mehr spürbar. Sie hat gleich anfangs die berüchtigte „deutsche Hürde“ genommen, die für Austrostars vor allem im Pop karrieretechnisch bisher unumgänglich war. (Mit dem Aufstieg von „YouTube“ scheint diese zu fallen – was zumindest im Pop zu größerer Vielfalt führen könnte, ungefiltert von den Produktionsnormen der Musikindustrie.) Im Theater war der Sprung in den reicheren Nachbarmarkt von jeher einfacher, wohl, weil in dieser Branche weniger Geld zu verdienen ist, Konkurrenz also weniger bedrohlich scheint. So steht Minichmayr in einer ganzen Reihe österreichischer Schauspieler, die über Deutschland zu Stars wurden, allen voran Tobias Moretti, aber auch Christiane Hörbiger, Julia Stemberger etc. – fehlt also nur eine Fernsehserie?

Oder auch nicht, Minichmayr hat ja nicht einmal einen Fernseher. Noch ist ihr Phänomen also am ehesten mit dem der etwas älteren Sophie Rois zu vergleichen, ebenfalls einer Oberösterreicherin. Beide sind erst einmal große Bühnenschauspielerinnen, haben Stimmen, die man nicht vergisst, sind urgewaltig und ephemer zugleich, Rois aber wohl in allem eine Spur zu extrem, zu exaltiert, um wie Minichmayr die Chance zu haben, doch einmal ein echter (Pop-)Star zu werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.03.2009)