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Sigurd Höllinger: Ein "Roter" wird IHS-Chef

Sigurd HöllingerDie Presse (Michaela Seidler)
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"Presse"-Exklusiv. IHS-Chef Christian Keuschnigg geht, und es gibt auch schon einen Nachfolger: Sigurd Höllinger, ein 74-jähriger Soziologe. In der ÖVP rumort es.

Für den 11. Dezember hat Christian Keuschnigg zu einer Abschiedspressekonferenz eingeladen. Nach nur drei Jahren geht er als Chef des Instituts für Höhere Studien (IHS). Offiziell, weil das IHS finanziell angeschlagen ist und das Kuratorium Keuschniggs Sanierungsplan nicht zugestimmt hat. Inoffiziell, weil ihm der Job einfach „zu viel“ war, wie er immer wieder in diskreten Gesprächen betonte.
Auch egal, jetzt muss der Blick ohnehin nach vorne gerichtet werden: Wer wird also das 51 Jahre alte Institut weiter führen? Es gibt einfachere Übungen.
Sie war schon seinerzeit, bei der Bestellung Keuschniggs, höchst kompliziert. Sein Vorgänger, Bernhard Felderer, war 20 Jahre im IHS-Chefsessel gesessen. Ende 2011 verabschiedete er sich vom Konjunkturforschungsinstitut – und die Suche nach einem geeigneten Nachfolger begann. Eine langwierige Geschichte: Immerhin wird von einem IHS-Chef verlangt, dass er international renommierter Wirtschaftswissenschafter ist. Außerdem soll er über gute Managementkenntnisse verfügen, weil er ja auch ein Haus mit rund 150 Mitarbeitern führen soll. Rasch stellte sich heraus: Ein kaufmännisch talentierter Wissenschaftler mit internationaler Reputation – da kann man sich gleich auf die Suche nach der berühmten eierlegenden Wollmilchsau machen.

Damals bewarben sich einige, die sich aber schnell als für den Job ungeeignet qualifiziert erwiesen. Andere, geeignete Wissenschaftler, wurden vom Vorsitzenden des IHS-Kuratoriums, Heinrich Neisser, angesprochen. Doch sie winkten ab. Den Job wollte sich keiner antun. Dann kam Christian Keuschnigg.

Und jetzt? Jetzt ist das Kuratorium wieder an dem Punkt angelangt, an dem es im Jahre 2011 schon war. Und die Ausgangsbedingungen haben sich nicht gerade verbessert.
Doch eine Lösung ist gefunden. Das Kuratorium hat sich auf einen Interims-Chef geeignet. Trotzdem will sich die große Erleichterung nicht einstellen. Weil im IHS wohl jeder weiß: die so genannte interimistische Lösung dürfte mangels geeigneter Kandidaten eher längerfristig ausfallen. Und so gesehen ist die Begeisterung über den „vorübergehenden“ Chef enden wollend. Im IHS selbst. Und in der ÖVP erst recht.

Nach Christian Keuschnigg wird Sigurd Höllinger den IHS-Chefsessel übernehmen. Neisser bestätigt das: Höllinger werde mit 1. Jänner den Posten übernehmen. „Für maximal ein Jahr“, wie Neisser betont.
Höllinger wird nächsten April 75 Jahre alt und war lange Jahre Universitäts-Sektionschef im Unterrichtsministerium. Und er ist Schriftführer des IHS-Kuratoriums. „Er hat unglaubliche Erfahrung“, sagt Neisser. Doch das streitet ohnehin niemand ab. Für Irritationen sorgt vielmehr die Tatsache, dass er Soziologe ist – womit das IHS erstmals nicht von einem Ökonomen geführt wird. Im Institut herrscht maximale Unruhe.

Doch das ist nichts gegen die Befindlichkeiten in der ÖVP. Denn es ist so, dass Höllinger eindeutig der roten Reichshälfte zuzuordnen ist. Der Präsident des IHS-Kuratoriums, Heinrich Neisser (einst ÖVP-Minister, -Klubobmann und Zweiter Nationalratspräsident), hat das so hingenommen: Das IHS-Kuratorium setzt sich je zur Hälfte aus ÖVP- und SPÖ-nahen Mitgliedern zusammen; die „Roten“ hatten sich vehement gegen einen „neoliberalen Kandidaten“ ausgesprochen; Neisser hat ihnen zwecks Konfliktvermeidung nachgegeben.

In der Volkspartei herrscht nun blankes Entsetzen. Und das rührt ausnahmsweise nicht daher, dass es keinen Versorgungsposten für einen Parteitreuen gibt. Es geht um die „Sache“. Und die wäre: Wirtschaftsforschung, respektive Konjunkturprognosen könnten hierzulande bald generell linke Schlagseite bekommen. So weit jedenfalls die Befürchtung. Und die hat was.

Da wäre zunächst einmal die volkswirtschaftliche Abteilung der Nationalbank, die schon seit Jahren fest in SPÖ-Händen ist. Dort gibt es nicht wenige Mitarbeiter, die bei Publikationen des Globalisierungsgegners Attac mitwirken, die entweder in Kabinetten von SPÖ-Regierungsmitgliedern arbeiteten oder gleich für das KPÖ-Organ „Volksstimme“ geschrieben haben.

Auch das größte Wirtschaftsforschungsinstitut des Landes, das Wifo, hat über die Jahre linke Schlagseite bekommen. Auch wenn dessen Chef Karl Aiginger dies stets vehement bestreitet und dann und wann versucht, das Ruder herum zu reißen. Aber es nutzt nichts: Schon vor Jahren haben Raiffeisen und Industriellenvereinigung ihren Geldfluss in Richtung Wifo gekappt, weil das Institut ihrer Meinung nach „linke Ideologie“ verbreitete – gemeint war damals die von einzelnen Wifo-Ökonomen befürwortete „Reichensteuer“.
Jetzt befürchtet die ÖVP, das Korrektiv in Form des IHS zu verlieren. Schon vor Jahren wollte sich das Institut von den regelmäßig zu erstellenden Konjunkturprognosen verabschieden – aus Kapazitätsgründen. Doch die Volkspartei setzte alle Hebel in Bewegung, um dies zu verhindern. Eine zweite Meinung zu Prognosen – aber auch ökonomischen Gutachten – sei absolut notwendig, hieß es damals.

Jetzt ist für die ÖVP der worst case eingetreten. Nicht nur für sie. Zahlreiche wichtige IHS-Ökonomen haben das Institut bereits verlassen. Neisser versucht zu beschwichtigen: „Höllinger wird als interimistischer IHS-Leiter keine inhaltlichen Akzente setzen. Er wird vor allem eine Planungsgruppe installieren, die sich mit der künftigen IHS-Struktur beschäftigen soll.“
Als heißer Kandidat für die Höllinger-Nachfolge gilt übrigens der scheidende WU-Rektor Christoph Badelt. Der steht aber erst in eineinhalb Jahren zur Verfügung.