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Märtyrerideologie und Judenhass

Umstrittener Terminus „Islamfaschismus“: Wie ist die Gedankenwelt der Muslimbrüder begrifflich zu fassen?

Yusuf al-Qaradawi, einer der einflussreichsten Vordenker des sunnitischen Islam, hält sich nicht lang mit der Leugnung des Holocaust auf, sondern erklärt ihn für vorbildlich: Hitler sei die „letzte Strafe“ für das jüdische Volk gewesen, die Allah ihm wegen „seiner Verkommenheit“ auferlegt habe; und in der Zukunft sollten die Muslime selbst Hand anlegen.

2009 erklärte al-Qaradawi: „So Gott will, wird das nächste Mal diese Strafe durch die Hand der Gläubigen erfolgen.“ Die ägyptische Muslimbrüderschaft, aus der al-Qaradawi stammt, war für fast alle späteren Richtungen des radikalen Islam prägend. Die Muslimbrüderschaft entstand als Prototyp einer islamistischen Organisation nahezu zeitgleich mit den faschistischen Massenbewegungen in Europa.

Der sprunghafte Anstieg ihrer Mitgliedszahlen resultierte Anfang der 1930er-Jahre ganz so wie beim europäischen Faschismus und Nationalsozialismus aus einer massenhaften, wahnhaft projektiven Reaktion auf die hereinbrechende krisenhafte kapitalistische Moderne.

 

Unterschiede, Ähnlichkeiten

Auch wenn die politische Programmatik der Muslimbrüder mit den religiösen Schriften des Islam legitimiert wurde und sich beispielsweise hinsichtlich Sexualmoral und Geschlechterpolitik von Faschismus und Nationalsozialismus deutlich unterscheidet, glich sie doch von Beginn an in zentralen Punkten jener der radikalen Rechten in Europa: Ablehnung von Parlamentarismus und Parteiendemokratie, Kampf gegen Liberalismus und Marxismus, Verteufelung des Zinses, Proklamierung einer Gemeinschaft von Kapital und Arbeit, zu deren Verteidigung gegen die sie angeblich zersetzenden Kräfte der als jüdisch gebrandmarkten Abstraktion man seit der Gründung 1928 angetreten war.

Trotz aller gravierenden Unterschiede hinsichtlich des historischen Kontexts, der ideologischen Begründungszusammenhänge, der ökonomischen und politischen Struktur sowie der militärischen Schlagkraft, ähnelt die Feindbestimmung der islamischen Jihadisten jener des Nationalsozialismus mit seinem Hass auf Kommunismus und Materialismus, Liberalität und westliche „Plutokratie“, Individualität, Emanzipation und Zionismus.

 

Linke Abwehrreflexe

Zuletzt hat der deutsch-ägyptische Publizist Hamed Abdel-Samad den Terminus des „Islamfaschismus“ wieder in die Diskussion gebracht. Er weist nachdrücklich auf die Verbindungen des Islamismus im Allgemeinen und der Muslimbruderschaft im Besonderen zu Faschismus und Nationalsozialismus hin – allerdings ausgehend von einer ausgesprochen fragwürdigen Religionsexegese.

Der Begriff des Islamfaschismus führt heute besonders bei Linken zu reflexhaften Abwehrreaktionen. Doch angesichts autoritärer antisemitischer Massenbewegungen mit ausgeprägtem Führerkult und Märtyrerideologie, die permanent Kampagnen gegen Schädlinge am großen Ganzen initiieren, hemmungslos brutale Gewalt gegen politische Gegner anwenden und einen „Dritten Weg“ zwischen Kapitalismus und Sozialismus, zwischen Ost und West beschwören, drängt er sich geradezu auf.

Zu diskutieren wäre vielmehr, ob die Fixierung auf den Faschismusbegriff nicht insofern schon zur Verharmlosung tendiert, als angesichts des zentralen Stellenwerts des Antisemitismus in den diversen Spielarten des Islamismus die Parallelen zum Nationalsozialismus trotz aller Unterschiede in anderen Bereichen viel deutlicher ins Auge springen als zum klassischen Faschismus italienischer Prägung.

Stephan Grigat ist Lehrbeauftragter an den Universitäten Wien und Graz. Soeben ist sein Band „Die Einsamkeit Israels. Zionismus, die israelische Linke und die iranische Bedrohung“ erschienen.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2014)