Ein Zeichen sind wir, deutungslos

Wahrscheinlich ist es eine Neurose, die seit Jahrzehnten unbehandelt blieb.


Wenn ich weiß, dass ein neues Werk aus der Hand eines Peter Handke oder einer Elfriede Jelinek erscheinen wird, ist es mir unmöglich, an einer Buchhandlung vorbeizugehen. Ich prüfe täglich, ob das Buch schon vorrätig ist und muss es dann gleich besitzen. Diese Autoren gehören zu den Idolen meiner behüteten Jugend in Fürstenfeld, sie zu ignorieren wäre genauso fahrlässig wie der Fehler, ein Album von Bob Dylan zu versäumen.


Vielleicht liegt der Grund meiner Schwäche auch darin, dass diese sensiblen Geister so abweisend gegenüber Österreich sind. In den Abgründen meines Herzens verstehe ich das. „Kauf mich nicht!“, lautet die spröde Botschaft der Popstars der deutschsprachigen Literatur. Für und gegen sie läuft dann längst eine Medien-kampagne. „Geh weg, du dumpfer österreichischer Mensch!“, drohen die Dichter. Und schon haben sie mich. Sie kriegen mich garantiert allein durch Androhung von Entzug.
Mittwoch war es wieder so weit. Im Einzelhandel meines Vertrauens lagen „Die Kuckucke von Velika Hoča“ bereit, die einige Kiebitze offenbar schon vorauseilend rezensiert hatten, hundert schmale Seiten nur, aber nicht unproblematisch; Handke besucht für eine Woche eine serbische Enklave im Kosovo und schreibt auch noch darüber. Das werden so manche Leitartikler, die halbe UNO und ganz Priština nicht ungestraft lassen. Wer Gerechtigkeit für Serbien fordert, braucht sich um Feinde nicht zu sorgen.


In „der Rolle eines Reporters oder meinetwegen Journalisten“ wollte der Dichter die Menschen von Velika Hoča befragen. Aus dem Buch wurde aber, wie erwartet, keine Reportage, sondern eine feinsinnige Schilderung. Der Dichter beobachtet sich selbst beim Dichten, und aus den Augenwinkeln noch die Umgebung, die er umgehend ästhetisiert. Wenige verstehen es, so meisterhaft mit Farben, Formen und zugleich auch mit der Syntax umzugehen wie Handke. Er strebt nach dem Schönen.

Zur Nebensache wird dabei, ob das balkanisch Fette, an dem er seit vielen Jahren würgt, ungenießbar ist oder bloß eine Antithese. Handke weiß wohl selbst am besten, wie flüchtig die Erinnerung ist, die Mutter aller Musen. Er zitiert aus Hölderlins „Mnemosyne“: „Ein Zeichen sind wir, deutungslos“. Handke hätte bei seiner sentimentalen Reise in ein fast vergessenes Land auch die Verse darunter nennen können: „Schmerzlos sind wir und haben fast / Die Sprache in der Fremde verloren.“
Am Montag folgt wieder ein vertrautes Muster; die Urlesung von Jelineks „Wirtschaftskomödie“ im Akademietheater. Da muss ich hin! Vom Balkan ist der Bawag-Skandal nur einen Gedankensprung entfernt.

norbert.mayer@diepresse.com

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