Der Wiener Finanzplatz leidet unter seiner geringen Größe, er sei aber für heimische Firmen sehr wichtig, sagt Börsenfan Stefan Pierer.
Wien. „Ich gehöre nicht zu den österreichischen Unternehmern, die angesichts schwieriger Rahmenbedingungen, hoher Steuern und Umweltauflagen gleich das Land verlassen“, sagte Stefan Pierer jüngst bei der Präsentation seines neuesten Börsenprojekts. Pierer, der den Motorradproduzenten KTM aus dem Konkurs übernommen und zum Europa-Marktführer bei Motocross-Maschinen entwickelt hat, bringt im ersten Halbjahr 2015 seine Holding Cross Industries an die Wiener Börse.
Die KTM und Pankl Racing, die ebenfalls unter dem Dach der Cross firmieren, bleiben an der Börse, für die Pierer eine große Lanze bricht. „Für österreichische Unternehmen, die an Öffentlichkeit und Attraktivität gewinnen möchten, ist der Finanzplatz Wien wichtig – auch wenn dieser im Verhältnis zu anderen klein ist“, sagt Pierer. Sogar eine Telekom Austria oder Siemens seien an der Wall Street untergegangen.
Allerdings brauche es auch einer Aufwertung durch die Politik. Der Zugang zur Börse müsse vor allem für mittelständische Firmen einfacher gemacht werden. Seit dem Wechsel von Inhaber- zu Namensaktien, die nicht mehr handelbar sind, „ist der Zugang zum dritten Markt“ tot, erklärt Pierer. Dieses Segment biete aber – „wie im Fußball die Landesliga“ – Neulingen eine Einstiegsmöglichkeit und die Chance zum Aufstieg. Die Wiener Börse fordert in diesem Zusammenhang für KMU Steuererleichterungen in der Form, dass die Kosten eines Going Public geltend gemacht werden könnten.
Die Börse allein könne kein Garant für den Erfolg eines Unternehmens sein, betont Pierer. Ganz wichtig sei ein Kernaktionär – egal, ob Fonds, Familie, Manager oder eine andere Firma. „Der Markt denkt kurzfristig, der Kernaktionär sorgt für Stabilität“, so Pierer.
Die derzeit flaue Wirtschaftslage würde Investitionen und damit auch Schritte auf den Kapitalmarkt nicht gerade beflügeln, räumt Börsesprecherin Julia Resch ein. Das Interesse sei dennoch groß: Heuer hätten 47 Unternehmen an Veranstaltungen der Börse zum Thema Finanzierung über den Kapitalmarkt teilgenommen, 2013 seien es 37 gewesen.
Vier Milliarden frisches Kapital
Während es vor allem in den USA spektakuläre Börsengänge gab, sah Wien in diesem Jahr nur ein echtes Initial Public Offering (IPO) – das des Flugzeugzulieferers FACC. Sowohl die Immofinanz-Tochter Buwog als auch die Porr-Tochter Piag, die ab 10. Dezember gehandelt wird, wurden bzw. werden über Abspaltungen an die Börse gebracht. Allerdings gab es eine Reihe von Kapitalerhöhungen im Ausmaß von rund vier Mrd. Euro, die die Bedeutung der Börse für die Kapitalaufbringung unterstrichen.
Für 2015 ist vorerst nur die Cross Holding Fixstarter. In einem ersten Schritt wird die Cross mit den Resten der – ebenfalls Pierer gehörenden und noch börsenotierten – Brain Force verschmolzen. Dem Brain-Force-Streubesitz wird im Rahmen eines freiwilligen Übernahmeangebots 1,80 Euro je Aktie geboten. Damit verschwindet dann allerdings die Brain Force vom Börsenparkett.
Ein neuer Anlauf wird indes der Constantia Flexibles zugetraut. Im November 2013 wurden die Pläne für eine Notierung in Frankfurt und ein Zweitlisting in Wien abgesagt. Jetzt macht der Finanzinvestor One Equity Partners (OEP) offenbar einen neuen Auflauf, um beim Verpackungshersteller auszusteigen. Neben einem Börsengang wird allerdings auch ein Verkauf an einen anderen Finanzinvestor überlegt. Interessenbekundungen soll es schon geben. Das Unternehmen wird mit rund zwei Mrd. Euro bewertet. (eid)
Fokus Wiener Börse
Dieser Artikel erschien in der Beilage "Fokus Wiener Börse", die mit Unterstützung der Wiener Börse AG möglich gemacht wurde. Die Beiträge wurden von der "Presse"-Redaktion in vollkommener redaktioneller Unabhängigkeit inhatlich gestaltet.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2014)