Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl

Schon Homo erectus ritzte Muster in Muschelschalen

Wenn man genau hinschaut, sieht man die Zickzacklinien. Sie stammen von Menschenhand.(c) Win Lustenhouwer
  • Drucken

Kunst ist viel älter als bisher gedacht, das zeigt die Neuauswertung alter Funde in Java: Dort wurde 1891 der Erste unserer Ahnen außerhalb von Europa ausgegraben. Und der war vor 540.000 Jahren schon intelligent genug für Abstraktion und Symbole.

Solche Muster macht die Natur nicht, Zickzacklinien in einer Muschelschale, streng symmetrisch, ohne Unterbrechung durchgezogen. Solche Muster macht nur der Mensch, man bringt sie mit hohen intellektuellen Fähigkeiten in Verbindung, denen der Abstraktion und des Denkens in Symbolen. Deren Geburt sah die Forschung lange in Europa, vor 35.000 Jahren wurden Höhlenwände mit Malereien geschmückt.

Aber das war ein eurozentrisches Vorurteil: Die bisher ältesten bekannten Formen von unstrittiger Kunst fanden sich in Südafrika, Rautenmuster in Ocker geritzt, vor 77.000 Jahren, Ähnliches wurde auch in Schalen von Straußeneiern graviert. Gar 100.000 Jahre alt sind perforierte Meeresschnecken in Nordafrika, sie waren keine gestaltete Kunst, aber doch Schmuck. Immerhin, die Verfertiger von allem gehörten zu uns, den Homo sapiens oder auch „modernen Menschen“ – so nennt uns die Anthropologie wegen unserer vergleichsweise grazilen Gestalt –, außer uns konnte schließlich niemand die nötige Intelligenz aufbringen.

Auch das erwies sich als Vorurteil, mit ähnlich perforierten Muscheln schmückten sich auch Neandertaler in Gibraltar, in Italien benützten sie dazu Vogelfedern, und bei kunstvoll geschnitzten Figurinen aus Mammutelfenbein auf der Schwäbischen Alb – etwa 35.000 Jahre alt – hielten möglicherweise auch Neandertaler die Messer in den Händen. Immerhin, sie waren ja Zeitgenossen unserer Ahnen. Das kann man von einem anderen nun wirklich nicht behaupten: Homo erectus. Mit ihm erhoben sich die Menschen endgültig zum aufrechten Gang – vor etwa 1,8 Millionen Jahren –, und mit dem erwanderten sie die Erde, sie kamen etwa nach Java. Dort, im Osten der Insel bei Trinil an der Mündung des Solo-Flusses, fand Eugéne Dubois 1891 den ersten, es war zugleich der erste Fund eines Ahnen außerhalb von Europa.

 

Mit Haifischzähnen gebohrt und graviert

Aber Dubois grub auch anderes an den Ufern aus – in der „Hauptknochenschicht“, die Forschung sprach damals noch Deutsch –, Schalen von Süßwassermuscheln, vor allem von Pseudodon. Die wurden nicht von der Natur in die Hauptknochenschicht gebracht: Sie stammen alle von ausgewachsenen Individuen, und sie haben alle eigenartige Perforationen, dort, wo innen die Muskeln ansetzten. Das sind keine Bissspuren von Ottern, Ratten oder Affen – sie alle ernähren sich auch von den Muscheln –, auch keine Hackspuren von Vögeln. Sie sehen vielmehr exakt so aus wie die, die Menschen viel später in der Karibik in Muscheln bohrten, um sie zu öffnen. Dazu braucht es allerdings so spitze wie stabile Werkzeuge, und auch dafür fanden sich Kandidaten in der Hauptknochenschicht: Haifischzähne.

Mit denen kann man exakt die gleichen Löcher in die Muschelschalen bohren, Wil Roebroks (Leiden), der die ganze Kollektion von Dubois im Museum ausgewertet hat, hat es in experimenteller Archäologie getan, er hat auch bemerkt, dass viele Muschelschalen so zugeschliffen waren, dass man sie zum Schneiden benutzen konnte. Und dann stieß er auf den Höhepunkt der Sammlung: eine Muschel mit Gravur. Sie, die eine Muschel mit der Gravur, sie ist, wie die anderen auch, etwa 540.000 Jahre alt (Nature, 3. 12.). Damals gab es noch keinen Homo sapiens – der entstand vor etwa 150.000 Jahren in Afrika –, damals gab es Homo erectus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2014)